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Humanitäre Hilfe für Iran aus dem Studio-Keller

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Von: Johannes Rützel

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Im Iran tobt auch ein Konflikt um Informationen. Afshin Abdollahi dreht in seinem kleinen Fernsehstudio Videos zu Erster Hilfe und dem richtigen Verhalten bei Angriffen von Polizei oder Soldaten.
Im Iran tobt auch ein Konflikt um Informationen. Afshin Abdollahi dreht in seinem kleinen Fernsehstudio Videos zu Erster Hilfe und dem richtigen Verhalten bei Angriffen von Polizei oder Soldaten. © Johannes Rützel

Der Wolfhager Afshin Abdollahi koordiniert humanitäre Aktionen im Iran. Er dreht auch Lehrvideos zu Erster Hilfe und hat fast 17 000 Follower.

Wolfhagen – Afshin Abdollahis Handy vibriert. Der 56-Jährige bittet um Entschuldigung, liest die Nachricht. „Für 500 Euro haben wir Medikamente gekauft“, berichtet er erfreut, ein Kontakt im Iran habe ihn eben informiert.

Die Medikamente gehen wahrscheinlich nach Mahabad im kurdischen Nordwesten des Iran. Dort kam es zu zu Protesten, Sicherheitskräfte haben auf Demonstranten geschossen, berichteten mehrere Medien. Abdollahi sagt, dass mindestens 20 Menschen ums Leben gekommen sein sollen, noch viel mehr seien verletzt.

Medikamente für Verletzte

In den kurdischen Regionen hätten die Leute mittlerweile in Privathäusern Behandlungszimmer eingerichtet. Abdollahi erzählt, dass er von einer OP erfahren habe, bei der sieben Stunden lang Kugeln aus dem Körper eines Menschen herausoperiert wurden. Medizin könne jetzt dort Leben retten. Derzeit suchen seine Kontaktleute einen Weg, das medizinische Material in die abgeriegelte Stadt zu schmuggeln.

Vor seiner Flucht nach Deutschland vor neun Jahren war Abdollahi Mitglied der Hilfsorganisation Roter Halbmond. „Ich habe Teams koordiniert, Erste-Hilfe-Kurse gegeben oder die Leute für Search and Rescue ausgebildet“, erinnert er sich an die Zeit.

Ein verletztes Bein abbinden: Wie das geht zeigt Afshin Abdollahi auf seinem Instagram-Kanal.
Ein verletztes Bein abbinden: Wie das geht zeigt Afshin Abdollahi auf seinem Instagram-Kanal. © Rützel, Johannes

Iraner vertrauen Rotem Halbmond nicht mehr

Abdollahi weiß, dass die Hilfe eines einzelnen Menschen einen Unterschied macht. Er erzählt von einer jungen Frau, der er nach einem Verkehrsunfall mit einer Herz-Lungen-Massage wahrscheinlich das Leben gerettet hat. Auch bei den immer wieder aufflammenden Protesten im Iran, zum Beispiel gegen Präsident Ahmadinedschad und Rohani, konnte er nicht tatenlos zusehen. Denn der Rote Halbmond stand der Regierung so nahe, dass er verletzten Demonstranten keine neutrale und vertrauliche Hilfe gewähren konnte, erklärt Abdollahi, viele Verletzte seien direkt verhaftet worden.

Kurzerhand organisierte er mit Vertrauten selbst Hilfe, kaufte Sanitätsmaterial und versorgte verletzte Demonstranten privat. Beim islamischen Regime sei das nicht gut angekommen, sagt er. „Wer bekannt wird, auf den übt das Regime Druck aus. Wer dann nicht kooperiert, der wird vielleicht verhaftet oder verschleppt.“ Jeder, der das Regime kritisiere und sich nicht unterwerfe, werde so zum politischen Gegner, beschreibt Abdollahi die totalitäre Dynamik im Iran: „Im Iran ist sogar Atmen politisch.“

Das Symbol des Roten Halbmonds, erklärt Afshin Abdollahi, genieße in der iranischen Bevölkerung und besonders bei der Opposition kein Vertrauen mehr. Krankenwagen würden missbraucht, um Polizisten oder Soldaten zu den Demonstrationen zu bringen. Aus dem Exil in Wolfhagen heraus hat er deshalb das alte Schutzzeichen des Roten Löwen und der Roten Sonne reaktiviert, dass im Iran bis 1979 in Gebrauch war.

In den fertigen Videos erklärt Abdollahi auch, wie man eine Hilfsorganisation aufbaut. Repros: Johannes Rützel
In den fertigen Videos erklärt Abdollahi auch, wie man eine Hilfsorganisation aufbaut. Repros: Johannes Rützel © Rützel, Johannes

Erste-Hilfe-Tipps auf Instagram Kanal

2015 begann er in den sozialen Medien für sein Projekt zu werben. Dem iranischen Regime war das ein Dorn im Auge und Abdollahi wurde zum Ziel von Cyberattacken. Wenn das Regime einen seiner Accounts gehackt hatte, baute er stets einen neuen auf.

Über seinen Instagram-Kanal vermittelt er derzeit vor allem Kontakte: „Einer kann Geld geben, einer kann Hilfsgüter einkaufen, ein anderer sie verteilen“, beschreibt er das Vorgehen. Jeden Tag würden sich Menschen melden, die helfen wollen. Eine Spendenkasse gebe es nicht, denn das Regime würde das Konto sofort beschlagnahmen. Mit vielen kleinen Transaktionen bleibt die Hilfsorganisation unter dem Radar des iranischen Überwachungssapparates: „Mit 100 Euro kann man im Iran schon sehr viel helfen“, meint Abdollahi. Bis zu 6000 Personen haben sich seit 2020 an den Hilfsaktionen beteiligt, schätzt Abdollahi.

Neben Hilfsmaterial gibt Abdollahi aber auch sein Wissen weiter. Er dreht Videos, in denen er das Abbinden von Armen und Beinen bei Schusswunden erklärt, wie man sich bei Tränengasangriffen richtig verhält und mit einfachen Materialien vor der Polizeigewalt schützen kann. Dafür schneidet er auch Videos von Protesten weltweit zusammen, kommentiert sie auf Farsi.

„Im Iran ist sogar Atmen politisch“

Abdollahis Ziel ist auch, den Iranern nach dem Ende des Mullah-Regimes eine Alternative zum in seinen Augen diskreditierten Roten Halbmond anzubieten.

Er war schon in Genf und hat beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz vorgesprochen und sich auch ans Deutsche Rote Kreuz gewendet, um Unterstützung zu erbeten. Die Antwort war allerdings verhalten, berichtet Abdollahi enttäuscht. Das Rote Kreuz besteht auf seine politische Neutralität – Abdollahis Arbeit könnte man auch durchaus als Gegenentwurf dazu sehen. Denn er wünscht sich ausdrücklich, dass seine Schutzorganisation bald zusammen mit der iranischen Opposition international anerkannt wird.

Dass er das Schutzzeichen vom Roten Löwen und der Roten Sonne verwendet, kam beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz gar nicht gut an. Denn die Nutzungsrechte liegen beim iranischen Staat. „Die Leute müssen wissen: Das islamische Regime hat keine Zukunft. Was die anderen Länder davon halten, das ist nicht so wichtig – aber wir werden nicht vergessen, wer den Iranern jetzt hilft.“

Was der erdbebengeplagte Iran in Zukunft braucht, hat Abdollahi schon ausgerechnet: bis zu 15 000 neue Krankenwagen und mindestens 200 Rettungshubschrauber.

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