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Erst Corona-Einschränkungen, jetzt Krieg in Europa – Interview mit Wolfhager Kindertherapeut

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Von: Sascha Hoffmann

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erst Corona dann Krieg in Europa Kinder und Jugendlich leiden auf ihre ganz eigene Weise
Erst Corona, dann Krieg in Europa: Kinder und Jugendliche leiden auf ihre ganz eigene Weise. © Paul Zinken/dpa

Wie kann ich meinem Kind erklären, was gerade in der Welt los ist? Diese und noch viele andere Fragen beantwortet der Wolfhager  Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Jochen Krämer.

Wolfhager Land – Erst Corona, nun Krieg: Seit mehr als zwei Jahren befindet sich die Welt im Ausnahmezustand. Für Erwachsene ist das schon eine Herausforderung, Kinder und Jugendliche leiden auf ihre ganz eigene Weise.

Die beunruhigenden Themen unserer unruhigen Zeit belasten sie auf ganz andere Weise, als die Erwachsenen – manchen jungen Menschen machen die aktuellen Nachrichten sogar richtiggehend Angst.

Wie Eltern am besten mit den Reaktionen und Fragen ihres Nachwuchses umgehen, darüber haben wir mit dem Wolfhager Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeut Jochen Krämer gesprochen.

Jochen Krämers Mantra für eine Kommunikation in Krisenzeiten: „Alle Reaktionen sind normal für eine abnormale Situation.“
Jochen Krämers Mantra für eine Kommunikation in Krisenzeiten: „Alle Reaktionen sind normal für eine abnormale Situation.“ © Privat

Auf Corona folgt nun die nächste Krise, die uns alle sehr belastet. Ist der Beratungsbedarf seit Kriegsausbruch bereits gestiegen?

Kurz gesagt: Nein. Das ist auch nicht verwunderlich, weil Deutschland nicht direkt betroffen ist und viele Familien mit eigenen Themen verausgabt sind oder im Idealfall die vergangenen zwei Jahre gut genutzt haben, um ihre Problemlösekompetenzen drastisch zu verbessern. Dazu kommt, dass ich nicht notfallpsychologisch etwa in einer Hilfsorganisation arbeite, da sieht das sicher anders aus.

Speziell bezogen auf das Thema Krieg: Wie bespreche ich das mit meinen Kindern so, dass sie einordnen können, was passiert, ohne dabei Angst zu bekommen?

Für die Antwort muss man mehrere Perspektiven unterscheiden. Bin ich oder sind Angehörige direkt betroffen oder nicht? Im hierzulande häufigsten Fall, dem nicht direkt Betroffensein, sollte der erste Schritt der Versuch einer eigenen Einordnung sein. Wenn das Eltern nicht sofort gelingt, ist das keinesfalls schlimm. Dann kann man ehrlich zugeben, dass man selbst überrascht ist von dem, was passiert.

Wie gehe ich damit um, wenn meine eigene Angst so groß ist, dass ich gar nichts erklären kann, ohne beispielsweise ständig zu weinen? Dürfen Kinder die Angst und Unsicherheit ihrer Eltern spüren?

Unsicherheit finde ich ganz normal in diesen Zeiten. Wenn ich jedoch akut und längerfristig über dem Limit wäre, würde ich zunächst versuchen, mich zu sammeln und mir selbst Hilfe holen. Ich würde versuchen zu erklären, dass das nichts mit dem Kind zu tun hat, sondern einem selbst gerade alles zu viel ist.

Unsicherheit oder eine gewisse Nervosität sind normal und brauchen vor Kindern nicht geheim gehalten werden. Meist merken sie es sowieso, und wer will schon als Lügner dastehen oder dafür verantwortlich sein, dass Kinder beginnen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln?

Wichtig ist anzuerkennen, dass es weder für seine Kinder noch für sich selbst hilfreich ist, eine gewünschte emotionale Reaktion zu forcieren, sondern aktiv damit zu arbeiten, was gerade da ist.

Was können konkrete Reaktionen von Kindern oder Jugendlichen sein?

