„Wir kamen uns vor wie Mörder“

„Schreckensnacht“: Abschiebung von Familie sorgt im Kreis Kassel für Entsetzen

Hoffen auf Hilfe: Katia Kheder und ihre Mutter Aziazh Hamou Kheder vor der deutschen Botschaft in Bulgarien.
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Hoffen auf Hilfe: Katia Kheder und ihre Mutter Aziazh Hamou Kheder vor der deutschen Botschaft in Bulgarien.

Das Schicksal der Familie Kheder aus Syrien, die vor einer Woche nach Bulgarien abgeschoben wurde, berührt die Menschen im Wolfhager Land im Kreis Kassel.

Wolfhagen – Unzählige Anrufe von Privatleuten, Institutionen und Politikern erreichten die Redaktion nach Veröffentlichung des Falls. Inzwischen hat die Wolfhager Walter-Lübcke-Schule beim Hessischen Landtag eine Petition zur Rückführung gestellt. Dies teilt Schulsozialarbeiter Henning Riedel mit. Mutter Aziazh Hamou Kheder und ihre Kinder Katia und Mervan sind in Wolfhagen sehr beliebt und waren integriert. Katia und Mervan hatten Ausbildungsverträge in der Tasche, ihre Mutter engagierte sich ehrenamtlich.

Mutter und Kinder waren vor den Bomben in einem Vorort von Damaskus geflohen, der Vater gilt als tot. Weil sie europäischen Boden als erstes in Bulgarien betraten, wurden sie jetzt nach fast vier Jahren aufgrund des Dublin-Abkommens wieder nach Bulgarien abgeschoben.

Abschiebung im Kreis Kassel wird zur „Schreckensnacht“

„Uns geht es sehr schlecht“, berichtet die 17-jährige Katia in einem Telefonat mit der HNA am Dienstag (30.03.2021). Ihrer Familie hänge auch die Abschiebungsnacht nach. „Die Polizei hat uns mit 15 Personen aus dem Schlaf gerissen, als ob wir Mörder wären. Wir mussten Handy und Geld abgeben. Wir hatten keine Zeit, unsere Sachen zu packen. Die Medikamente meiner Mutter sind liegengeblieben“, erinnert sich Katia an die – wie sie es bezeichnet – Schreckensnacht.

Ihre noch aus Syrien traumatisierte Mutter habe einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie mache sich große Sorgen um ihre Mutter.

Polizei im Kreis Kassel verteidigt Vorgehen bei Abschiebung

„Die Polizei hatte die Aufgabe, die Verfügungen der Ausländerbehörde des Regierungspräsidiums Kassel durchzusetzen“, erklärt Polizeisprecher Matthias Mänz auf HNA-Anfrage. „Es fanden an diesem Abend in Nordhessen an verschiedenen Orten zeitgleich mehrere Abschiebungen statt, die zeitlich koordiniert werden mussten. Die Uhrzeit der Abschiebung muss dabei so gewählt werden, dass alle Maßnahmen, wie auch das Packen der eigenen Sachen sowie der Transport zum Flughafen zeitgerecht durchgeführt werden können und alle rechtzeitig am Flughafen sind“, so Mänz. Die Polizei achte darauf, dass die Bedürfnisse der Familien bestmöglich berücksichtigt würden, auch wenn diese Einsätze für alle Beteiligten, insbesondere für die Betroffenen grundsätzlich nicht angenehm seien.

Die Wolfhager Unterstützer der Familie haben auch einen Anwalt engagiert, der sich um den Fall kümmern soll. Am Dienstag versuchte die Familie, die derzeit ohne Geld in einer kleinen Pension sitzt, Hilfe über die deutsche Botschaft in Bulgarien zu erhalten. (Bea Ricken)

Kommentar von Bea Ricken zur Abschiebung: Menschliche Tragödie

Die Familie Kheder ist ein klassischer Dublin-Fall und die Abschiebung nach Bulgarien damit vollkommen rechtskonform. Soweit die Formalien. Der Fall ist aber leider auch ein Beispiel dafür, wie am Schreibtisch und nicht individuell über das Schicksal von geflüchteten Menschen entschieden wird. Denn auch beim Dublin-Abkommen gab und gibt es immer wieder Entscheidungsspielräume.

Mit wem man auch immer in Wolfhagen über die Familie spricht, ob es Mitarbeiter der Pommernanlage sind, Lehrer oder die Mitschüler der Jugendlichen: Die Familie ist extrem beliebt und berührt die Herzen der Menschen. Sie sprechen gut Deutsch, hatten sich in den vergangenen vier Jahren in Wolfhagen voll integriert und sowohl Katia als auch ihr Bruder standen kurz vor ihrer Ausbildung. Dies ausgerechnet in der Altenpflege und der Bauwirtschaft. Händeringend werden in Deutschland für diese Branchen Fachkräfte gesucht.

