Wolfhagen 

Herbert Knebels Affentheater: Vier Rentner außer Rand und Band im Kulturzelt

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Große Sprünge: Wenn die Musik richtig rockt, wird auch der sonst so hüftsteife Herbert Knebel (links) wieder elastisch. In der Mitte Ozzy Ostermann an der Gitarre, daneben Bassist Ernst Pichl. 

Die Rentner-Gang aus dem Kohlenpott um Herbert Knebel ließ im Wolfhager Kulturzelt die Wände wackeln.

Irgendwie ist es, als wäre die durchgeknallte Verwandtschaft mal wieder zu Besuch. Die schrägen Onkels aus dem Kohlenpott mit ihren Klamotten aus dem Wäschekorb der Bahnhofsmission und der Sprache, die sich ihren ganz eigenen Weg durch die deutsche Grammatik bahnt. Aber man freut sich doch immer wieder, wenn Herbert Knebel vor der Tür steht und mit seinen Kumpels ein Affentheater veranstaltet. Am Freitagabend war es im Wolfhager Kulturzelt mal wieder soweit.

Dass die Truppe dieses Mal sogar noch einen rassigen Promi mitgebracht hatte, war dann eine echte Überraschung. Aber dazu später mehr. Wenn Herbert Knebel gemeinsam mit Ozzy Ostermann (Gitarre), dem Trainer (Schlagzeug) und Ernst Pichl (Bass) am Start ist, ist eines gewiss: Neben irrsinnigen Gesprächen gibt es immer wieder musikalische Einlagen, dass die Wände wackeln. Ein probates Mittel, um auf der Bühne wieder Dampf zu machen, wenn mal der Druck im Kessel abnimmt.

Für Frontmann Knebel, den Mann mit der abgewetzten Schiffer-Kappe auf dem Kopf und dem wuchtigen Kassengestell auf der Nase, und seinen drei Kumpels ist das eine der leichtesten Übungen. Schließlich haben sie vor 31 Jahren angefangen, gemeinsam Musik zu machen, wie Knebel mit einem Anflug von Melancholie erzählt. Und die Musik, die haben sie drauf, keine Frage, da stellt die Rentner-Gang aus Essen auch schnell die treffende Selbstdiagnose: „Wir sind außer Rand und Band.“

Dazu tragen im Übrigen auch die Tücken des Fortschritts bei, mit denen man erst mal klarkommen muss. Egal ob es nun ein Navigationsgerät ist, mit dem man angesichts nachlassendem Erinnerungsvermögens den Weg zum nahen Supermarkt findet, eine „Selfie-Stange“ zum Fotografieren oder der Staubsauger-Roboter von Herberts Bekanntem Heinz. „Technischer Firlefanz“, aber durchaus auch faszinierend. Erwin wurde der Roboter getauft. „Bei mir heißt der Erwin Guste“, sagt Chauvi Herbert, der aber auch Erwins entscheidenden Vorteil erkennt: „Erwin meckert nicht“. Dafür kapituliert die Maschine, nachdem ihm der hinterlistige Besucher mit vier Stück Schwarzwälder Kirsch auf der Auslegware einen „Cholesterin-Schaden“ verpasst hat. Seine Guste hätte nach dem vierten Stück erst richtig Appetit gekriegt.

Drei Stunden Affentheater 

Und wenn er schon bei seiner Ehefrau ist, muss er auch noch die Geschichte vom großen Gewinn beim Preisausschreiben erzählen, das sich im Nachhinein aber als „Doofmannsgehilfenrätsel“ entpuppt habe. Den Hauptpreis, eine Kreuzfahrt, hatten Herbert und Guste gewonnen. Dachten sie jedenfalls. Auf der „SM Monika“ sollte es über die Ostsee gehen. Stopp, er müsse sich korrigieren. „Die SM-Monika“ habe er auch mal gekannt, aber das Schiff war wohl die MS Monika. Nicht, dass noch jemand die Fake-News raushaut, „Knebel macht seinem Namen alle Ehre“, sagt der Herbert. Aus der großen Tour wurde übrigens nix. Wegen des Wetters blieb das Schiff tagelang im Hafen, die Passagiere wurden an Bord abgezockt, mit dem letzten Geld und einem Senioren-Ticket ging es heim nach Essen.

Da war der Junggesellenabschied für einen 72-jährigen Kumpel dann doch erfreulicher. Da konnte Knebel – Lebensmotto: „Hau mich bloß ab mit die Frauen“ – ordentlich mitphilosophieren. Beispielsweise zum Thema „Ehe – Sackgasse oder Irrtum?“. Gern hat er sich auch zu einer „Pils-Tour“ von seinem Kollegen Helmut Borsig einladen lassen. Statt Gläser voller Pils sammelte man allerdings Pilze. Dummerweise ohne Ahnung. Berauschend war der Genuss der Pilze vor Ort aus dem Campingkocher dann auch. Mehr noch als beim Pils. „Aus, aus, das Spiel ist aus. Deutschland ist Waldmeister“, habe Borsig noch im Unterholz gerufen, dann reißt die Erinnerung ab.

Vielleicht ist dem frühverrenteten Herbert im Zuge des bewusstseinserweiternden Pilz-Genusses auch die Idee gekommen, seine Guste, einer großen Tina-Turner-Verehrerin, als Double des Stars eine Freude zu machen. Jedenfalls machte Herbert wohl derart Eindruck, dass er nun auch hin und wieder zum Einkaufen oder anderen Gelegenheiten im Turner-Outfit losstolziert.

Auf der Bühne des Kulturzeltes intoniert er auch einen ihrer Hits: „Simply the Best“, in der Ruhrpott-Version „Ich stink wie die Pest“. Denn: Unter der Perücke und in den glitzernden Plastikklamotten folgt eine Schwitzattacke auf die nächste.

Dem Wolfhager Publikum hat es mächtig gefallen. Nach gut drei Stunden Affentheater machen sich die schrägen Onkels wieder auf den Weg zurück in ihr Revier.

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