Jagd nur unter Bedingungen

Corona schränkt die Gemeinschaftsjagden im Wolfhager Land deutlich ein

Ein Jäger steht im Schatten eines Baums und zielt mit einem Gewehr.
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Ein Jäger steht während einer Gemeinschaftsjagd schussbereit am Waldrand: Wegen des Teil-Lockdown durch Corona ist diese Jagdform nur noch zulässig, um die Ausbreitung von Seuchen zu verhindern und Felder vor Wildschäden zu schützen.

Die strengen Auflagen, die die Corona-Pandemie für das gesellschaftliche Leben nach sich zieht, haben auch Auswirkungen auf Gemeinschaftsjagden. Erlaubt ist die nur unter bestimmten Bedingungen.

Wolfhager Land – Gemeinschaftsjagden dürfen nach einer Empfehlung des Hessischen Ministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz unter Berücksichtigung der gültigen Kontaktbeschränkungen nur stattfinden, wenn sie entweder der Tierseuchenprävention dienen oder helfen, weitere Schäden am nach den Dürrejahren geschwächten Wald zu vermeiden. Gesellschaftsjagden auf Niederwild sind im November nicht zulässig.

Dabei müsse jede einzelne Gesellschaftsjagd, die im Landkreis Kassel abgehalten werden soll, von der Unteren Gesundheitsbehörde genehmigt werden, sagt Kreissprecher Harald Kühlborn. Die Verfolgung eines besonderen öffentlichen Interesses stehe bei einer Erlaubnis im Fokus. Bei Frank Ohlwein, der beim Forstamt Wolfhagen als Revierförster für Ippinghausen zuständig ist, kommt die Regelung sehr gut an. Der passionierte Jäger lobt die Botschaft, die an die breite Jägerschaft transportiert wird.

Frank Ohlwein, Revierförster Ippinghausen.

So werde die Jagd nur dann als systemrelevant betrachtet, wenn sie einem gesellschaftlichen Auftrag und nicht dem Selbstzweck und einzig dem persönlichem Interesse des Jägers diene. Die Gemeinschaftsjagd auf Niederwild, zu dem unter anderem Fuchs, Hase, Dachs und Vögel zählen, ist im November nicht zulässig.

Anders sieht es mit der Tierseuchenprävention aus – sie ist von übergeordnetem Interesse. Im Hinblick auf die drohende Afrikanische Schweinepest darf Schwarzwild bejagt werden. Ferner wird dem Aufbau eines klimaresistenten Waldes große Bedeutung beigemessen. Das geschehe zu zwei Dritteln über Naturverjüngung und zu einem Drittel über Neuanpflanzungen, sagt Ohlwein. „Das Rehwild, das vor allem die jungen Pflanzentriebe frisst, ist dabei ein Schlüsselfaktor. Rehe sind 365 Tage im Jahr präsent, und sie haben jeden Tag Hunger.“ Daher seien gerade Gemeinschaftsjagden von Oktober bis Dezember besonders wichtig. Die Vermeidung von Wildschäden in der Landwirtschaft ist ein weiteres Ziel, das Gesellschaftsjagden auf Schwarzwild rechtfertigt.

Ohlwein: „Wir müssen weg von der Bespaßung einer Stakeholder-Gruppe“

Die Diskussion um das Für und Wider der Jagd wird seit Jahrzehnten mit viel Leidenschaft geführt. Nun hat das Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Hessen mit seiner Empfehlung für die Genehmigung von Gemeinschaftsjagden während der Coronakrise indirekt auch eine Einordnung von Jagden vorgenommen. Wir sprachen darüber mit Frank Ohlwein. Er ist Revierförster in Ippinghausen und begeisterter Jäger.

