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„Es tut schon weh“: Traditionsgeschäft in Wolfhagen schließt nach 123 Jahren

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Von: Norbert Müller

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Ernst und Petra Pötter stehen nebeneinander in ihrem Geschäft.
Schließen ihr Geschäft zur Jahresmitte: Ernst und Petra Pötter gehen nach arbeitsreichen Jahren Ende Juni in den Ruhestand. In der Wolfhager Mittelstraße wird das zu unübersehbarem Leerstand führen. © Norbert Müller

Statt leuchtender Kinderaugen wird´s Tränen geben: Am 30. Juni schließt in der Wolfhager Innenstadt ein ganz besonderes Geschäft: Spiel, Sport und Freizeit Pelz.

Wolfhagen – Vor allem im Spielwarenbereich ist Pelz in der Region einzigartig, entsprechend weit spannt sich der Radius, in dem die Stammkundschaft zu Hause ist. Selbst in Kassel habe man treue Kunden, sagen die Inhaber Ernst und Petra Pötter. Entsprechend groß ist dann auch die Überraschung, dass das in vierter Generation geführte Geschäft im Sommer seine Türen für immer schließen wird.

Die Entscheidung aufzuhören sei im Laufe des vergangenen Jahres gefallen, sagt Ernst Pötter. „Corona hatte sicher einen Einfluss. Wir mussten uns in der Zeit sehr einschränken“, weil sich auch die Kunden gezwungenermaßen hätten zurückhalten müssen angesichts der Lockdowns. Dann sei jetzt noch die Energiekrise mit den stark steigenden Kosten dazugekommen, die Inflation. Die Leute halten das Geld zusammen. Das habe man in den vergangenen Monaten deutlich gespürt.

Das Hauptgeschäft im Spielwarenbereich mache man zu Weihnachten, sagt Ernst Pötter. „40 Prozent des Jahresumsatzes werden in den Monaten November und Dezember erzielt.“ Aber auch in den anderen Bereichen des Geschäfts – neben den Spielwaren sind das Sportartikel, Modellbau, Modellbahnen, Fahrräder und Bastelartikel – erlebe man die Kaufzurückhaltung.

Tradition in Wolfhagen: Die Firma Pelz ist 123 Jahre alt

Man merkt den Pötters an, dass es ihnen nicht leichtfällt, die seit 123 Jahren bestehende Firma aufzugeben. „Wir haben es mit viel Herzblut gemacht“, sagt Pötters Frau Petra. „Es tut schon weh.“ Und es sei bereits so manche Träne geflossen. Auch wegen der drei Mitarbeiter, die am 28. Dezember ihre Kündigungen erhielten. Alle seien seit mehr als 30 Jahren dabei. „Wir sind wie eine Familie“, versichert die 65-Jährige.

Er habe bereits im vergangenen Jahr nach einem Nachfolger gesucht, sagt Ernst Pötter. „Aber die beschriebenen Umstände haben dazu geführt, dass keiner gefunden wurde. Es soll ja auch was verdient werden, und das ist nicht mehr so gegeben.“ Seinen Mitarbeitern habe er abgeraten.

Firma Pelz: Keine Zukunft für das Geschäft in der Wolfhagener Innenstadt

„Wir haben 65 000 Artikel im Haus und im Warenlager mit einem Verkaufspreis von 1,5 Millionen Euro.“ Das hätte ein Nachfolger übernehmen und finanzieren müssen. Pötter: „Das kann man keinem zumuten. Vor 20 Jahren wäre das noch möglich gewesen.“ Das entsprach auch der Einschätzung der Einkaufsgemeinschaften Vedes und Intersport, denen die Firma Pelz angehört. „Auch die sehen für Häuser in unserer Größe in Kleinstädten wie Wolfhagen keine Zukunft mehr“, erklärt Ernst Pötter.

Von den eigenen beiden Kindern hatte übrigens auch keins Interesse. „Die haben beide super Jobs“, sagt Mutter Petra. „Und die haben ja auch gesehen, was es bedeutet, einen solchen Laden zu führen.“ Sonntags hatten die Kinder dann den Laden mit all seinen Schätzen ganz für sich allein, eine kleine Entschädigung für das eingeschränkte Familienleben unter der Woche.

