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Integrationskurse für alle Asylbewerber: Zweifel an Umsetzbarkeit

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Von: Paul Bröker

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Teilnehmer eines Integrationskurses sitzen an einem Tisch.
Ab sofort offen für alle Asylbewerber: die Integrationskurse. Unser Foto zeigt Teilnehmer eines solchen Kurses in München im Jahr 2020.  © Sven Hoppe/dpa

Seit 1. Januar sind Integrationskurse für praktisch alle nicht abgelehnten Asylbewerber geöffnet. Wie reagieren die Anbieter solcher Kurse darauf?

Kreis Kassel – Die Integrationskurse (IK) sind seit 1. Januar für alle Asylbewerber geöffnet, unabhängig von einer guten Bleibeperspektive, dem Herkunftsland oder dem Einreisedatum. Das sieht das neue Chancenaufenthaltsrecht vor, heißt es vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Doch bei den kommunalen und privaten Trägern der Kurse im Kreis Kassel macht sich Verärgerung breit. Denn zeitgleich zur Einführung der IK für alle Asylbewerber werden die Bundesmittel für die Erstorientierungskurse (EOK) gekürzt. Auf HNA-Anfrage teilt das Hessische Sozialministerium mit, dass anstelle der für 2023 beantragten Summe von über sechs Millionen Euro nur 1,9 Millionen Euro für hessische Erstorientierungskurse beantragt werden können.

Demnach liege das Budget, zwar weiter leicht über dem Niveau von 2021. Doch das war vor dem Ukraine-Krieg. Im vergangenen Jahr waren die Erstorientierungskurs-Mittel wegen der vielen ukrainischen Flüchtlinge deutlich erhöht worden.

Laut der Zentralstelle Erstorientierungskurse fehlen hessenweit Bundesmittel für mindestens 200 Erstorienierungskurse für bis zu 4000 Menschen. Die aktuellen Kurse könnten somit nur für das erste Halbjahr 2023 gesichert werden.

Es fehlt an qualifizierten Lehrern

Die VHS Region Kassel, die unter anderem in Wolfhagen und Hofgeismar Kurse anbietet, ist daher unzufrieden. Leiter Sven Hebestreit erklärt: „In Anbetracht der langen Wartezeiten auf einen Integrationskurs bedauern wir, dass der Bund ein flexibles Instrument für alle Kursträger einschränkt.“

Das Problem: „Uns fehlen die nach Bamf-Vorgaben qualifizierten Lehrkräfte, um ausreichend Integrationskurse anbieten zu können.“ Bundesweit sei der Markt leer und zeitnah kein Nachwuchs in ausreichendem Maße in Sicht.

Foto von Steffen Preidecker
Steffen Preidecker, Sprache und Bildung © Moritz Gorny

Steffen Preidecker ist Leiter des privaten Trägers Sprache und Bildung aus Kassel, der auch Kurse in Wolfhagen anbietet. Er befürchtet, Lehrern kündigen zu müssen, weil sie die strengeren Kriterien für Integrationskurse nicht erfüllen. Er bezweifelt, dass Integrationskurse für alle die beste Lösung sind. „Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften ziehen öfter um und können daher nicht immer sieben Monate an einem Kurs teilnehmen.“

Mehr Teilnehmer in Integrationskursen

„Die Teilnehmerzahl bei den Integrationskursen wird sich erhöhen“, sagt Melanie Vopel voraus. Sie hat sich Anfang des Monats mit einer Sprachschule in Wolfhagen selbstständig gemacht. Zuvor arbeitete sie in der Wolfhager Niederlassung des Kasseler Anbieters Stimme und Bildung. „Vor allem die Bewohner der Pommernanlage betrifft dies“, sagt Vopel. Bislang habe es oft fünf bis sieben Monate gedauert, bis das Bamf eine Zulassung geschickt habe. „Das wird jetzt einiges vereinfachen.“

Melanie Vopel plant, bald sechs Kurse mit jeweils maximal 20 Teilnehmern anzubieten. „Im Schnitt waren es zuletzt 17 bis 18“, sagt sie. Zunächst warte sie auf eine Rückmeldung vom Bamf, um Mitte bis Ende März in ihrer Sprachschule mit Kursen loslegen zu können.

Drei Kurse in Wolfhagen

„Wir haben in Wolfhagen bereits eine sehr hohe Nachfrage von noch nicht versorgten Ukrainern“, berichtet Steffen Preidecker, der Leiter von Sprache und Bildung, für die Vopel bislang gearbeitet hat. In Wolfhagen biete man drei Kurse an, das Angebot soll ausgeweitet werden.

Die überwiegende Anzahl der Teilnehmer an den Integrationskursen sei zuverlässig, erklärt Preidecker. „Wir haben nur ganz wenige Fehlzeiten.“ Daher gebe es auch nicht das Problem, dass Teilnehmer den Kurs wegen zu seltener Teilnahme verlassen müssten.

Probleme bereite dagegen eher das Sprachniveau der ukrainischen Geflüchteten: „Die hatten vorher null Kontakt mit der deutschen Sprache.“ Frühere Teilnehmer hätten sich schon länger in Deutschland aufgehalten und somit mehr Sprachpraxis.

Auf die Ergebnisse des Deutschtests für Zuwanderer (DTZ) blickt Preidecker gespannt. „Wir befürchten leider, dass es nicht alle schaffen.“ Die Prüflinge hätten bereits im Mai mit Erlaubnis des Bamf mit dem Integrationskurs begonnen.

Es fehlt nicht nur an den Lehrkräften

Die VHS Region Kassel, als kommunaler Träger von Sprachkursen, moniert nicht nur fehlendes Personal für die Integrationskurse. „Auch ausreichend große Räume, die über mehrere Monate täglich und vor allem im Vormittagsbereich zur Verfügung stehen, eine Kinderbetreuung, die eine regelmäßige Teilnahme zulässt, und auch qualifiziertes Personal beim Träger, das die Kurse plant, verwaltet und abrechnet, sind entscheidend“, sagt Sven Hebestreit, der Verwaltungsleiter der VHS Region Kassel.

Die Situation in den Integrationskursen sei bereits im vergangenen Jahr schwierig geworden, als zum 1. Juni 2022 die Jobcenter für die geflüchteten Ukrainer zuständig wurden. Damit hatten die Ukrainer Anspruch auf eben diese Kurse.

Es sei begrüßenswert, die Ukrainer schnell in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Der Haken: „Diejenigen, die mehr als 30 Prozent der Kurszeit fehlen, müssen den Integrationskurs verlassen und wieder von vorn anfangen. Die Vorgaben des Bamf sind in dieser Hinsicht rigoros.“ Die Folge: „Es fallen viele Leute aus dem Kurs“, so VHS-Regionalleiter Hebestreit.

„Für die Anbieter wäre eine Ausfallgarantie hilfreich. Denn die Anbieter unterrichten am Ende mitunter nur noch wenige Menschen, weil so viele herausfallen.“ Zudem sei ein Wiedereinstieg oder ein Neueinstieg mitten im Kurs nicht immer möglich, da der Stoff inhaltlich aufeinander aufbaut. Für das Jahr 2023 hat die VHS Region Kassel derzeit 24 Integrationskurse, mit einem Unterrichtsvolumen von circa 16.500 Unterrichtseinheiten geplant. Jeden Monat startet ein Kurs im Landkreis und ein Kurs in der Stadt Kassel. Die Wartezeit auf einen Platz in einem Integrationskurs sei nach wie vor lang. (Paul Bröker)

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