Voller Ehrfurcht vor dem alten Riesen

Im Schlosspark Riede: Norbert Zimmermann gestaltet Skulpturen aus einer gefallenen Esche 

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Innen arbeiteten Pilze und Insekten: Der Stamm der alten Esche war im unteren Bereich hohl. Dadurch fehlte dem Baum zuletzt die Standfestigkeit. Eine Böe wurde ihm dann zum Verhängnis. 

Die alte Esche im Schlosspark Riede hat schon so einiges miterlebt - sogar in Zeiten von Napoleon stand sie schon dort. Jetzt wird aus dem Stumpf ein Naturdenkmal.

Riede – Es war keiner dieser Stürme, wie sie in den vergangenen Jahren immer wieder im Frühjahr übers Wolfhager Land fegten und die Wälder in Mitleidenschaft zogen. „Es war nur eine heftige Böe“, sagt Norbert Zimmermann, Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Schlosses in Riede, aber sie reichte vor wenigen Wochen aus, um die mächtige Esche im Schlosspark zu fällen. 

Aus ihrem Stumpf, aus dem, was der Wind hat stehenlassen, entsteht nun ein Kunstwerk, oder, wie Zimmermann es auch bezeichnet, ein Denkmal für das gefallene Naturdenkmal.

Mehr als 200 Jahre stand der Baum im Park, in direkter Sichtweite zum Schloss, wuchs und gedieh prächtig zwischen den anderen bemerkenswerten Bäumen, die die Schlossbesitzer – zunächst die von Meysenbugs, später die von Buttlars – hier pflanzten. 

Auf einen Stammumfang von fast 5,60 Meter und einen Durchmesser von gut 1,80 Meter hatte es der Laubbaum gebracht. Seit einigen Jahren war aber erkennbar, dass das Alter dem Baumriesen zunehmend zu schaffen macht. 

Selbst Waschbären hatten es sich schon in den hohlen Stamm bequem gemacht

Mit einem Entlastungsschnitt im Kronenbereich versuchte man vor elf Jahren, die Stabilität zu verbessern. Allerdings arbeiteten im Stamm Pilze und Insekten unerbittlich. Wie sehr sie der Esche in den vergangenen Jahren geschadet haben, wurde erst deutlich, als der Baum brach und der hohle Stamm, in dem sich auch Waschbären einquartiert hatten, zu sehen war.

Die heutigen Eigentümer von Schloss und Park, die Familie Kahl, wollte den alten Baum, der noch das Ende der napoleonischen Zeit erlebte, nicht einfach verschwinden lassen. Prof. Dr. Johannes Kahl bot Norbert Zimmermann an, etwas Bleibendes zur Erinnerung an die ehrwürdige Esche zu schaffen. 

Ganz im Sinne „der guten künstlerischen Tradition der vergangenen Jahrhunderte“, als Künstler wie Tischbein und Müntz hier arbeiteten.

Mit der Motorsäge setzte Zimmermann seine Idee um

Zimmermann, Kunsthistoriker, Künstler und bis zur Pensionierung Kunsterzieher an der Wolfhager Wilhelm-Filchner-Schule, wollte sich die Zeit dazu gerne nehmen und sich neben seinen vielfältigen Aufgaben als Fördervereinsvorsitzender auch „wieder künstlerisch zurückmelden“, wie er sagt.

Kunst auf mächtigem Standfuß: Norbert Zimmermann erweitert die Skulptur um ein zusätzliches Element.

„Ich stand erst mal davor und war voller Ehrfurcht vor diesem gefallenen Baumriesen“, so Norbert Zimmermann, der sich als Künstler mit großen Stahlskulpturen einen Namen machte. 

„Ich habe diese morschen Teile betrachtet, die von Einsiedlern bewohnt sind und darüber nachgedacht, was die Natur doch an Besonderem und Schönem zustande bringt. Und daran musste ich mich nun messen.“ Dann reifte die Idee, die er nur mit einer Motorsäge – „und zwar einer großen“ – umsetzen konnte.

Von der Esche stand nur noch ein Stumpf. Und an dieser zähen Stele galt es, sich bei der Formgebung zu orientieren. Aus dem liegenden Stamm hat der Künstler weitere Elemente herausgesägt und mit Stahlwinkeln und Schrauben am Stumpf fixiert. 

Eine Woche, schätzt der 76-Jährige, werde er noch zu tun haben, bis die Skulptur fertig ist. „In diesem Park bei diesem Wetter Kunst erschaffen zu dürfen, ist ein Privileg“, sagt Zimmermann. „Da bin ich sehr dankbar.“

Den Gedanken, dass das Werk sich über die Jahre unter dem Einfluss der Witterung verändern wird, empfindet er als sehr sympathisch: „Ich bin für vergängliche Kunst.“ Der Rest des Eschenstamms wird zu Brennholz fürs Schloss verarbeitet. Im Schatten des Denkmals für die alte Esche wird ein neuer Baum gepflanzt, sagt Norbert Zimmermann. „Dann beginnt die Geschichte hier im Park von Neuem.“

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