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Wolfhagen: Haus ist energetisch unabhängig dank Sonne und Wind

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Von: Norbert Müller

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Wind und Sonne liefern Energie: Matthias Hughes im Garten seines Hauses in Philippinenburg. Die Windmühle hat er Ende vergangenen Jahres aufgestellt. Die ersten Solarmodule wurden vor mehr als 20 Jahren auf dem Dach montiert.
Wind und Sonne liefern Energie: Matthias Hughes im Garten seines Hauses in Philippinenburg. Die Windmühle hat er Ende vergangenen Jahres aufgestellt. Die ersten Solarmodule wurden vor mehr als 20 Jahren auf dem Dach montiert. © Norbert Müller

Solarmodule auf dem Dach, ein Windrad im Garten, dazu noch ein Gas-Brennwertkessel im Keller: In Sachen Energie ist das Haus von Helga und Matthias Hughes unabhängig.

Philippinenburg – Die Angst geht um in Deutschland: vor unterkühlten Wohnungen im Winter, vor einem zeitweisen Zusammenbruch der Stromversorgung. Bei Helga und Dr. Matthias Hughes im Wolfhager Stadtteil Philippinenburg spielen derartige Sorgen, die auf ausbleibenden russischen Gaslieferungen fußen, keine Rolle. Sie produzieren die Energie, die sie in ihrem Haus benötigen, weitestgehend selbst.

16 Meter hoch

„Jetzt brummt es“, sagt Matthias Hughes bestens gelaunt beim Blick in den Garten. Dort dreht sich der Rotor des 16 Meter hohen Windrades in der ersten kräftigen Herbstbrise, als wolle er jeden Moment abheben. Dunkelgraue Regenwolken ziehen übers Land. Noch vor gut einem Jahr, ehe die kompakte Mühle mit einem wuchtigen Fundament tief im Boden verankert wurde und bald darauf den ersten Strom produzierte, hätte sich die Laune des 64-Jährigen bei einem derartigen Wetter der Wolkenfarbe angepasst. Denn bei den Hughes’ legt man großen Wert darauf, sich in Sachen Elektrizität und Heizung soweit wie möglich selbst zu versorgen. Die Fotovoltaikanlage auf dem Dach fängt aber bei einem solch trüben Wetter leistungsmäßig an zu geizen. Dank der Windkraft zwischen den Beeten ist aber nun auch in der sonnenarmen Jahreszeit kein Mangel an Energie.

Kontrolle per Handy

Auf seinem Handy kann Matthias Hughes die Leistung seiner kleinen Kraftwerke per App auch aus der Ferne kontrollieren und steuern. Noch detaillierter geht das im Keller. Dort, im „Maschinenraum“, wie er die Zelle nennt, in der die Wechselrichter für seine Stromerzeuger hängen, wo er per Maus und Tastatur die gesamte Anlage dirigieren kann, hat er auch Möglichkeiten zum Speichern überschüssiger Leistung geschaffen. An der Wand steht ein moderner Batterieblock, gegenüber ein alter Warmwasserspeicher mit einer Füllung von 400 Litern, dem er einen Heizstab eingepflanzt hat, der mit dem Strom das Wasser erhitzt wie ein herkömmlicher Tauchsieder. Zur Ausstattung gehört noch eine Gasheizung, die in der vergangenen Heizperiode kaum in Betrieb gewesen sei, sagt Hughes, und im Wohnzimmer steht auch noch ein Ofen, der mit Holz befeuert wird, das der Mediziner im Wald selbst wirbt und zu handlichen „Klibbern“, wie der Nordhesse die kleinen Scheite nennt, verarbeitet. Holzmachen sei bis heute sein liebstes Hobby. Inzwischen setzt er dabei eine akkubetriebene Kettensäge ein, die mit Strom aus eigener Produktion geladen wird – so wie auch das Hybrid-Auto und die E-Bikes. Den Grad der eigenen energetischen Autarkie beziffert Matthias Hughes auf gut 90 Prozent.

