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Besteck und Schnaps für Verstorbene: Geflüchtete Ukrainer berichten über Weihnachtsbräuche

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Von: Paul Bröker

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Leckere Kost zum Fest: Valentina Klevez (Mitte) hat vier der zwölf typischen Weihnachtsgerichte zubereitet. Hier ist sie mit Tochter Sophia und Irina Khyzhna zu sehen. Katja Wiegand (hinten links) und Michael Musatov hat es geschmeckt.
Leckere Kost zum Fest: Valentina Klevez (Mitte) hat vier der zwölf typischen Weihnachtsgerichte zubereitet. Hier ist sie mit Tochter Sophia und Irina Khyzhna zu sehen. Katja Wiegand (hinten links) und Michael Musatov hat es geschmeckt. © Paul Bröker

Viele geflüchtete Ukrainer feiern schon am 25. Dezember Weihnachten – nicht wie sonst am 6. und 7. Januar. Sie berichten von ihren Weihnachtsbräuchen.

Zierenberg/Wolfhagen – „Ich kann die Ukrainer verstehen“, sagt Michael Musatov. Der 49-Jährige sitzt im Zierenberger Christophorus-Haus und übersetzt ins Deutsche. Er selbst, das sagt er als in Deutschland lebender Russe, würde sich an ihrer Stelle auch von alten Bräuchen lösen, die stark mit Russland verbunden seien. Einer davon: Weihnachten am 6. und 7. Januar zu feiern.

Erst am 13. Dezember hat die eigenständige orthodoxe Kirche der Ukraine entschieden: Die Pfarreien dürfen ihre Weihnachtsgottesdienste künftig schon am 25. Dezember feiern – statt wie bisher am 7. Januar. Die im Wolfhager Land lebenden Ukrainerinnen und ihre Kinder feiern dieses Jahr teils schon wie die Deutschen – doch mit eigenen Traditionen.

Zwölf vegetarische Speisen zum Weihnachts-Fest

Eine der Frauen: Valentina Klevez. Die 40-Jährige ist im März mit ihrer Familie aus Lwiw in der Westukraine geflüchtet. Mit ihrer Tochter Sophia sitzt sie an diesem Adventsvormittag vor dem schon beinahe festlich gedeckten Tisch.

„Zwölf vegetarische Speisen gibt es bei uns zu Weihnachten“, erzählt sie. Ihre Sitznachbarin Lesia Vasylchuk (39) aus Kiew: „Die Gerichte stehen für die zwölf Apostel.“ Darunter: vegetarischer Borschtsch mit kleinen Teigtaschen, Pfannkuchen (Berliner), Wareniki mit Kartoffelfüllung und Speisen mit Roter Bete.

Ukarainische Bräuche: Süßer Brei zu Weihnachten

Wichtigstes Gericht? „Kutja“. „Der Kutja wird an Heiligabend traditionell als erstes serviert.“, so Vasylchuk. Jedes Familienmitglied müsse mindestens einen Löffel von dem süßen Brei essen, der aus gekochten Weizenkörnern mit Walnüssen, Honig, Mohn und Rosinen gemacht sei.

Derweil sitzt Daryna Bahdanova (32) aus dem ostukrainischen Charkiw am Küchentisch ihrer Einliegerwohnung in Wolfhagen. Nebenan im Zimmer, wo der Tannenbaum steht, tollt ihr sechsjähriger Sohn Mykhailo herum. Sie zuckt mit den Schultern, als sie von den Bräuchen aus der Westukraine hört. „Ich esse das ganze Jahr über Fleisch.“

Doch auch ihr sei manches vertraut: „Die Tische sind mit festlichen Decken geschmückt. An den Wänden: weitere Decken und Ikonen. Auf dem Tisch: ein Gesteck aus Getreide, in der Mitte eine Kerze.“

Bräuche an Weihnachten: Ukrainer gedenken Verstorbenen

Davon haben auch die Ukrainerinnen aus Zierenbeg erzählt. Lesia Vasylchuk zufolge soll das ein Zeichen des Lebens und Glücks sein, vergleichbar mit den Gestecken zum Erntedankfest.

Doch Weihnachten sei in der Ukraine nicht nur das Fest der Familie. Sie gedächten dann auch der verstorbenen Verwandten, erklärt Vasylchuk. Traditionell stehe ein leerer Teller mit Besteck im Fenster. „So können sich die Ahnen bedienen.“

Auch ein bisschen Aberglaube dürfe nicht fehlen: Das Essen darf nur mit Löffeln gegessen werden. Verboten: Sich beim Abendmahl vom Tisch entfernen. Die Türen bleiben auch zu: Die bösen Geister könnten sonst hereinkommen. Auf den leeren Plätzen: ein gefülltes Schnapsglas für jeden gestorbenen Verwandten.

Kiche und Familie: Ukrainer im Wolfhager Land feiern Weihnachten

Auch wenn der Tag der Sternsinger erst am 8. Januar sei, gingen Kinder und Jugendliche bereits an Heiligabend nach dem Essen durch die Straßen, klingelten bei den Bewohnern, sängen Weihnachtslieder und erbäten Spenden, so Vasylchuk.

„Am ersten Weihnachtstag geht die Familie dann in die Kirche“, sagt sie. Mittags werde wieder gemeinsam gegessen, nun aber auch Fleisch. „Am zweiten Weihnachtstag besuchen wir entferntere Verwandte.“

Geschenke spielten in der Ukraine an Weihnachten dagegen keine so große Rolle: „Mischa kriegt diesmal trotzdem ein kleines Geschenk“, verrät Daryna Bahdanova. (Paul Bröker)

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