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Krieg in der Ukraine – Adreno ist erschöpft, wütend und trauert um Freunde

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Von: Bea Ricken

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Ukrainische Sanitäter bedecken bei Kiew das Grab einer von russischen Truppen getöteten Kollegin mit der Nationalflagge. Es handelt sich um ein Symbolfoto.
Ukrainische Sanitäter bedecken bei Kiew das Grab einer von russischen Truppen getöteten Kollegin mit der Nationalflagge. Es handelt sich um ein Symbolfoto. © Efrem Lukatsky/dpa

Ein Deutscher, der zuletzt in Ahnatal und Wenigenhasungen gelebt hat, kündigt seinen Job und meldet sich freiwillig als Sanitäter im ukrainischen Kriegsgebiet. Er berichtet in mehreren Folgen über die aktuellen Geschehnisse.

Wenigenhasungen/Ahnatal – Für Adreno spitzt sich die Lage im Kriegsgebiet weiter zu. Zunehmend zeigen sich bei ihm Erschöpfung, Wut und Verbitterung.

Aktuell hat er wieder einen schweren Angriff der russischen Truppen in einem Außenbezirk von Kiew überlebt. Viele Mitglieder seiner Gruppe sind gestorben.

Adreno arbeitet als Sanitäter. In den vergangenen Tagen habe er selbst die Waffe in die Hand nehmen müssen, um sein Team zu verteidigen.

Soldaten seien Kriegsverbrecher

„Die Zivilisten in dem Bezirk leiden massiv unter der gewaltsamen Besetzung. Russland interessiert sich nicht, wer stirbt. Sie platzieren Sprengstoff in Häusern und Straßen, ohne Rücksicht darauf, eine unschuldige Familie und ihr Zuhause zu vernichten“, berichtet Adreno.

„Diese Soldaten, vor allem die Tschetschenen, die für Russland kämpfen, sind nichts weiter als Kriegsverbrecher. Sie foltern, vergewaltigen und vieles mehr.

Auf dem russischen sozialen Netzwerk VK sind Bilder zu finden, in denen diese Männer stolz zeigen, wie sie Ukrainer foltern.“

Seine Gruppe habe sich durch den Wald auf einem Evakuierungskorridor bewegt. „Dann hat sich die Hölle geöffnet.“

Zwei georgische Kollegen und drei ukrainische Soldaten seien getroffen worden

Tschetschenische Soldaten und russische Truppen in Begleitung einer Spezialeinheit hätten das Feuer auf Adrenos Gruppe eröffnet. Der Korridor sei blockiert und sie seien von drei Seiten attackiert worden.

Zwei der georgischen Kollegen und drei ukrainische Soldaten seien getroffen worden. „Ein Georgier und ich als Sanitäter konnten die ersten Verletzten versorgen und über den Evakuierungskorridor in Sicherheit bringen.“

Sein Team habe nach Verletzten gesucht, als die Russen erneut das Feuer eröffneten. Er habe mit dem Gewehr seine Truppe verteidigt. Einige starben.

„Wir mussten unseren georgischen Bruder zurücklassen“

„Wir trugen einen Verletzten 15 Kilometer durch den Wald, sein Schädel war gebrochen und er hatte mehrere Verletzungen erlitten.“ Vier Stunden seien sie gelaufen.

„Plötzlich wurden wir erneut durch Artillerie-Geschosse attackiert. Wir mussten unseren georgischen Bruder zurücklassen, und er starb an seinen Verletzungen“, so Adreno.

Der gezielte Artillerie-Beschuss der russischen Truppen sei möglich gewesen, weil diese sie mit einer Drohne verfolgt hätten. Nach drei Stunden wurde Adrenos Gruppe mit den Verletzten endlich evakuiert.

„Ich fühlte nichts mehr, keine Angst, keine Panik, ich war ruhig und fokussiert. Ich feuerte meine Waffe ab, wenn ich es musste“, berichtet der 26-Jährige. Sein Kopf sei ausgeschaltet gewesen.

Er müsse auch bereit sein, sich selbst und sein Team zu schützen

Adreno war froh, als er endlich essen und schlafen konnte. An diesem Punkt wäre ihm klar geworden, dass allein die medizinische Versorgung der Menschen nicht seine einzige Aufgabe in diesem Krieg sei.

Er müsse auch bereit sein, sich selbst und sein Team zu schützen. „Dies wird nicht der letzte Einsatz meiner Einheit gewesen sein, bei Weitem nicht, doch es war mein erster Kampf.“

„Ich möchte klarstellen, dass Russland gezielt und nicht aus Versehen auf zivile Ziele und Krankenhäuser schießt. Ich lese die deutschen Medien nicht, aber ich hoffe, dass Deutschland darüber informiert ist.“

„Operation zum Schutz gegen den Genozid an Russen im Donbas“

Adreno weiß, dass von Extremisten die Rede ist, die im Kriegsgebiet kämpfen sollen. Er habe jedoch noch keinen kennengelernt. „Dieser Krieg wird im Glauben an Freiheit, Demokratie und an alles, was unsere europäischen Werte ausmacht, geführt.“

Aus diesen Gründen seien die Menschen bereit, für den Schutz der Ukraine zu kämpfen. Denn was Wladimir Putin in seiner Kriegserklärung als „Operation zum Schutz gegen den Genozid an Russen im Donbas“ darstelle, sei aus seinem Hass gegenüber einer erfolgreichen Ukraine entstanden.

„Putin ist der neue Hitler und macht sich des Genozids am Volk der Ukrainer schuldig“, sagt Adreno. (Bea Ricken)

Zur Person

Adreno (26) lebte bis zu seinem Eintritt in die ukrainische Armee in Ahnatal mit Zweitwohnsitz in Wenigenhasungen. Er arbeitete bis zu seiner Ausreise aus Deutschland als Alten- beziehungsweise Krankenpfleger und hat nach eigenem Bekunden Weiterbildungen für Taktische Einsätze Medizin und Taktische Kampfeinsätze absolviert. Die Ukraine kennt er durch seine Lebensgefährtin, die selbst aktuell im Kriegslazarett arbeitet. 

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