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Steht das Wolfhager Kulturzelt auf der Kippe?

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Von: Sascha Hoffmann, Norbert Müller

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Die durchweg positive Resonanz der Besucher macht ein Wolfhagen ohne Kulturzelt nur schwer vorstellbar. In diesem Jahr war die Stimmung an allen Abenden überwältigend, so wie hier bei Naturally 7.
Die durchweg positive Resonanz der Besucher macht ein Wolfhagen ohne Kulturzelt nur schwer vorstellbar. In diesem Jahr war die Stimmung an allen Abenden überwältigend, so wie hier bei Naturally 7. © Sascha Hoffmann

Das Wolfhager Kulturzelt ist gerade mit einem ausverkauften Konzert von Nico Santos zu Ende gegangen. Jetzt sorgt man sich, wie es im kommenden Jahr weitergeht, weil die Stadt Wolfhagen wegen mangelhafter Jahresabschlüsse keine Verträge abschließen darf.

Wolfhagen – Nach dem Kulturzelt ist normalerweise vor dem Kulturzelt: In der Vergangenheit starteten nach dem Ende des Wolfhager Festivals die Vorbereitungen für die Veranstaltung im folgenden Jahr. In diesem Jahr ist das anders. Und es ist noch längst nicht sicher, ob es überhaupt eine Fortsetzung geben wird.

„Durch die Nichtgenehmigungsfähigkeit der aktuellen Haushaltssatzung dürfen wir nur Pflichtaufgaben tätigen“, bringt Wolfhagens Erster Stadtrat Karl-Heinz Löber (SPD), der derzeit den Bürgermeister vertritt, das Problem auf den Punkt. Die Kultur zählt zu den freiwilligen Leistungen. Und so lange der Haushalt der Stadt Wolfhagen, die 2015 die Trägerschaft für das Festival vom Kulturzelt-Verein übernahm, nicht den Segen der Aufsichtsbehörde hat, kann die Stadt keine Verträge mit Künstlern oder auch Zeltvermietern abschließen. Löber rechnet „im bestmöglichen Fall“ damit, dass die Stadt ihre komplette Handlungsfähigkeit erst im Frühjahr 2023 wieder zurückerlangt haben wird. „Für die Verpflichtung der Künstler“, sagt Hauptamtsleiter Kai Liebig, dem im Wolfhager Rathaus die Kulturarbeit untersteht, „ist das zu spät“. Üblicherweise seien die Verträge bis zum Herbst für das Kulturzelt des Folgejahres ausgehandelt und auch unterzeichnet. „Das ist aus unserer Sicht nicht durchführbar“, sagt Löber.

„Alternative, kreative Ideen“

Es gebe aber bereits „alternative, kreative Ideen“, so Löber weiter, für ein Festival 2023, das allerdings nicht in der Zuständigkeit der Stadt über die Bühne gehen könne, sondern privatrechtlich oder auf Vereinsbasis. Diese Ideen seien allerdings „noch nicht weiter ausformuliert“. Man gehe davon aus, dass Kulturmanager Wolfgang Frey, der 1995 das Festival mit einer Gruppe junger Leute gründete und seither die Programmgestaltung organisiert, mit seinem Team Ehrenamtlicher weiter eine zentrale Rolle spielen werde.

2023 sehe man in Sachen Kulturzelt in Wolfhagen als „Übergangsjahr“, sagt Kai Liebig. Das Festival mit Kabarett, Comedy und Musik wolle man keinesfalls sterben lassen. „Wir planen für 2024 mit einem regulären Kulturzelt.“

„Unglaublich viele schöne Momente“

Hat schon Pläne für ein Open-Air-Festival im nächsten Jahr in der Tasche: Kulturzeltmacher Wolfgang Frey.
Hat schon Pläne für ein Open-Air-Festival im nächsten Jahr in der Tasche: Kulturzeltmacher Wolfgang Frey. © Sascha Hoffmann

Wenn man Wolfgang Frey nach den Höhepunkten der diesjährigen Kulturzelt Saison befragt, kann er aus dem Vollen schöpfen. „Wir hatten so unglaublich viele schöne Momente, die Stimmung war ausnahmslos gut und auch das Wetter hat mitgespielt.“

Der Kulturmanager, der mit einer Gruppe Freiwilliger das beliebte Festival in den vergangenen 26 Jahren zu dem gemacht hat, was es heute ist, kommt aus dem Schwärmen gar nicht wieder heraus, wenn er etwa vom Konzert der Bayernrocker LaBrassBanda berichtet, seinen alten Kumpel Gregor Meyle im Rückblick hochleben lässt und insgesamt 8175 verkaufte Tickets als „durchaus gut“ bezeichnet.

