Kinder gegen Sucht stärken

Kita Liemecke in Wolfhagen als erste Einrichtung in Hessen zertifiziert

Lieben die Ruheinsel im Wolfhager Kindergarten Liemecke: Stina, Jerome, Esila, Noah, Celia, Stella, Finn und Linus.
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Lieben die Ruheinsel im Wolfhager Kindergarten Liemecke: Stina, Jerome, Esila, Noah, Celia, Stella, Finn und Linus.

Der Wolfhager Kindergarten Liemecke ist die erste Einrichtung in Hessen, die jetzt für ihre Arbeit das Zertifikat Freunde erhält.

Wolfhagen – Dahinter steckt ein bundesweites Präventionsprojekt gegen Sucht und Gewalt, das Erzieher und Kinder mit Unterstützung der Drogenhilfe Nordhessen seit November 2019 umsetzen. Das von Rotary 1998 ins Leben gerufene Präventionsangebot Freunde soll die Lebenskompetenz der Kinder im frühen Alter für mehr Selbstwahrnehmung, Einfühlungsvermögen, Kommunikationsfähigkeit, Problemlösefähigkeit, Verantwortungsbereitschaft und den Umgang mit Stress und Emotionen fördern.

Um das zu erreichen, gibt es in der Kita Liemecke unter anderem spielzeugfreie Phasen um die eigene Kreativität zu fördern, einen Platz zum Streiten und wieder Versöhnen und Ruheinseln zum Entspannen. „Das macht Kinder unter anderem stark gegen Sucht, Gewalt und psychische Erkrankungen“, sagt Kira Cromm von der Drogenhilfe Nordhessen, die das Projekt betreut. „Uns ist es ein Anliegen, früh präventiv zu arbeiten, da die Maßnahmen umso effektiver sind, je früher sie beginnen. Kitas entwickeln sich immer mehr zu familienunterstützenden Institutionen und damit gewinnt der Dialog zwischen Eltern und Kitas zunehmend an Bedeutung“, so Gromm. Wegen Corona habe die Arbeit etwas stagniert. Im Landkreis Kassel nimmt neben der Liemecke noch das Haus der Kleinen Füße, ebenfalls in Wolfhagen, am Projekt teil. Jede Einrichtung im Landkreis sei jedoch eingeladen, sich anzumelden, so Cromm.

Spielzeugfreie Zeit im Kindergarten Liemecke: Das schafft Raum für Kreativität. Die Einrichtung hat es schon vor dem „Freunde“-Konzept umgesetzt.

„Für uns lag die Beteiligung an dem Projekt nahe, weil wir einiges davon, wie zum Beispiel spielzeugfreie Zeiten und aktives Zuhören, schon länger in unseren Alltag integrieren“, sagt Kitaleiterin Andrea Giehler-Heinicke. „Ganz nebenbei üben wir etwa miteinander uns gesund zu ernähren oder Langeweile auszuhalten. Die Rücksichtnahme untereinander ist ein großes Thema, ebenso wie die Erhöhung der Frustrationstoleranz.“ Das Team hat sich in Nachmittagsseminaren und am Wochenende schulen lassen. Miteinbezogen wurden auch die Eltern.

Gefahren durch das Smartphone

Das Präventionsprogramm Freunde startete 1998 als Initiative rotarischer Klubs im bayerischen Chiemgau. Hintergrund sind zahlreiche Todesfälle durch Alkohol, Tabak und illegale Drogen. Neue Süchte entwickeln sich durch die Dauer-Benutzung des Smartphones. Bei dem Projekt Freunde werden die Kinder nicht mit Sucht und Gewalt konfrontiert, sondern sie werden gestärkt, um solchen Gefahren zu begegnen. Kontakt: Kira Cromm: 0172/7825789, praevo.lkks@drogenhilfe.com 

Der Wolfhager Kindergarten Liemecke hat jetzt als erste Einrichtung in Hessen an dem Präventionsprogramm „Freunde“ teilgenommen. Wir sprachen mit Kitaleiterin Andrea Heinicke-Giehler über das Projekt.

