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Heimisches Kraut ist für Weidetiere extrem gefährlich

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Von: Norbert Müller

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Gelbe Pracht, hochgradig giftig: Werner Schmidt und seine Partnerin Silke Rudolph stehen bei Istha auf einer Brache, auf der das Jakobskreuzkraut üppig blüht
Gelbe Pracht, hochgradig giftig: Werner Schmidt und seine Partnerin Silke Rudolph stehen bei Istha auf einer Brache, auf der das Jakobskreuzkraut üppig blüht © Norbert Müller

Seit Jahren nehmen die Bestände des Jakobskreuzkrautes zu – an Straßenrändern, auf schlecht gepflegtem Grünland und Brachen. Tierhaltern wie Werner Schmidt und Silke Rudolph ist das giftige Kraut ein Dorn im Auge.

Istha – Dem leuchtend gelben Blütenmeer können Landwirt Werner Schmidt und seine Lebensgefährtin Silke Rudolph nichts abgewinnen. Meterhoch und dicht an dicht steht das Jakobskreuzkraut auf einer Brache bei Istha und macht die beiden Züchter von Pferden, Reitponys, Galloway-Rindern und Ziegen ein stückweit fassungslos. Denn der blühende Wildwuchs grenzt an eine ihrer eigenen Grünfläche, die die beiden penibel zum Schutz ihrer Tiere von dem hochgiftigen Kraut freihalten. Wenn nach der Blüte unzählige Samen ausfliegen, landen auch Massen auf der eigenen Parzelle. Die Arbeit im Kampf gegen die Ausbreitung der auch als Greiskraut bekannten Pflanze war dann wieder für die Katz.

An zwei anderen Stellen in der Gemarkung habe man die gleiche Situation. Das sei schon sehr frustrierend, dass andere Landwirte noch immer nicht die vom Jakobskreuzkraut ausgehenden Gefahren ernst nehmen und damit den Einsatz all jener, die sich anstrengen, die Pflanze zurückzudrängen, torpedieren. Das Tückische am Gift des Jakobskreuzkrautes ist, dass es sich in der Leber der Tiere anreichert und nicht mehr ausgeschieden oder abgebaut wird. Die tödliche Dosis, sagt Silke Rudolph, sei nicht besonders hoch, aber auch nicht in wenigen Tagen erreicht. „Aber wenn der Gaul nicht gleich darniederliegt, dann ist da keine Dramatik“, sagt sie zum lässigen Umgang auch mancher Pferdehalter.

Während die nach zwei Jahren blühende Pflanzen von den Tieren auf der Weide meist wegen der Bitterstoffe nicht gefressen werden, nähmen sie die junge Pflanze, die sich im ersten Jahr als grünblättrige Rosette ausbilde und das Gift noch vor den Bitterstoffen produziere, auf. Schlimmer sei es noch beim Heu. Da stecke das Kraut mit vollem Giftgehalt drin, eine Auswahl der Halme durch das Vieh finde dann nicht statt, es fresse alles mit. Irgendwann sei die tödliche Dosis in der Tierleber erreicht, da könne dann auch kein Tierarzt mehr helfen. „Es sollte jeder Landwirt ein eigenes Interesse daran haben, das Jakobskreuzkraut zu bekämpfen“, sagt Werner Schmidt. „Wir versuchen, unsere Flächen sauber zu halten. Aber wenn es der Nachbar nicht macht, dann kommen wir nicht weiter.“ Der 67-Jährige und seine Lebensgefährtin gehen dem Kraut an den Stängel, wo immer sie es ihnen begegnet. „Wenn Sie jemanden sehen, der im Straßengraben rumkriecht, dann sind wir das“, sagt Silke Rudolph, die vor gut 13 Jahren aus Niedersachsen nach Istha kam und seither dem Jakobskreuzkraut an die Wurzel geht. „Es ist aber wie ein Kampf gegen Windmühlen“, sagt sie enttäuscht.

Dabei gibt es ganz klare Empfehlungen der Bauernverbände oder auch vom Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen. Charlotte Rauch, Sprecherin des Kreisbauernverbandes Kassel lässt keinen Zweifel: „Das Jakobskreuzkraut muss bekämpft werden, gerade in der Blüte.“ Denn wenn es erst ausgeblüht sei, verteile es sich und das Problem werde dann im Folgejahr noch größer. Auch sie hat kein Verständnis für einen nachlässigen Umgang mit der Wildpflanze. „Für uns Landwirte ist es wichtig, dass Giftkräuter nicht dahin gehören, wo Lebensmittel produziert werden.“ Und für die Bekämpfung gelte: „Man muss hinterher sein und dran bleiben.“

Für den Umgang mit dem hartnäckigen Jakobskreuzkraut, dass sich seit den 90er-Jahren verstärkt ausbreitet, gibt der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen umfassende Tipps und Infos. Die hochgiftige Pflanze, heißt es vom Landesbetrieb habe nach der Blüte, die von Juli bis September stattfindet, bis zu 150 000 gut flugfähige Samen je Pflanze, die im Boden bis zu 20 Jahre keimfähig bleiben. Am besten können die Samen dort Fuß fassen, wo offener Boden dies zulasse: an Weg- und Straßenböschungen, auf Eisenbahndämmen, Stilllegungsflächen sowie wenig gepflegten Dauerweiden. Auf intensiv genutzten Wiesen und Weiden mit dichtem Grasbewuchs dagegen kann das Jakobskreuzkraut kaum Fuß fassen.

Deshalb sei die beste Vorbeugung eine angepasste Bewirtschaftung der Flächen. Dazu zähle das Dichthalten der Grasnarbe durch Pflege und Düngung. Besonders wichtig sei auch das Verhindern des Aussamens. Einzelpflanzen sollte man ausstechen oder mit Wurzel ausreißen. Bei stärkerem Besatz empfiehlt der Landesbetrieb Landwirtschaft die Mahd zum Blühbeginn – auch an den Wegrändern und eine Wiederholung bei der Blüte des Nachtriebs im Herbst.

Das Mähgut gelte es abzufahren und zu vernichten. Dazu seien Biogasanlagen bestens geeignet. In manchen Fällen müsse man die Maßnahmen auch mit einer chemischen Bekämpfung kombinieren.

Idealerweise sollte man Bekämpfungsmaßnahmen örtlich abstimmen, rät der Landesbetrieb. Nicht nur mit der Landwirtschaftsverwaltung (bei Stilllegungsflächen) oder der Naturschutzbehörde (bei Naturschutzflächen), sondern auch mit den benachbarten Landwirten.

Aber genau das ist Werner Schmidt und Silke Rudolph bislang noch nicht gelungen. Und so werden sie vorerst auch weiter wie Silke Rudolph sagt, „so manche Stunde auf allen vieren rumzukrabbeln und die Pflanzen mit Wurzeln rauszureißen“. Aber das seien ihnen ihre Tiere, vor allem die Reitpferde, für die sie auch schon Preise eingeheimst haben, auch wert. Foto: Monika Wüllner

Von Norbert Müller

Charlotte Rauch ist Sprecherin beim Kreisbauernverband
Sprecherin Kreisbauernverband © Monika Wüllner

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