Sein Strahlen weicht allerdings einem ernsten Blick, kaum dass man ihn auf die aktuellen Probleme rund um das Wolfhager Kulturfestival angesprochen hat. Hinter vorgehaltener Hand hat ein Gerücht die Runde gemacht. Sollte das diesjährige Kulturzelt etwa das letzte gewesen sein?

Nicht um den heißen Brei reden

Er wolle diesbezüglich gar nicht um den heißen Brei reden, sagt Frey und berichtet von einem Besuch in den Teichwiesen, der garantiert nicht zu seinen schönsten Erinnerungen des Jahres zählt. „Wenn der Bürgermeister hier zu uns aufs Gelände kommt, eine Ahle Wurscht aus Viesebeck mitbringt und unseren Leuten sagt, dass es 2023 kein Kulturzelt in städtischer Trägerschaft geben wird, ist das sehr deutlich.“

Grund, den Kopf in den Sand zu stecken, sei das für ihn aber noch lange nicht, laut über ein Ende nachzudenken schon gleich gar nicht. „Ich habe die Haushaltsabschlüsse nicht verbockt, dafür sind andere verantwortlich“, sagt Frey mit Blick auf ein Schreiben des Regierungspräsidiums an Schaake, der das Unterschreiben von Verträgen aufgrund der Nichtgenehmigungsfähigkeit der aktuellen Haushaltssatzung verbietet.

Heftige Diskussionen

Heftige Diskussionen hätten seither den Alltag in der Kulturzeltcrew bestimmt. „Wollen wir es wirklich sterben lassen, oder gibt es Alternativen?“ Frey gibt sich vorsichtig optimistisch, hat Alternativpläne längst in der Schublade, für die das alte Kulturzeltteam zumindest für kommendes Jahr selbst in die Verantwortung gehen müsste, ohne auf die Stadt zählen zu können. Problem: Viele aus dem früheren Kernteam sind längst auf ganz Deutschland verteilt, haben ihre Lebensmittelpunkte nicht mehr in Wolfhagen. „Wenn wir wollen, dass wir noch mal mehr werden als wir es jetzt sind, müssen wir an der Struktur der 14-tägigen Durchführung eines Zeltfestivals etwas ändern“, sagt Frey, der eine kurze, kompakte Version als „Kulturzelt Open-Air“ für realistisch hält. Fixkosten für Zelt, Tribüne und vieles mehr seien einfach zu hoch und in wenigen Tagen nicht einspielbar.

Als Übergangslösung wäre für Frey ein verlängertes Wochenende denkbar, immer verbunden mit der Hoffnung, „dass die Stadt 2024 vielleicht wieder Verträge unterschreiben kann, beziehungsweise 2023 Verträge für 2024 machen und es somit eine Fortsetzung des Festivals in gewohnter Form geben kann“. Sicher sei sich diesbezüglich aktuell allerdings keiner.

Open Air vorstellbar

„Wenn möglichst viele unserer Leute sagen, sie stehen zu dieser Alternative und werden auf alle Fälle da sein, könnten wir uns vom 7. bis 11. Juni ein Open-Air-Festival vorstellen.“ Ben Zucker schwebe ihm als einer der Acts vor, bei einer Kapazität von etwa 4000 Besuchern denkbar, anders als im Zelt, wo die Gage der Größe wegen nicht einspielbar wäre. Atze Schröder wäre ein Wunsch, auch LaBrassBanda sei open-air denkbar. Ein Kulturzelt-Zwischenspiel als Open-Air im Stadtpark Teichwiesen könnte somit nun die Lösung für 2023 werden, vorausgesetzt, alle Beteiligten raufen sich zusammen. Vielleicht helfen dabei die Erinnerungen an die vielen Höhepunkte der gerade gelaufenen Kulturzelttage. Norbert Müller/Sascha Hoffmann

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