Kinder sind beim Einordnen recht bescheiden und pragmatisch. Typische Sätze zur Beruhigung, die ich von aufgeregten Zehnjährigen höre, sind: „Ich glaube nicht, dass er (Putin) zu uns kommt, und wenn er doch eine Bombe auf uns schmeißt, werfen wir zehn auf ihn.“

Das Ganze wird dann noch lautmalerisch ausgeschmückt und zum Tagwerk übergegangen. Oder es wird mit Freunden am eigenen „Geheimversteck“ gebaut. Jugendliche nutzen gern schwarzen Humor, Sarkasmus und Zynismus, das kann auch eine Art der Verarbeitung sein. Letztlich ist mein Mantra: Alle Reaktionen sind normal für eine abnormale Situation.

Sollte man warten, bis die Kinder selbst mit Fragen zu einem kommen?

Kann man, muss man aber nicht. Beruflich und auch familiär spreche ich dringende aktuelle Themen grundsätzlich direkt an, etwa nach dem Motto: „Und, was hast du vom Krieg gehört?“ Bei Jugendlichen kann man etwas drastischer in der Ansprache sein.

Auch wenn ein Kind mich etwas von sich aus dazu fragt, würde ich immer zuerst umgekehrt fragen: „Was denkst du denn dazu?“ Das dient dazu, dass ich meine Antwort auf das Level der vorliegenden Informationen anpassen und die jeweiligen Sorgen abholen kann, ohne eigene Themen einzuspielen.

Wichtig ist, regelmäßig das Gespräch zu suchen beziehungsweise ein Angebot zu machen, weil sich die Art der Beschäftigung von Kindern mit dem Thema im Lauf der Zeit verändert.

Was halten Sie von der Taktik, Nachrichten komplett zu ignorieren, um sich selbst und möglicherweise auch die Kinder zu schützen?

Für Kindergartenkinder und jüngere Schulkinder sollte das tatsächlich die Methode der Wahl sein. Es ist besser, die Kinder weitestgehend fernzuhalten von Problemen, die sie nicht lösen können. Das heißt auch, auf dem zwei Meter Flatscreen selbst keine Nachrichten oder Dokus anzusehen, wenn die Kinder wach sind.

Persönlich filtere ich die Informationen zumindest stark. Die schlimmen und dramatischen Bilder würden zu stark emotionalisieren und dabei ein Gefühl von Hilflosigkeit verstärken, was mir bei der Aufgabenerfüllung beruflich und privat nicht hilfreich ist.

Viele Eltern verlassen sich auf die kindgerecht aufbereiteten Nachrichten der Sendung LOGO. Ist das ratsam?

LOGO wird auch gerne als Gesprächsgrundlage in Schulen geschaut. Ich selbst nutze es beruflich und privat nicht, weil ich es persönlich als zu bemüht und altklug empfinde. Letztlich hängt es von den Eltern selbst ab, wie sie das entscheiden, was auch davon abhängig gemacht werden sollte, wie das Kind auf die Sendung reagiert.

Wenn es kein Ersatz für das Gespräch mit dem Kind oder eine Abgabe von Verantwortung ist, spricht für mich – abgesehen von Altersfragen – nichts dagegen. Womöglich können sich auch aufgeregte Eltern gemeinsam mit ihren Kindern mithilfe von LOGO beruhigen.

Was kann man konkret tun, wenn die Nachrichten zur Last werden?

Als Folge von Informationsaufnahme sind direkte Aktionen hilfreich. Erstens natürlich, um tatsächlich zu helfen, aber auch, um selbst das Gefühl der Hilflosigkeit abzubauen und Gemeinschaft zu erleben.

Hier gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Wie wäre es etwa mit dem gemeinsamen Packen von Spenden oder der Organisation eines Waffelverkaufs mit anschließender Spende der Einnahmen? (Sascha Hoffmann)

Zur Person

Jochen Krämer (49) ist Kinderund Jugendlichenpsychotherapeut mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und hypnosystemische Therapie. Er praktiziert in eigener Praxis in der Wolfhager Kurfürstenstraße 31. Krämer ist verheiratet und Vater von drei Kindern

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