Frau Heinicke-Giehler, warum haben Sie als Einrichtung an dem Präventionsangebot „Freunde“ teilgenommen?
Viele Aktionen und Bedingungen des Programms sind uns vertraut und gehören schon länger zu unserem Alltag, wie zum Beispiel die spielzeugfreie Zeit, über Gefühle zu sprechen, guter Umgang mit Konflikten und die Rechte der Kinder. Für unsere Teamentwicklung ist wichtig, dass wir uns in diesen Bereichen selbst reflektieren. Das haben wir mit der Langzeitfortbildung „Freunde“ umgesetzt. Sozial-emotionales Miteinander und gute Kommunikation haben Priorität in unserer Einrichtung. Uns ist es wichtig, den Kindern dies alles in ihren Lebensrucksack zu packen.
Was packen Sie denn da genau in den Rucksack?
Wir wollen die Lebenskompetenzen der Kinder fördern und ihnen Stärke mitgeben. Dass sie sich selbst kennen und mögen, empathisch reagieren, kritisch und kreativ denken, durchdachte Entscheidungen treffen, Probleme erfolgreich lösen und mit Stress umgehen können. Damit arbeiten wir auch Sucht- und gewaltpräventiv. Die Kinder lernen in unserer hektischen Welt zur Ruhe zu kommen, sich mit ihren Gefühlen auseinander zusetzen, konstruktiv zu streiten und gut für sich und ihre Bedürfnisse zu sorgen – mit Rücksicht auf andere. Kinder sollen sich selbstregulieren lernen, die Verhältnismässigkeit von Aktion und Reaktion sollte angemessen sein. Wichtig ist, nicht nur bedürfnisorientiert aufzuwachsen, sondern einen Blick für den Lebensraum zu bekommen und somit die Bedürfnisse anderer gut mit einzubeziehen.
Wie können Sie das konkret erreichen? Nennen Sie Beispiele.
Im wiederkehrenden Rhythmus gibt es für drei Monate kein Spielzeug und die Kinder entwickeln eigene Ideen für die Tagesgestaltung. Durch das „Selbermachen“ erweitern die Kinder spielerisch ihre Entscheidungs- und Handlungskompetenz. Dann haben wir einen Platz zum Streiten, bei denen die Erzieher die Kinder bei der Konfliktlösung anleiten, bis die Streitparteien selbst ihre Lösung gefunden haben. Dabei lernen sie mit zunehmenden Alter immer mehr Eigenständigkeit. Es gibt Inseln der Ruhe, um Ruhe-Rituale und Entspannungsübungen fest in den Alltag zu integrieren. Das hilft Kindern besser, mit Stress umzugehen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und das Gesundheitsbewusstsein zu fördern. Über all dem steht die Partizipation (Teilhabe), sie macht die Kinder stark sich für sich und ihre Meinungen und Bedürfnisse selbstbewusst einzusetzen. Im Morgenkreis entscheiden die Kinder über ihren Tagesablauf. Besondere Outdoor-Aktionen werden miteinander abgestimmt.
Können die Eltern den Prozess zu Hause unterstützen?
Ja, das wäre sogar sehr gut. Eltern können bewusst Zeit einplanen, um regelmäßig mit ihrem Kind zu sprechen. Dabei ist Augenkontakt wichtig. Sie können Ruheplätze anbieten, Langeweile zulassen, über Gefühle sprechen, bei Konflikten richtig kommunizieren und ihre Kinder bei dem, was diese überschauen können mit beteiligen aber auch Grenzen setzen und Abwarten können. In vielen Familien ist das schon üblich, aber in anderen leider noch zu wenig. Wir unterstützen die Eltern gerne bei ihrer Erziehungsarbeit durch Informationsangebote.
Wie hat sich denn allgemein die Kindergartenarbeit gewandelt?
Wir waren zwar noch nie „Basteltanten“, aber Erzieher begleitet oft der Ruf, dass sie „nur spielen und basteln“. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Kindheit sehr gewandelt. Wir sind viel mehr gefordert, weil sich auch die Kinder verändert haben (aufgrund der familiären Situation). Sie sind lebendiger, haben einen höheren Bewegungsdrang und müssen individueller gefördert werden. Wir haben auch viel mehr mit auffälligen oder hyperaktiven Kindern zu tun. Zuviel Medienkonsum hat einen negativen Einfluss. Wir müssen Aggressionen und Stress der Kinder kompensieren. Das ist nicht so sichtbar, wie eine mit nach Hause gebrachte Bastelarbeit, aber dringend notwendig und unsere Hauptaufgabe. Vielen Kindern fehlt es auch an Handlungskompetenz und Kulturtechniken. Handlungsabläufe beim An- und Ausziehen sind nicht verinnerlicht, die Kinder kennen oft ihre eigenen Sachen nicht.
Andrea Heinicke-Giehler: Leiterin der Kita Liemecke

Zur Person

Andrea Heinicke-Giehler, 59 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, wohnt in Altenhasungen. Erzieherin seit 1980, Kitaleitung seit 1989, seit 2015 Leiterin der Kita Liemecke. (Bea Ricken)

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