Vielleicht konnten sie da auch ein bisschen verstehen, warum die Eltern sich so sehr für das Geschäft begeisterten. Ihr Lieblingsbereich, sagt Petra Pötter, sei vor allem die Spielwarenabteilung. „Ich habe das immer richtig gerne gemacht“, obwohl sie gar nicht vom Fach gewesen sei, als sie 1983 nach der Hochzeit mit ins Geschäft einstieg. „Ich war Fremdsprachensekretärin und hatte mit Lego nichts am Hut.“

Ihr Ernst war da näher dran. Der gelernte Bankkaufmann und staatlich geprüfte Betriebswirt sagt: „Ich habe meine Hobbys zum Beruf gemacht.“ In der großen Eisenbahnabteilung und in den Bereichen für Sport und Basteln sei er besonders gerne.

1979 wurde Ernst Pötter von seinem Patenonkel Ernst Pelz ins Geschäft geholt, das er einmal übernehmen sollte. Fünf Jahre später war es dann so weit. Pötter führte die Familientradition weiter, die Korbmachermeister Engelhardt Pelz mit der Eröffnung eines Ladens an der Mittelstraße, in dem neben Korbwaren auch schon Spielwaren angeboten wurden, im Jahr 1900 gründete.

Pelz in Wolfhagen: Ernst Pötter hat beobachtet wie sich die Branche veränderte

In seiner Zeit als Inhaber hat Pötter alle Entwicklungen in der Branche miterlebt, etwa, wie die Modelleisenbahnen vom beliebten Kinderspielzeug zum Erwachsenenvergnügen wurden, für das gestandene Männer viel Geld ausgeben, während sich die größeren Kinder nun vor allem für Spielkonsolen begeistern.

Aber auch den Siegeszug des Internets erlebten die Pötters mit, den Online-Handel, der den stationären, alteingesessenen Händlern gnadenlos Konkurrenz machten. Auch die Firma Pelz bekam den Druck zu spüren. Und stieg dann selbst ein in die ungeliebte Art des Vertriebs –wenn auch nicht ganz freiwillig.

Historisches Foto des Korbwarengeschäftes Pelz
Blick in die Vergangenheit: Ernst Pelz, der Patenonkel von Ernst Pötter, mit seiner Großmutter und seiner Schwester in den 30er-Jahren vor dem Korbwarengeschäft Pelz – damals noch in der Schützeberger Straße. © Privat

Die Kinder halfen mit dem Online-Handel der Wolfhagener Firma Pelz

Als während des ersten Corona-Lockdowns nichts mehr ging, die Läden schließen mussten, da habe man sich von den Kindern anhören müssen, dass sie doch nicht einfach so in ihrem Geschäft mit den gut 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche rumsitzen und Trübsal blasen könnten. Innerhalb von drei Tagen habe dann die junge Generation einen Online-Handel auf die Beine gestellt. „Wir haben nicht damit gerechnet, wie das läuft“, sagt der 68-jährige Ernst Pötter, der keinen Hehl daraus macht, dass „der Corona-Nerv“ mit dazu beigetragen habe, dass man nun leichter loslassen könne. Und seine Frau ergänzt: „Das ging volle Kanne ab. Damit haben wir uns durch die Corona-Zeit gerettet. Wir haben immer gesagt, wir machen das nicht mehr, aber die Kinder haben uns getrieben.“

Und nach wie vor läuft der Online-Shop von Pelz. „Zehn Prozent von unserem Umsatz machen wir online.“ Ab Mitte Mai, wenn es mit dem Ausverkauf richtig losgehen soll, dürfte es noch deutlich mehr werden.

Spiel Sport Freizeit Pelz: Bisher keine Nachnutzung der Gebäude in Wolfhagen

Ab 1. Juli ist Pelz in Wolfhagen Geschichte. Eine Nachnutzung der Gebäude zeichne sich nicht ab, es laufe wohl auf einen Leerstand hinaus, vermutet Ernst Pötter. Aber: „Wir sind offen, vermieten und verkaufen sind Optionen.“ Leuchtende Kinderaugen vor den Schaufenstern und im Geschäft, die begeisterten Knirpse, die mit ihren Eltern die so beliebten Geburtstagskisten füllen, aus denen die Freunde die Geschenke besorgen, wird es nicht mehr geben.

Was die Pötters dann machen? „Uns erst mal dran gewöhnen“, nachdem über Jahrzehnte zwölfstündige Arbeitstage die Regel waren. Und man wolle mehr Zeit mit den drei Enkeln verbringen, für die sie vor dem Ausverkauf noch manches schöne Stück bunkern werden. (Norbert Müller)

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