Alles im Blick: Matthias Hughes vor der Schaltanlage für das Windrad.
Alles im Blick: Matthias Hughes vor der Schaltanlage für das Windrad. © Norbert Müller

Erste Erfahrungen mit dem Produzieren von Strom hat Hughes früh gemacht: „Schon als 13- oder 14-Jähriger hatte ich meine erste Solarzelle.“ Die gehörte zu seinem Elektrobaukasten. „Das fand ich spitze: Ich halte das Ding ins Licht, und es kommt Strom dabei raus.“ Die Naturwissenschaften, sagt er, „waren damals schon mein Ding. Und auch das Potten“, also das handwerkliche Arbeiten. Beides sollte sich später beim eigenen Haus noch auszahlen.

Ölkrise miterlebt

Früh habe er auch erkannt, wie wichtig es ist, in Sachen Energie möglichst unabhängig zu sein. Er habe 1973 die Ölkrise miterlebt, die Verknappung und die Explosion der Preise. Er könne sich noch an „die Panik in den Augen der Eltern“ erinnern. Das wollte er so nicht mehr erleben. Das sei für ihn die Motivation gewesen, sich später um eine sichere Energieversorgung zu kümmern. „Wir wollen möglichst unabhängig sein“, da sei er sich mit seiner Frau Helga einig gewesen als es darum ging, ein eigenes Haus zu bauen.

1997 zogen der Facharzt für Innere Medizin, der aus Kassel zur Wolfhager Klinik gewechselt war, und die Apothekerin von Harleshausen in ihr neues Eigenheim in Philippinenburg. Das sei ein normales Haus, sagt Hughes, nach dem Stand der damaligen Technik. Als Extras hatten sie einen mit Flüssiggas befeuerten Brennwertkessel, der seinerzeit noch kein Standard war, und etwas Solarthermie auf dem Dach.

„Unsere erste Fotovoltaikanlage wurde so um die Jahrtausendwende installiert“, sagt Hughes. Man habe damit zu den ersten in Wolfhagen gehört, die eine solche Anlage auf dem Dach hatten. „24 Module mit 110 Watt. Die laufen auch heute noch top.“ Der Strom wurde ins Netz eingespeist. „Unsere Idee war: Wir wollten so viel Strom erzeugen in der Jahresbilanz, wie wir selbst verbrauchen. Das war unser nachhaltiger Ansatz“, blickt der 64-Jährige zurück. Und nach „ein bisschen Zubau“ auf dem Dach, habe das auch geklappt.

Solartechnik fördern

„Das war auch unser Gedanke: die Solarentwicklung zu fördern und die solare Energiewende in Schwung zu bringen.“ In den zurückliegenden Jahren habe er im Energiesektor eine Menge Erfahrungen gesammelt. So sei er zur Erkenntnis gekommen, wenn man Unabhängigkeit anvisiert, „dann wird man bei den alternativen Heizsystemen auf einen Mix bauen müssen, sonst klappt es nicht. So, wie bei uns: Fotovoltaik, Wind, Solarthermie“ – und derzeit noch als Reserve Gas und Holz.

Nachgerüstet

Nach dem Wegfall der Netzentgelte für Anlagen über zehn Kilowatt Peak für selbstverbrauchten Strom haben Matthias und Helga Hughes noch mal richtig nachgerüstet. Auf dem Dach liegen nun auf einer Fläche von 75 Quadratmetern Solarmodule, die es auf 15 Kilowatt Nennleistung bringen. Das Windrad habe einen Wert von circa 7,5 Kilowatt. „Damit versorgen wir den gesamten Haushalt.“ Ins Netz eingespeist werde nur, was die Altanlage produziert.

Und der Überschuss zu Spitzenzeiten, der nicht in den Batterien oder den Fahrzeugen eingelagert oder zum Heizen umgewandelt werden kann? Wenn man den gerade nicht zum Heizen verwenden könne, „dann verpufft der Überschuss“, sagt Matthias Hughes. Das sei „ziemlich blöd, denn da kommen im Jahr einige Megawattstunden zusammen, die man dem Netz zur Verfügung stellen könnte, die aber mangels lokaler Netzkapazität nicht aufgenommen werden können. Das ist eigentlich ein Frevel“, erst recht in Zeiten, in denen bei vielen die Angst wegen der aktuellen Energiekrise umgeht. (Norbert Müller)

Info: hessen-nachhaltig.de

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