Durch die bescheidenen Ansprüche der Familie, die in der Unterkunft in der Pommernanlage auf engstem Raum lebte, wäre es kein Problem gewesen, dass sie ihren Lebensunterhalt künftig selbst bestreiten. Stattdessen scheint der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben jäh zerstört. Katia wird aus den Prüfungsvorbereitungen für ihre Mittlere Reife gerissen und die gesamte Familie, die ohnehin durch den Krieg in Syrien traumatisiert ist, mitten in der Nacht mit ein paar Euros ins Flugzeug nach Bulgarien (aus)-gesetzt, zudem noch mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie. Die Familie fühlt sich im freien Fall. Eine menschliche Tragödie.

SPD: Rechtzeitig Petitionen initiieren

Zur Abschiebung der Familie Kheder nach Bulgarien haben sich nun auch die SPD-Abgeordneten im Landkreis Kassel, Esther Dilcher, Timon Gremmels, Manuela Strube und Oliver Ulloth, zu Wort gemeldet.

„Das Schicksal der Mutter und der beiden Kinder geht uns sehr nahe. Wir werden prüfen, ob das Rückführungsverfahren vollständig korrekt abgelaufen ist, oder ob es für die Familie noch eine Chance zur Rückkehr gibt“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung. Sie hätten mit den entsprechenden Stellen Kontakt aufgenommen.

Nicht nur die Familie und der Freundeskreis, auch die beiden Ausbildungsbetriebe seien vor vollendete Tatsachen gestellt worden. „In Zeiten von Fachkräftemangel in Handwerk und Pflege ist es zudem gesellschaftspolitisch nicht nachvollziehbar, junge Menschen aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen, die bereits Ausbildungsverträge in der Tasche haben.“

Bei ähnlichen Fällen raten die Abgeordneten dazu, rechtzeitig eine Petition an den Bundestag bzw. an den Landtag zu richten, um den Sachverhalt überprüfen zu lassen.

Die Linke fordert Regierungspräsidium Kassel auf, Entscheidung gegen die Familie aus Wolfhagen zurückzunehmen

Mit Entsetzen hat der Fraktionschef der Partei Die Linke im Kreistag, Jürgen Kehr, auf die Abschiebung der Familie Kheder nach Bulgarien reagiert. Er verstehe die Wut von Schülern der Walter-Lübcke-Schule in Wolfhagen, die Katia und Mervan Kheder besuchten. Die syrischen Jugendlichen waren 2017 mit ihrer Mutter Aziazh Kheder über Bulgarien nach Wolfhagen gekommen und lebten seither in der Flüchtlingsunterkunft in Gasterfeld. Von dort waren sie vor einer Woche abgeschoben worden.

Die Linke unterstütze die Flüchtlingshilfe Wolfhagen in ihren Bemühungen, die bereits vollzogene Abschiebung rückgängig zu machen. Die Familie, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien, vor Terror und Verfolgung durch das Assad-Regime und islamistische Gruppen nach Nordhessen geflohen ist, sei in Wolfhagen zur Ruhe gekommen.

Die Familie habe sich um Integration bemüht, die beiden Kinder hätten vor ihren Schulabschlüssen gestanden und Zusagen für den Beginn ihrer Ausbildungen gehabt. Die jetzt vorgenommene Abschiebung habe diese Bemühungen zunichtegemacht, so Kehr.

„Wir fordern das Regierungspräsidium Kassel auf, den Abschiebebescheid umgehend zurückzunehmen und der Familie Kheder eine Rückkehr in ihr neues soziales Umfeld zu ermöglichen“, verlangt Kehr.

Natürlich hätten fast alle Menschen, die vor dem Terror in Syrien geflohen seien, den Landweg über den Balkan genommen, wenn sie nicht das Leben ihrer Kinder auf hoher See gefährden wollten, sagt Landtagsabgeordneter Torsten Felstehausen und Sprecher der Kreisverbandes Die Linke.

„Jetzt aber diesen Ländern an den EU-Außengrenzen mit dem Hinweis auf die sogenannten Dublin-III-Regeln die alleinige Verantwortung für die Aufnahme dieser Menschen zuzuschieben und die Geflüchteten, die in Deutschland ihren Integrationsprozess begonnen haben, dorthin abzuschieben ist unsozial und unsolidarisch.“

Zudem sei die Situation für Geflüchtete in Bulgarien katastrophal. Überfüllte Lager, unhaltbare hygienische Bedingungen, keine Bildungsangebote und ständige rassistische Übergriffe seien dort Alltag.

„Die Abschiebung der Familie Kheder ist zynisch und absurd. Für dieses unmenschliche Vorgehen trägt das Regierungspräsidium Kassel die Verantwortung“, sagt Felstehausen.

Trotz der gesetzlichen Regelungen wäre es möglich gewesen, im Sinne der Regelung zum Selbsteintritt, den Ermessensspielraum auszunutzen und der Familie Kheder ein Bleiben zu ermöglichen. (Antje Thon)

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