„Man unterstellt uns Betrug“

Probleme nach Hausbesuchen: Ärzte müssen Einsätze erklären - und auch zurückzahlen

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Schon wieder auf dem Sprung: Hausbesuche gehören für Allgemeinmediziner Ralf Wittwer zum Job dazu. 

Wolfhagen. Wenn Hausärzte Hausbesuche machen, müssen sie diese bisweilen erklären - und auch zurückzahlen. Mehr als 100.000 Euro können dann zusammenkommen. Ein Risiko, das viele junge Ärzte scheuen.

Für Ralf Wittwer ist der Beruf des Allgemeinmediziners ein Traumjob. „Es ist abwechslungsreich, macht Spaß und man trifft jeden Tag neue Leute.“ Da seine Praxen alle eher in ländlichen Regionen liegen, gehören Hausbesuche zu seinem Alltag dazu.

Für viele junge Kollegen seien Hausbesuche ein Argument gegen eine Tätigkeit als Allgemeinarzt auf dem Land, ist sich Wittwer sicher. Das läge aber weniger am Hausbesuch an sich, sondern an der damit verbundenen Bürokratie. Die Gefahr einer Rückzahlungsforderung sei vielen zu hoch.

Dass diese durchaus üblich sind, weiß Ralf Wittwer aus eigener Erfahrung. 2011 musste er bereits einmal 172.000 Euro für durchgeführte Hausbesuche zurückzahlen, obwohl er einen Anwalt einschaltete. Was ihn dabei besonders ärgert: „Wenn die Prüfstelle sagt, dass die Hausbesuche unplausibel seien, unterstellen sie uns ja eigentlich Betrug. Aber wir haben ja die Hausbesuche durchgeführt.“ Auch aktuell kämpft er wieder mit der Anerkennung der Arbeiten. Für die Jahre 2015/2016 musste er eine Stellungnahme zu seinen getätigten Hausbesuchen abgeben, sollte die nicht akzeptiert werden, müsste er um die 100.000 Euro zurückzahlen.

Doch er hat Hoffnung, dass es nicht so kommt. „Vor einem Jahr noch hätte ich gesagt, dass ich keine Chance habe.“ Nun aber sei langsam Kompromissbereitschaft zu erkennen. Dies führt Wittwer vor allem darauf zurück, dass das Thema in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Zudem ist Wittwer der Meinung, dass die Zeit der Einzelpraxen vorbei ist. „Dafür wird man kaum noch Nachfolger finden, außer es ist der eigene Sohn oder die Tochter, die die Praxis übernehmen.“

Denn in solch einer Praxis habe man als typischer Landarzt keine 40-Stunden-Woche. Immer ansprechbar für Patienten zu sein, das könne ein einzelner Arzt nicht mehr leisten, nur in größeren Kooperationen sei dies möglich.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen ist sich der Problematik bewusst, weswegen sie den Dialog mit den Krankenkassen anregten, um eine neue Regelung zu finden. Laut einer Pressemitteilung kündigten sie die aktuelle, gesetzlich vorgeschriebene Prüfvereinbarung mit den hessischen Krankenkassen, die Kündigung wird zum Jahresende wirksam. „Es ist kontraproduktiv, dass wir diejenigen nach der aktuellen Prüfvereinbarung sanktionieren müssen, die noch bereit dazu sind, Hausbesuche bei immobilen und in der Regel alten Patienten zu machen“, sagten Frank Dastych und Dr. Eckhard Starke, die Vorstandsvorsitzenden der KV Hessen.

Auch brachten sie ins Gespräch, für die Prüfvereinbarung eine bundesweite Vereinheitlichung anzustreben, um für mehr Transparenz und weniger Verunsicherung unter den Mitgliedern und Jungmedizinern zu sorgen. Zudem sollen Faktoren wie Regionalität, unterschiedliche Arbeitsweisen und Schwerpunkte in der ärztlichen Tätigkeit mit berücksichtigt werden.

Anfang August plant die Kassenärztliche Vereinigung Hessen in Kooperation mit den hessischen Krankenkassen bekannt zu geben, wie es mit den Prüfvereinbarungen zu den Hausbesuchen weiter gehen soll.

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