Suche nach Vermissten läuft oft auf Hochtouren

Lucy S. ist nicht die einzige Vermisste: 282 Fälle im Landkreis Kassel

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Vermisstensuche: Das Symbolbild zeigt einen Einsatz zur Suche einer vermissten Person.

Kreis Kassel. Fast eine Woche lang war die 15-jährige Lucy S. aus Wettesingen im März verschwunden. Offenbar hielt sich der Teenager im Raum Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) auf. 

In der Wohnung eines 41-Jährigen wurde sie aufgegriffen und ihren Eltern übergeben. Dieser Fall ist kein Einzelfall im Kreis Kassel. Nach Auskunft von Polizeisprecher Matthias Mänz vom Polizeipräsidium Kassel gab es im Kreis Kassel im Jahr 2016 insgesamt 282 Vermisstenfälle. Davon im Altkreis Wolfhagen 54.

Dabei komme es häufig vor, dass ein und derselbe Jugendliche mehrfach im Jahr als vermisst gemeldet werde und somit für gleich mehrere der statistisch erfassten Fälle verantwortlich sei, erklärte Mänz. In der Regel seien viele Vermisstenfälle innerhalb kurzer Zeit erledigt, oftmals sogar am gleichen Tag, da die Gesuchten eigenständig zurückkehrten und es sich häufig um Ausreißer handele.

Der Tag der vermissten Kinder wird seit 1983 weltweit am 25. Mai begangen. Er erinnert an einen Sechsjährigen, der in New York auf dem Weg zur Schule verschwand. Nach 2000 wurde der Tag auch in Europa und in Deutschland eingeführt. Obwohl die meisten Kinder nach kurzer Zeit wieder zurückkehren, lassen sich einige Schicksale nie aufklären. Allein in der ersten Jahreshälfte im Jahr 2016 wurden in ganz Hessen 258 Kinder vermisst, 214 kehrten wieder zurück. Im Landkreis Kassel gibt es aber keine Fälle, bei denen Kinder seit längerer Zeit vermisst werden und deren Schicksal ungeklärt ist, wie Polizeisprecher Matthias Mänz erklärte.

Immer häufiger werden Vermisstensuchen durch die Polizei auch in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Das geschehe allerdings immer nur nach genauster Abwägung. Im schlimmsten Fall könnte so eine Veröffentlichung sogar kontraproduktiv sein.

Interview mit Polizeisprecher Matthias Mänz: 

Was tun, wenn ein Angehöriger vermisst wird? Und warum werden manche Fälle öffentlich gemacht, andere aber nicht? Und wie gut ist es, wenn die Polizei Vermisstenmeldungen in sozialen Netzwerken verbreitet? Wir sprachen darüber mit Polizeioberkommissar Matthias Mänz, Pressesprecher im Polizeipräsidium Nordhessen.

Herr Mänz, mal angenommen, ein unter 18-jähriger Teenager kommt nicht zur gewohnten Zeit nach Hause und die Eltern haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um das Kind zu kontaktieren bzw. zu finden. Ab wann sollte die Polizei eingeschaltet werden?

Matthias Mänz

Matthias Mänz: In der Regel können Eltern am besten einschätzen, ab wann möglicherweise Grund zur Sorge besteht. Grundsätzlich gelten Kinder und Jugendliche bereits dann als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt unbekannt ist, da bei ihnen eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden muss. Dabei ist es natürlich erst mal ein Unterschied, wenn beispielsweise ein Sechsjähriger oder ein 17-Jähriger nicht wie gewohnt nach Hause kommt. Aber auch bei jedem Jugendlichen schaut die Polizei genau auf jeden Einzelfall und prüft, welche Maßnahmen individuell erforderlich sind.

Mittlerweile werden Vermisstenmeldungen der Polizei auch in sozialen Netzwerken verbreitet. Ist das für Ihre Arbeit hilfreich oder eher kontraproduktiv?

Mänz: Wenn sich die Polizei mit einer Vermisstenfahndung an die Öffentlichkeit wendet, ist eine weite Verbreitung der polizeilichen Fahndungsmeldung wünschenswert, um so viele Personen wie möglich zu erreichen und dadurch Hinweise aus der Bevölkerung zu bekommen. Ist bislang keine Öffentlichkeitsfahndung durch die Polizei erfolgt, können dafür auch taktische Erwägungen bei der Suche vorliegen. Dann können entsprechende Meldungen in sozialen Netzwerken kontraproduktiv sein. Wir empfehlen daher, vor einer Eigeninitiative durch Angehörige oder Freunde unbedingt Kontakt mit den für den Fall zuständigen Beamten aufzunehmen. Zudem sollte vor einer Veröffentlichung von Bildern und persönlichen Informationen über den Vermissten beachtet werden, dass diese Informationen im Internet und in sozialen Netzwerken in der Regel schwer wieder einzufangen sind und zudem für einen regelrechten „Hype“ sorgen können, der den Angehörigen in der schweren Situation durchaus zur Last werden kann.

Bezieht sich die Ermittlungsarbeit ausschließlich auf das vermisste Kind oder den Jugendlichen, oder werden die Eltern auch psychologisch vonseiten der Polizei betreut?

Mänz: Die Beamten stehen bei Vermisstenfällen immer im engen Kontakt mit den nächsten Angehörigen. Dabei geben sie die nötige Unterstützung und haben ganz besonders einen Blick darauf, ob nötigenfalls eine Betreuung durch Psychologen, Notfallseelsorger oder Kriseninterventionsteams erforderlich ist. Diese werden bei Bedarf durch die Polizei hinzugezogenen oder Betroffenen ein Kontakt vermittelt.

Am 25. Mai ist Tag der vermissten Kinder. Manche Schicksale sind bis heute ungeklärt. Gibt es solche Fälle auch im Landkreis Kassel?

Mänz: Nein, im Landkreis Kassel gibt es keine Fälle, bei denen Kinder seit längerer Zeit vermisst werden und deren Schicksal ungeklärt ist.

Bei Kleinkindern und älteren hilflosen Menschen verläuft eine Suchaktion anders, als bei Jugendlichen. Können Sie bitte erklären, warum das so ist?

Mänz: Bei Kleinkindern und älteren hilflosen Menschen muss wegen fehlender zeitlicher und örtlicher Orientierung davon ausgegangen werden, dass sie nicht eigenständig nach Hause zurückfinden oder sich in einer hilflosen Lage befinden. Da gilt es, keine Zeit zu verlieren. Bei Jugendlichen ist der Orientierungssinn in der Regel schon ausgeprägter. Hier muss jeder Fall einzeln betrachtet werden, um einschätzen zu können, ob dem Jugendlichen etwa Gefahr droht oder ob es sich vielleicht um einen Ausreißer handeln könnte. Danach orientieren sich dann auch die weiteren Maßnahmen der Polizei.

Akzeptieren das die Eltern eines Jugendlichen, dass nicht sofort Hundertschaften losgeschickt werden und suchen, oder stößt das eher auf Unverständnis?

Mänz: Dass Angehörige von Vermissten häufig in größter Sorge sind, ist jedem Polizeibeamten bewusst und nachvollziehbar.

Oft gelingt es, das polizeiliche Vorgehen verständlich zu machen und die weiteren Maßnahmen in Absprache mit den Eltern zu treffen. Dass dies aufgrund von Emotionen nicht in jedem Fall gelingen kann, ist auch für Polizisten nachvollziehbar.

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