Eine Überfahrt zwischen Hoffnung und Todesangst

„Gezittert und gebetet“: Efrem und John flüchteten mit dem Boot übers Mittelmeer

Mit Todesangst das Mittelmeer überquert: Efrem und John, hier im Gespräch mit Ines Riedel und Kathrin Schacht, sind Bootsflüchtlinge. Foto: Ricken

Wolfhagen. Efrem und John sind in einem überladenen Boot über das Mittelmeer geflohen und erlebten Todesangst. Heute leben die beiden Flüchtlinge in Wolfhagen.  

Das Boot ist eine Nussschale, überladen mit 270 Menschen. Eng gepfercht stehen sie zusammen, knien, hocken. Nur die Frauen mit den Kindern haben einen Sitzplatz. Als Efrem, der als Flüchtling in der Wolfhager Pommernanlage lebt, von seiner Flucht über das Mittelmeer erzählt, zittern seine Hände.

Das Wasser überschwemmt immer wieder das Boot, niemand hat noch etwas Trockenes am Leib. „Wir haben gezittert und gebetet“, erinnert sich der junge Mann aus Eritrea, der die berüchtigte Todeszone zwischen Lybien und Italien in einem Boot überquert hat und überlebte.

„Wir haben keine andere Wahl, unsere einzige Chance sind die Boote und die Schlepper.“ 

Zwölf Stunden lang ist das Boot unterwegs, zwölf Stunden Todesangst. Efrem hat nichts gegessen und getrunken. Erniedrigend und lebensgefährlich, wenn einer vor allen anderen seine Notdurft verrichten muss.

Hoffnungslos überfüllt: Die Boote, die die Flüchtlinge übers Mittelmeer fahren, werden immer wieder zu Todesfallen. Tausende Menschen haben die gefährliche Überfahrt von Afrika nach Europa mit dem Leben bezahlt. Foto: dpa

Efrem wusste, dass er sein Leben auf dem Mittelmeer riskiert. Viele Freunde von ihm sind auf der Route ertrunken. „Wir haben aber keine andere Wahl, unsere einzige Chance sind die Boote und die Schlepper“, sagt der 24-Jährige. Eritrea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Doch das ist nicht der Hauptgrund für Efrem. „Wir werden unterdrückt, leben Tag und Nacht in Angst, das Militär kann jederzeit kommen und Dich verschleppen.“ Wer flieht, ist ein Verbrecher und kann sofort erschossen werden.

Efrem hat Angst um seine Eltern, wenn die Kinder fliehen, könnten sie gefoltert werden. Er hat kaum Kontakt zu ihnen. Seit elf Monaten ist er in Wolfhagen, spricht sehr gut Deutsch und hofft, in Sicherheit bleiben zu dürfen.

Sein Freund John ist ebenfalls ein Bootflüchtling. Nur mit großem Glück hat er überlebt. „Wir waren 30 Stunden auf dem Meer, plötzlich brach das Boot.“

Neugeborenes war eiskalt 

Sechs Stunden lang traute sich niemand, sich nur einen Zentimeter zu bewegen. Auf dem Boot war eine Frau mit einem Neugeborenen. „Das Kind war eiskalt und schrie ununterbrochen.“ John weiß nicht, ob es überlebt hat. Die Besatzung eines italienischen Schiffes rettete die Menschen schließlich aus dem Boot. Als Efrem und John die Bilder der neuesten Flüchtlingstragödie auf dem Mittelmeer gesehen haben, standen ihnen die Tränen in den Augen. Die eigenen Bilder mit ihren traumatisierenden Erlebnissen waren wieder gegenwärtig. Die Angst ist immer da - auch jetzt noch.

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