Im Einsatz gegen Bonsai-Buchen

Im Naumburger Stadtwald müssen 50 Hektar Fläche neu aufgeforstet werden

Zukunftsfläche: Revierförster Dirk Raude vor einer frisch eingezäunten Aufforstungsfläche im Bereich des Naumburger Kronbergs. Wegen der längeren Haltbarkeit wurde statt eines Holzgatters ein Metalzaun gesetzt.
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Zukunftsfläche: Revierförster Dirk Raude vor einer frisch eingezäunten Aufforstungsfläche im Bereich des Naumburger Kronbergs. Wegen der längeren Haltbarkeit wurde statt eines Holzgatters ein Metalzaun gesetzt.

Naumburg – Es gibt Schöneres als silberne Drahtzäune mitten im Wald. Das sieht auch Förster Dirk Raude so, der für den Naumburger Stadtwald zuständig ist. Aber am Vergattern mit langlebigem Metall führt manchmal kein Weg vorbei. So wie gerade im Bereich des Naumburger Kronbergs.

Dort und auch im nahegelegenen Alten Wald wurden gerade zusammen gut 1,7 Hektar aufgeforstet, zwei Flächen, denen Stürme, Trockenheit und massiver Käferbefall den gesamten Baumbestand innerhalb weniger Jahre raubten. Jetzt also wurde in die Zukunft investiert und junge Bäumchen gesetzt. Insgesamt 5000 Traubeneichen, 3000 Exemplare Spitz- und Bergahorn, dazu 2500 Rotbuchen und 100 Wildkirschen.

Am Kronberg hatte der Pflanztrupp noch die besseren Voraussetzungen. Weil die Fläche schon seit fast vier Jahren brach lag, hatte sich schon üppig Gras breitgemacht. Zwei Meter hoch reckte sich das Landreitgras in die Höhe, dazu die Brombeeren. Für junge Bäumchen sind das keine guten Bedingungen. Das Gras lässt kaum Niederschläge durch. Aber das sei nicht das Hauptproblem. „Die Mäuse sitzen im Gras und fressen die Wurzeln der Bäumchen ab“, sagt Raude. Und die Erdmaus ringelt direkt über dem Boden die zarte Rinde, „und die Bäumchen gehen kaputt“.

Hier galt es also, die Fläche zunächst gut vorzubereiten: „Wir haben die komplette Fläche gemulcht. Das sieht zwar radikal aus, aber damit haben wir die Mäusebiotope, die Nester und Gänge zerstört“, erklärt der Förster. Erst danach wurde gepflanzt. Einjährige Sämlinge, die noch so dünn und kurz sind, dass man sie kaum erkennt. Raude hätte auch lieber Setzlinge genommen, die schon zwei Jahre alt sind. Aber die Nachfrage sei angesichts der Waldschäden im ganzen Land so enorm, dass man froh sein könne, wenn man die schmalen Jährlinge bekomme.

Weiter oben im Alten Wald war die Fläche noch nicht so verkrautet, „da haben wir alles liegengelassen, auch das Totholz“. Das hat für die jungen Pflanzen eindeutige Vorteile, sagt Dirk Raude, denn das Material auf der Fläche sorge für Windruhe und Schatten. Der Tau könne sich gut halten. All das nutze dem Aufwuchs, auch wenn man beim Pflanzen ständig drüber klettern muss und Äste unterm Spaten blocken.

Und nach all den Anstrengungen des Pflanzens und dem damit verbundenen finanziellen Aufwand möchte man natürlich, dass sich die Setzlinge auch gut entwickeln. Da gelte es vor allem, die Feinschmecker des Waldes, das Rehwild – und, wo noch vorhanden – das Rotwild davon abzuhalten, die Aufforstungen als Büffet zu verstehen. Der wirkungsvollste Schutz sei eindeutig ein Zaun, sagt Förster Raude.

„Ich war immer ein Fan von Hordengattern“, sagt Raude, Zäune aus unbehandeltem Holz, die letztlich rückstandslos verrotten. Dass nun am Kronberg und am Alten Wald Metallzäune gezogen wurden, hat seinen Grund: „80 Prozent der Kosten für die Kulturanlage kriegen wir, wenn es gut läuft, vom Land gefördert.“

Früher sei es so gewesen, dass bei den geförderten Projekten nach fünf Jahren vom Geldgeber jemand geschickt wurde, um zu sehen, ob die Anlage gelungen ist. Inzwischen sei der Zeitraum auf zehn Jahre ausgedehnt worden. Wenn dann bei der Kontrolle festgestellt werde, dass der Jungbestand nicht komplett stehe, sondern durch Vertrocknen oder aber Verbiss massiv gelitten hat, „dann muss man als Waldbesitzer das Fördergeld mit Zins und Zinseszins zurückzahlen“. Holzgatter, so der Förster, halten rund fünf Jahre, ein Metallzaun hält locker die doppelte Zeit. „Deshalb nehmen wir den Drahtzaun“, sagt Raude. „Wir kriegen die Bestände ohne den Wildschutz nicht hoch.“

Das gehe ziemlich ins Geld: Gut 40 Prozent der Kosten für eine Kulturanlage entfalle auf die Einzäunung. „Wir haben hier 25 000 Euro ausgegeben, davon 10 000 Euro nur für die Zäune.“

Im Frühjahr habe man in jedem Naumburger Jagdrevier eine Verbissaufnahme in den ungegatterten Naturverjüngungen vorgenommen. Das Ergebnis sei niederschmetternd gewesen. „Wir hatten bis zu 75 Prozent Verbiss durch Rehwild. Von vier Bäumchen waren drei abgefressen.“

Im Mühlenholz könne man sehen, „wie die jungen Eichen regelrecht abgeweidet wurden“. Ohne den Verbiss hätte man dort einen „schönen Aufwuchs“ mit Eiche, Buche, Fichte, Douglasie, Kiefer, Bergahorn und auch Bergulme. Stattdessen finde man dort noch ein bisschen Fichte und abgeknabberte „Bonsai-Buchen“.

Man wolle Vielfalt im Wald, weil man ja auch noch nicht wisse, welche angesichts des Klimawandels die Zukunftsarten sind. Fünf Baumarten sollten es auf einer Fläche auch deshalb mindestens sein. Deshalb sei man bei den Aufforstungsbemühungen stark auf die Unterstützung der Jagdpächter angewiesen. „Wir müssen massiv den Rehwildabschuss hochsetzen“, ist Dirk Raude überzeugt.

In diesem Jahr sei man nun fertig mit dem Pflanzen. Im März kommenden Jahres gehe es weiter auf den 50 Hektar durch Sturm, Trockenheit und Käferbefall entstandenen Kahlflächen des insgesamt 1250 Hektar großen Naumburger Stadtwaldes. „Dann machen wir die ersten Kulturen ohne Schutz“, sagt Förster Raude. „Das sind so große Flächen, da müssten wir kilometerlange Zäune ziehen.“ Oder die Pflanzen einzeln per Gitterbox aus Kunststoff schützen. Beides sei angesichts der Masse nicht finanzierbar. (Norbert Müller)

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