Deutschkurs, Wäschen waschen, Laub fegen

Flüchtlinge in der Wolfhager Unterkunft: So sieht ihr Alltag aus

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Deutsch lernen: Ehrenamtliche wie Eva Godduhn aus Sand bringen den Flüchtlingen Deutsch bei. Die Kurse sind für die Asylbewerber freiwillig – und immer gut besucht.

Gasterfeld. Deutsch lernen, kochen, Sprechstunde beim Arzt, Wäsche waschen und Laub fegen: So sieht der Alltag für Flüchtlinge aus, die in der Pommernanlage in Gasterfeld leben.

Said Abdalla Helal sammelt das Laub zusammen und wirft es in eine Mülltonne. Zusammen mit mehreren anderen Flüchtlingen gehört der Somalier zur Gruppe Arbeitsgelegenheit, kurz AGH, die sich um den Außenbereich der Unterkunft kümmert. Mit Besen und Laubbläser sind die jungen Männer auf dem Gelände unterwegs und sammeln das Laub ein.

Arbeit im Freien: Viele Flüchtlinge sind in den Arbeitsgelegenheit-Gruppen und verdienen sich 1,05 Euro pro Stunde dazu.

Jeden Tag arbeitet die Gruppe vier Stunden auf dem Gelände. Dafür bekommt jeder 1,05 Euro pro Stunde. Eine weitere AGH-Gruppe hilft den Reinigungskräften in den Häusern, saugt und putzt Flure, Küchenund Gemeinschaftsräume. Auch für sie gibt es pro Stunde 1,05 Euro, sagt Elena Becker. „Das Geld ist für die meisten aber nicht der Hauptgrund, in die AGH-Gruppen zu wollen“, sagt sie. „Sie möchten etwas tun, eine Aufgabe haben.“ Wer in welcher Gruppe mithelfen darf, entscheidet unter anderem sie. Die Sozialpädagogin gehört seit gut einem Jahr zur Leitung von Haus 5.

Zu ihren Aufgaben gehört nicht nur Organisatorisches. Becker ist Übersetzerin, Ratgeberin, Organisatorin und Vermittlerin in einer Person. Briefe übersetzen, die Ausländerbeiratswahl erklären und Termine mit Ämtern vereinbaren gehört ebenso zu ihren Arbeiten wie neue Flüchtlinge in Kassel abzuholen.

Wäschetrockner: In vielen Gemeinschaftsbädern hängt die Wäsche zum Trocknen über den Waschbecken.

Auf ihrem Weg durch die Flure begrüßt Becker alle mit Namen. Ihr ist es wichtig, jeden zu kennen. „Wir wollen eine freundliche Atmosphäre. Wenn jeder jeden kennt, kann man vieles schneller klären“, sagt sie. Wichtig ist den Hausleitern auch, dass alle miteinander auskommen - egal, welche Nationalität oder Religion sie haben. In allen Gruppen - ob bei den Arbeitsgelegenheiten oder in Musikkursen - sind Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Ländern zusammen. Auch in den Häusern sind die Nationalitäten gemischt - in den Zimmern allerdings nicht.

Hilft mit: Farida Sheik Ismail Zada aus Syrien lebt zwar nicht mehr in der Pommernanlage, hilft aber in der Kleiderkammer mit.

Konflikte gibt es selten, sagt sie. Viele würden sich eher gegenseitig helfen, beispielsweise beim Aufpassen auf die Kinder. Auch in denGemeinschaftsküchen, in denen sich die Flüchtlinge selbst versorgen, wird zusammen hantiert. Alle Mitarbeiter würden sich sicher fühlen in der Pommernanlage. Auch sie als Frau habe nie Probleme gehabt - „auch nicht mit arabischen Männern“, sagt sie und spielt damit auf ein Vorurteil an.

Abwasch: Haxhere aus dem Kosovo am Spülbecken in einer der Küchen.

Helfen untereinander ist auch beim Deutschkurs angesagt. „Ist das ein Staubsauger“, fragt Eva Godduhn und zeigt auf einen Besen. Die Flüchtlinge kennen gleich die richtige Antwort und sagen im Chor: „Nein, das ist kein Staubsauger. Das ist ein Besen.“ Zum dritten Mal ist Godduhn, die Lehrerin ist, ehrenamtlich in der Pommernanlage, um den Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Vor sieben jungen Männern und einer Frau steht sie und zeigt zunächst Prospekte. Gemeinsam werden die Dinge, die zu sehen sind, benannt. Godduhn will, dass alle möglichst alltagstaugliche Begriffe lernen.

In der Kleiderkammer haben die Ehrenamtlichen das Sagen. Die Frauen sortieren, nähen kaputte und waschen schmutzige Kleidung. Zu ihnen gehört Farida Sheik Ismail Zada aus Syrien. Bis vor einem halben Jahr lebte sie selbst in der Pommernanlage, jetzt hat sie eine kleine Wohnung in Wolfhagen und darf vorerst drei Jahre bleiben. Doch wie alle hofft sie, für immer bleiben zu können, sagt sie.

Volles Wartezimmer bei der Sprechstunde

In Haus 7 hat Sigrid Wittwer, Ärztin aus Waldeck, an diesem Tag Sprechstunde. Zwei Mal pro Woche ist ein Arzt in der Pommernanlage, dienstags und freitags. Eigentlich ist Sprechstunde von 12 bis 13 Uhr, aber das Wartezimmer ist voll. Deshalb macht Sigrid Wittwer länger. „Anfangs war es etwas chaotisch, aber mittlerweile läuft es gut“, sagt die Medizinerin. Gelegentlich gebe es noch sprachliche Probleme. Meist wird eine Mischung aus Englisch und Deutsch gesprochen, manchmal übersetzt auch Arzthelferin Jetmire Demiri, die gebürtig aus dem Kosovo kommt.

Die Ausstattung im Behandlungszimmer ist schlicht, es gibt eine Liege, einen Tisch und ein paar Stühle. Aufwändigere Untersuchungen, beispielsweise Ultraschall, müsse sie in ihrer Praxis machen. „Meistens geht es aber nur um Kleinigkeiten“, berichtet sie. So wie bei einem jungen Mann aus Afrika. Er klagt über Rückenprobleme. Wittwer tastet ihn ab, während er in gebrochenem Englisch erklärt, dass er sich die Verletzung beim Fußballspielen zugezogen hat. „Ein muskuläres Problem“, stellt die Ärztin schnell fest.

Immer wieder kommen auch Menschen in die Sprechstunde, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben. „Die kann ich aber nicht auffangen“, sagt sie. Auch deshalb, weil die Zeit dafür zu knapp sei. Die Gesundheitsleistungen für Asylbewerber sind auch eingeschränkt, sagt Elena Becker. Die Kosten für Behandlungen trägt der Kreis.

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