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Grün bis zum Tod des Wirtsbaums

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Von: Norbert Müller

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Die weißen Beeren der Mistel
Die weißen Beeren der Mistel: Sie werden überwiegend durch Vögel, die die Beeren fressen oder an denen die klebrigen Samenträger haften bleiben, weitergetragen. © Norbert Müller

Die weißen Beeren der Mistel werden in der Region zum Problem, in Süd- und Mitteldeutschland ist die Mistel schon zur Plage geworden

Wolfhager Land – Im Gallien von Asterix und Obelix stiegen die rauschebärtigen Druiden voller Ehrfurcht in die Bäume, um mit einer goldenen Sichel Misteln für ihre kultischen Handlungen zu schneiden.

Wenn in unseren Breiten heutzutage Obstbauern ins mistelbewachsene Geäst ihrer Hochstämme kraxeln, dann nur, um der immergrünen Pflanze mit scharfem Sägeschnitt den Garaus zu machen.

Bräuche, wie das Aufhängen von Mistelzweigen im Türrahmen und der Kuss darunter, der Paaren Glück bringen soll, machen die Mistel den Baumbesitzern kaum sympathischer.

Am Tag der europäischen Streuobstwiese soll der Blick auf die Mistel gelenkt werden

Für sie gilt: Je früher der grüne Schmarotzer, der zwangsläufig zum Tod des besiedelten Baumes führt, beseitigt ist, desto besser.

Heute, am europäischen Tag der Streuobstwiese, wollen die Streuobstinitiative im Landkreis Kassel (Silka) und der Naturschutzbund (Nabu) den Blick auf die Mistel lenken, die aktuell in den noch weitgehend kahlen Bäumen gut zu erkennen ist: als be-laubte grüne Kugel oder bei stärkerem Befall als blättertragende bauschige Matte.

„Vor allem in Süd- und Mitteldeutschland ist die Mistel zur Plage geworden“, sagt Dierk Schwedes, der im Fachbereich Landwirtschaft der Landkreisverwaltung auch für den Bereich der Streuobstwiesen zuständig ist.

Die Mistel breite sich zunehmend in Richtung Norden aus

Die Mistel breite sich aber zunehmend in Richtung Norden aus. Im Wolfhager Land, sagt der Diplom-Ingenieur für Landschaftsplanung, sei besonders die Niederlistinger Gemarkung betroffen, aber auch bei Nothfelden könne man stark befallene alte Obstbäume finden.

Die Laubholzmistel beschränke sich nicht auf Apfelbäume, auch Pappel, Linde, Weide, Birke und Ahorn werden besiedelt. An Birne, Kirsche oder Pflaume und Zwetschge habe der Schmarotzer dagegen kein Interesse.

Für die zunehmende Ausbreitung auch in bislang eher verschonte Gebiete werde auch der Klimawandel verantwortlich gemacht: Schwedes spricht von den „längeren Trockenperioden, die die Bäume schwächen und somit anfälliger für Krankheiten und Schädlinge machen“.

Förderlich für den Siegeszug der Mistel sei die mangelnde Pflege der Bäume

Förderlich für den Siegeszug der Mistel, gerade im extensiven Streuobstanbau, sei aber auch besonders die mangelnde Pflege der Bäume. „Werden die Misteln schnell erkannt und entfernt, können sie sich kaum ausbreiten“, sagt der Mann vom Fachbereich Landwirtschaft.

Schwedes: „Die Kontrolle der Streuobstbäume auf den Wiesen und entlang der Wege hat oberstes Gebot, um die Ausbreitung zu stoppen.“

Auf ihre weitere Verbreitung hat sich die Mistel bestens vorbereitet. Aus den Blüten, die zwischen Februar und April an den Misteln erscheinen, entwickeln sich die markanten schleimigen weißen Beeren.

Durch die Substanz an den Beeren pappt der Samen an der Rinde oder auf Ästen fest

Diese werden von Vögeln wie der Misteldrossel, der Wacholderdrossel oder dem Seidenschwanz gefressen oder sie kleben am Gefieder oder dem Schnabel der Vögel fest und werden dann auf den Bäumen ausgeschieden, beziehungsweise abgestreift.

Durch eine klebrige Substanz an den Beeren pappt der Samen an der Rinde oder auf Ästen von gesunden Bäumen fest. Der Mistelkeimling kann so sehr schnell über Saugwurzeln in das Holz und die Leitungsbahnen des Baumes eindringen und ihm wichtige Nährstoffe und Wasser entziehen.

Wenn sich die Mistel schnell und ungehindert entwickeln kann, schwächt sie den Baum in seiner Vitalität und führt zuerst über Totholzbereiche zum Absterben des gesamten Baumes, erklärt Dierk Schwedes.

„Misteln gehören weder zu den streng noch besonders geschützten Arten“

Und genau dies, so Schwedes weiter, gelte es zu verhindern. Dazu müsse man zunächst mal mit dem sich hartnäckig haltenden Irrglauben aufräumen, die Mistel stünde unter Naturschutz.

Das sei tatsächlich nicht so. „Misteln gehören weder zu den streng noch zu den besonders geschützten Arten“, erklärt der Streuobstwiesenexperte. Nur wenn die Mistelzweige gewerblich verkauft werden und ein wirtschaftlicher Gewinn damit erzielt werden soll, sei eine Genehmigung für den Schnitt durch die Untere Naturschutzbehörde (UNB) erforderlich.

Die einzig wirkungsvolle Methode zur Bekämpfung des unerwünschten Baumbesetzers sei der Rückschnitt in das gesunde Holz der Bäume. Mindestens 30 Zentimeter müsse der befallene Ast dann eingekürzt werden.

Die Bäume im Blick behalten und öfter mal mit einem scharfen Werkzeug einsteigen

Ein Schnitt, der der Gesunderhaltung eines Baumes dient, könne ganzjährig ausgeführt werden. Vorab müsse man jedoch klären, ob von dem Schnitt Vogelnester betroffen sind.

Sollte dies der Fall sein, müsse man mit dem Schnitt warten, bis die Nester nicht mehr dauerhaft besetzt sind. Auch auf Baumhöhlen sei zu achten, hier könnten neben Vögeln auch Fledermäuse oder Hornissen betroffen sein, die ebenfalls unter Schutz stehen.

Bei älteren, sehr stark befallenen Bäumen haben die Misteln schon ganze Arbeit geleistet: Ein Rückschnitt sei „meist sinnlos und nicht zielführend. Der Baum sollte dann aufgegeben werden“, erklärt Dierk Schwedes.

Man sollte sich also ein Beispiel an den alten Druiden nehmen: Die Bäume im Blick behalten und öfter mal mit einem scharfen Werkzeug einsteigen. (Norbert Müller)

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