Mit der Lkw-Fahrschule durch Kassel und Wolfhagen

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Fahrschüler- und lehrer vor ihrem Lkw: Jan Dippel (21) lernt von Gordon Güde (r.), wie man den 18,75 Meter langen Lkw mit Anhänger sicher fährt. Bei ihren Fahrstunden sind sie jedes Mal vom aggressiven Verhalten der Pkw-Fahrer überrascht.

Wolfhagen. Lkw-Fahrlehrer Gordon Güde hat der HNA angeboten, bei einer Fahrstunde dabei zu sein, um die Probleme der Fahrer besser zu verstehen. Da konnten wir nicht Nein sagen.

Ein Baustellenschild ragt über die Fahrbahn auf der Frankfurter Straße in Kassel. Die Pkw können problemlos darunter durch fahren, doch Jan Dippel muss mit dem drei Meter breiten Lkw ausweichen. Der 21-jährige Fahrschüler lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, fährt ein Stück nach links und blockiert zwei Fahrstreifen. Doch sein Lehrer ist genervt von dem hupenden Fahrzeug hinter ihm: „Der denkt jetzt nur: ,Der Lkw macht sich wieder breit’. Der kann gar nicht nachvollziehen, dass es anders überhaupt nicht geht.“

Den Blick hat Fahrlehrer Gordon Güde konzentriert auf die Straße gerichtet. „Ich denke immer mit und versuche zu erkennen, was der Schüler vor hat“, sagt der 38-Jährige. „Und schon wieder zieht ein Pkw ohne zu Blinken vor uns rüber“, und zeigt auf den Kleinwagen vor ihm. Gordon Güde erlebt jeden Tag ein aggressives Verhalten auf den Straßen und sieht die Lkw-Fahrer zu Unrecht in der Kritik.

Blick aus vier Metern Höhe: Verengte Fahrbahnen wie hier auf der Frankfurter Straße in Kassel sind eine Herausforderung.

Lässt man den Blick von der Straße ins Innere des Lkw schweifen, sieht man jede Menge Schalter und Hebel. Obwohl die Fahrerkabine mit drei Personen voll besetzt ist, ist es recht geräumig. Hinter den Sitzen liegt eine schmale Matratze, auf der sich Gordon Güde schlafen legen kann, wenn er Speditionsfahrten macht. Denn auch hierfür nutzt er seinen bis zu 43 Tonnen schweren Laster. Zu einem Fahrschul-Lkw machen ihn nur die zusätzlichen Pedale auf dem mittleren Sitz. Im Notfall kann er damit eingreifen. Bei Jan Dippel ist das aber nicht nötig. Er hat schon den Führerschein der Klasse C und setzt jetzt noch die Qualifikation für einen Lkw mit Anhänger obendrauf. Er fühlt sich mittlerweile recht sicher, auch bei engen Kurven und schlechtem Asphalt.

„So wirklich nervös bin ich beim Fahren mittlerweile nicht mehr.“ Trotzdem ist er nach jeder Fahrstunde platt. „Lkw-Fahren ist geistige Schwerstarbeit“, pflichtet ihm sein Fahrlehrer bei. Gordon Güde schickt seinen Schüler vom TÜV in Kassel über die Landstraße nach Baunatal und Schauenburg bis nach Wolfhagen. Von dort geht es über die Autobahn zurück nach Kassel. „Wir üben die typischen Strecken, die die Prüfer meistens fahren.“ Für Jan Dippel steht die Prüfung am Montag an.

Konzentriert bei der Fahrt: Jan Dippel (am Steuer) fährt schon sicher. Im Notfall kann Gordon Güde aber eingreifen.

Dass sich ein Lkw ganz anders fährt als ein Kleinwagen, merkt man schnell. Bei jedem kleinen Huckel werden die Insassen durchgeschüttelt. Ein Problem ist auch die Sicht: Der Fahrschul-Lkw hat zwar vier Spiegel an jeder Seite, trotzdem: „Die Sicht ist eingeschränkt. Hinter dem Laster verschwinden durchaus zwei Autos“, sagt Güde und zeigt auf den großen Rückspiegel.

Immer wieder kommentiert Güde das Geschehen. Doch er wirkt gelassen. So oft wie ihn das Verhalten der Pkw-Fahrer täglich stört, ist das Kritisieren mittlerweile zur Routine geworden. Dennoch will er, dass den Lkw-Fahrern mehr Verständnis entgegengebracht wird. „Ich biete jedem an, mitzufahren. So lernt man die Probleme der Lkw-Fahrer kennen.“

Auch Jan Dippel beobachtet an sich selbst, dass er sein Verhalten im Pkw geändert hat: „Oft lasse ich jetzt einen Lkw vor und rege mich weniger auf. Die Lkw-Fahrschule verändert die Leute.“

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