Tradition im Corona-Jahr

Kurzkonzert vom Kirchturm aus: Wolfhager Bläser spielen fünfmal in der Woche – auch an Heiligabend

Mit Posaune und Trompete rauf auf den Wolfhager Kirchturm und von dort direkt in die Herzen der Wolfhager: Gerd Bechtel (links) und Max Vogel.
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Mit Posaune und Trompete rauf auf den Wolfhager Kirchturm und von dort direkt in die Herzen der Wolfhager: Gerd Bechtel (links) und Max Vogel.

Überall im Wolfhager Land machen sich Weihnachtswichtel auf den Weg, um ihren Mitmenschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Einige dieser Freudenbringer stellen wir täglich bis Heiligabend vor.

Wolfhagen – Um Punkt 18.52 Uhr sind sie oben angekommen. Unüberhörbar bahnen sich dumpf erste Klänge ihrer Instrumente durch die dicken Mauern des Kirchturms raus gen Wolfhager Abendhimmel. 156 Stufen haben Max Vogel und Gerd Bechtel vor ihrem kurzen Einspielen hinter sich gelassen auf dem immer wieder aufs Neue abenteuerlichen Weg über steile Treppen und durch enge Gänge. Und doch gehen sie ihn längst routiniert, waren sie in diesem Jahr schließlich schon derart oft da oben, dass sie jede Stufe und jeden Winkel in- und auswendig kennen.

Dann plötzlich Stille, die durch die Glockenschläge um 19 Uhr gebrochen wird. Vogel setzt seine Trompete an, Bechtel die Posaune, um trotz winterlicher Temperaturen in ihr abendliches Kurzkonzert zu starten. „Nun jauchzet, all ihr Frommen“ und „O komm, o komm, du Morgenstern“ haben sie zum vierten Advent mitgebracht, die für die Evangelische Kirche vorgeschlagenen zwei Wochenlieder, die meist zu hören sind, wenn der Posaunenchor wechselnde Mitglieder rauf auf den Turm schickt. Seit März ist das schon so in guter Regelmäßigkeit, und das aus gutem Grund. „Unsere Bläsermusik, wenn sie nicht im Gottesdienst erklingen darf, wird auf diese Weise trotzdem ins Bewusstsein gerückt“, sagt Kirchenmusikdirektor Bernd Geiersbach. „Zwar dürfen wir nicht in größerer Besetzung spielen, aber stellvertretend macht auch eine kleinere deutlich: Wir sind noch da, und wir sind ganz besonders jetzt da.“

Der Posaunenchor als musikalischer Freudenbringer in schwierigen Zeiten von Virusangst und Pandemiefrust kommt an bei den Wolfhagern, und das zeigen sie nicht nur mit Applaus, der zwischen den gespielten Stücken aus allen Himmelsrichtungen gen Turm schallt. „Wir haben Mails, Karten, Geschenke und sogar ein paar Geldspenden bekommen von Menschen, die sich darüber freuen, dass wir vom Turm und darüber hinaus auch wöchentlich ein- oder zweimal bei den Altenheimen spielen“, sagt Geiersbach, der genau um die Wirkung der Musik weiß: „Bereits in normalen Zeiten ist Musik für Menschen, die Krisen durchleben müssen, oft ein großer Trost, schenkt Freude oder hinterlässt ein positives Gefühl von Geborgenheit, in diesen merkwürdigen Pandemie-Zeiten, in denen das Leben so ganz anders ist als gewohnt, spüren viele Menschen zudem, dass Musik eine wohltuende Konstanz darstellt.“

Das sieht auch Gerd Bechtel so, der das Turmspiel zudem als Möglichkeit sieht, die frohe Botschaft von Gottes Nähe in der schwierigen Zeit musikalisch in die Stadt zu bringen. „Und ganz nebenbei ist es auch eine schöne Möglichkeit, ein bisschen in der Übung gemeinsamen Spiels zu bleiben, obwohl in diesem Jahr nur wenige Posaunenchorproben stattfinden konnten“, so der 59-Jährige, der nach gerade einmal acht Minuten mit seinem jungen Kollegen Max das abendliche Turmspielen, wie immer, mit „Der Mond ist aufgegangen“ beendet und es wieder still wird am Wolfhager Abendhimmel.

Info: Der Posaunenchor spielt donnerstags, freitags und sonntags 19 Uhr, dienstags und mittwochs 18 Uhr. Die Lieder stehen zum Mitsingen am Fenster unter kirche-wolfhagen.de bereit. An Heiligabend werden die Instrumente zudem um 18 Uhr und um 24 Uhr vom Turm aus erklingen.

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