Herr Ohlwein, was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an der Empfehlung des Ministeriums für Gemeinschaftsjagden?
Die Jagd wird dann als systemrelevant und wichtig betrachtet, wenn sie einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt und nicht allein einem Selbstzweck dient.
Das heißt konkret?
Wenn wir mit der Jagd vorbeugend die Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest verhindern, profitiert davon die Gesellschaft. Gleiches gilt für den Schutz des Waldes. Der hat vor allem in den vergangenen beiden Jahren extrem unter der Trockenheit gelitten. Wir müssen ihn in vielen Bereichen über Naturverjüngung und Anpflanzungen wieder neu aufbauen. Das geht nur, wenn wir den Rehwild-Bestand über Abschüsse kontrollieren. Sonst haben die Keimlinge und Jungpflanzen keine Chance.
Nun steht diese Einordnung in Verbindung mit Corona, und sie gilt nur für November. Für Sie ist sie aber darüber hinaus ein Fingerzeig.
Ja, auf jeden Fall. Indirekt macht Corona etwas deutlich, woran die Jägerschaft noch arbeiten muss. Es geht dabei um die Frage, was eine Jagd sinnvoll macht. Und das Abschießen von Hasen, Füchsen und Niederwild ist nur bei einer sinnvollen Verwertung akzeptabel, aktuell aber nicht von so großer Bedeutung, dass dafür die Corona-Beschränkungen ausgesetzt werden müssten, wie es bei der Bewegungsjagd auf Schalenwild gerade der Fall ist. Das zuständige Ministerium erkennt darin keine Systemrelevanz.
Welche Motivation würden Sie sich von Jägern bei der Ausübung ihres Hobbys denn wünschen?
Wir müssen weg von der reinen Bespaßung einer Stakeholdergruppe. Bei der Jagd darf es nicht allein um persönliche Interessen gehen. Klar spielen die eine Rolle, und das wird auch künftig so bleiben. Aber sie können nicht das alleinige Kriterium sein. Jäger haben bei der Erhaltung des Waldes eine enorme Verantwortung. Die Pächter haben in ihren Revieren einen Feldanteil und einen Waldanteil. Im Feldbereich klappt das mit der Verantwortung schon recht gut. Schließlich muss der Jagdpächter dem Bauern Schäden ersetzen, die von Wild ausgehen, das er nicht erlegt hat.
Und für den Wald ist dieses Verantwortungsbewusstsein weniger ausgeprägt?
Ja, das ist mein Eindruck. So wie Landwirte von ihren Feldern leben, leben auch Forsteigentümer von ihrem Wald und die Gesellschaft vom Wald als Wasserspeicher, Sauerstoffproduzent und Klimaregulator. Die Abwehr von Wildschäden ist gerade jetzt, da es dem Wald einhergehend mit den Klimaveränderungen so schlecht geht, eine große und wichtige Aufgabe.
Wie kann die Jägerschaft den Wald stärken?
Indem sie hilft, das Schalenwild zu reduzieren. Insbesondere auf den Verjüngungsflächen, auf denen die Fichte weggebrochen ist und nun der Wald von morgen heranwachsen soll, ist ihr Einsatz gefragt. Es muss uns gelingen, so viele Keimlinge und Jungpflanzen über die Zeit zu retten, dass ihre Terminaltriebe außer Reichweite von Rehen kommen und sich ein artenreicher Bestand entwickelt. Das dauert etwa um die zehn Jahre. Deshalb nützt es wenig, nur auf schönen Wiesen zu jagen.
Wie wird sich die Jagd in den kommenden Jahren verändern?
Sie wird deutlich anspruchsvoller. Jäger müssen mehr kooperieren. Auch handwerklich wird mehr von ihnen verlangt.
Aus welchen Gründen gehen Sie zur Jagd?
Meine Motivation ist wie bei jedem Jäger die Jagdpassion. Aber ich begrenze meine Jagdausübung auf das Sinnvolle und Nötige, um den frei lebenden Tieren so wenig Leid wie möglich zuzufügen.

Gemeinschaftsjagd-Saison geht von Oktober bis Dezember

Nach dem Hessischen Jagdgesetz sind Gesellschaftsjagden Formen gemeinschaftlichen Jagens, die von mindestens vier Jagdscheininhabern ausgeübt werden, bei denen die Jagdausübung aufeinander abgestimmt wird und in einem räumlichen Zusammenhang steht. Sie gelten als Zusammenkunft im Sinne der Verordnung zur Beschränkung von sozialen Kontakten aufgrund der Corona-Pandemie. Gesellschaftsjagden finden hauptsächlich von Oktober bis Dezember statt.

Zur Person

Frank Ohlwein (59) leitet die Revierförsterei Ippinghausen seit 30 Jahren. Er hat Forstwirtschaft an der Georg-August-Universität in Göttingen studiert und ist begeisterter Jäger seit seinem 16. Lebensjahr und Hundeführer. Er war viele Jahre Mitglied der Jägerprüfungskommission. Frank Ohlwein ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

(Antje Thon)

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