Kein Abschied von der Mutter

Martina Umbach fordert von Wolfhager Altenheim mehr Rücksicht

Aus glücklicheren Tagen: Martina Umbach (links) aus Oberelsungen mit ihrer Mutter Regina Steinmetz im Wolfhager Seniorenheim Phönix.
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Aus glücklicheren Tagen: Martina Umbach (links) aus Oberelsungen mit ihrer Mutter Regina Steinmetz im Wolfhager Seniorenheim Phönix.

Die Geschichte ihrer Mutter, deren letzten Tage und Wochen, beschäftigt Martina Umbach noch immer. Acht Tage vor Weihnachten starb die Seniorin 89-jährig an den Folgen einer Covid-19-Infektion in den Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel.

Wolfhagen – Einige Zeit ist inzwischen vergangen, in der sich Martina Umbach mit den Erlebnissen und Erfahrungen vor dem Tod der Mutter auseinandersetzte. Nun will sie vom Schicksal ihrer Mutter Regina Steinmetz erzählen, vor allem während deren letzten Wochen im Wolfhager Seniorenheim Haus Phönix, wo die Mutter ihren Lebensabend verbrachte.

„Der Anlass, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist nicht Rache“, betont Martina Umbach. „Es geht mir darum, dass Berufstätige auch ihre Angehörigen angemessen besuchen können, dass Angehörige ohne Zeitverzug über den gesundheitlichen Zustand informiert werden, auch wenn es einen externen Betreuer gibt, und man informiert wird, wenn der Angehörige ins Krankenhaus verlegt wird.“

Sie wolle auch keine grundsätzliche Phönix-Schelte formulieren, sagt die 56-jährige Oberelsungerin. Ihr Vater lebte von 2009 bis zu seinem Tod im Jahr 2015 in der Wolfhager Seniorenresidenz. Die Eltern waren geschieden, Martina Umbach hatte die gesetzliche Betreuung des Vaters übernommen. Die Mutter, die in Wolfhagen zuhause war, brachte es gar auf zwei Aufenthalte im Phönix. Eine gut zweijährige Unterbrechung, erzählt die Tochter, verbrachte Regina Steinmetz in einer Alteneinrichtung in Zierenberg. Dort aber habe sie die alten Bekannten aus Wolfhagen vermisst, auch Angebote wie das Tanzen für Senioren in der Wolfhager Stadthalle.

Zwar hatte sich nach der Rückkehr aus Zierenberg im Phönix einiges verändert, aber die Tochter hatte, wie sie sagt, bis dahin kaum Anlass zur Kritik. „Die Wohnbereichsleitung im unteren Bereich, wo meine Mutter ihr Zimmer hatte, war sehr bemüht. Die hat mich regelmäßig angerufen und informiert. Ich war immer auf dem Laufenden.“ Umbach weiter: „Dann musste meine Mutter nach oben in einen anderen Wohnbereich, als offiziell noch kein Corona im Haus war.“ Anfang Oktober 2020 sei das gewesen. „Ich weiß nicht warum.“

Bald darauf wurden die Corona-Beschränkungen verschärft. „Ich konnte meine Mutter oben nur ein Mal besuchen.“ Dann galten neue Besuchszeiten: Von Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr, am Wochenende seien keine Besuche erlaubt gewesen. „Jetzt hatte man als Berufstätige keine Chance mehr, reinzukommen.“

Martina Umbach arbeitet als Dozentin an einer Schule für Gesundheitsberufe. Für sie gelten die festen Ferienzeiten, Urlaub könne sie deshalb nicht nehmen. Trotz einer Zusage von der Heimleitung, auch zu anderen Zeiten die Mutter zu besuchen, sei ihr vom Personal nicht geöffnet worden.

Kontakt habe sie dann zu ihrer Mutter nur noch telefonisch gehalten. „Meine Mutter war unglücklich, es war richtig schlimm“, erinnert sich die 56-Jährige. Ende November sei die Mutter positiv auf Corona getestet worden. Im Dezember habe die Mutter während der Telefonate geklagt, ihr sei schlecht, das Essen schmecke nicht. „Dass es so akut war, konnte ich aus den Telefonaten nicht entnehmen.“

Am 15. Dezember, blickt Martina Umbach zurück, sei sie nach dem Unterricht nach Hause gekommen. Der Anrufbeantworter habe geblinkt. Eine Nachricht sei nicht auf dem Band gewesen. Sie habe dann die Rückruffunktion gewählt. Eine Ärztin des Kasseler Diakonissenkrankenhauses habe den Anruf angenommen. Man habe ihr mitgeteilt, dass ihre Mutter am Morgen als Notfall aufgenommen worden sei und im Sterben liege. „Zwei Tage vorher habe ich mit Phönix gesprochen, da wurde mir gesagt, Mutter geht es gut, sie habe nur leichte Symptome.“ Von der Verlegung in die Klinik sei sie vom Altenheim nicht informiert worden.

In der Kasseler Klinik habe sie am späten Nachmittag unter besonderen Schutzvorkehrungen die Mutter noch einmal für 15 Minuten sehen können. Am Morgen des 16. Dezember ist die 89-Jährige in der Klinik gestorben.

Am 4. Januar habe man dann in einem Kellerraum die Möbel abgeholt und die übrigen Sachen, die in blaue Müllsäcke gestopft waren. Ihre Kritikpunkte habe sie aufgelistet und an die Leitung des Seniorenheims geschickt. In ihrem Brief habe sie die Hoffnung formuliert, dass sich künftig solche Versäumnisse nicht wiederholen.

Phönix weist Kritik zurück

Aus Sicht von Rita Wefing, Leiterin des Hauses Phönix in Wolfhagen, ist die Kritik von Martina Umbach in der vorgebrachten Form so nicht nachvollziehbar.

Wefing betont, dass Umzüge von einem Wohnbereich zu einem anderen immer freiwillig seien. „In diesem Fall basierte der Umzug auf einer Freundschaft zu einer Mitbewohnerin in einem anderen Wohnbereich“, so die Einrichtungsleiterin. Durch den Umzug habe sich für beide Damen ein kurzer Weg für gegenseitig Besuche ergeben. „Dabei haben wir sie gerne unterstützt.“ Zum Zeitpunkt des Umzuges habe es in beiden Wohnbereichen noch keine Covid-Infektion gegeben, so Wefing weiter. Die erste Infektion sei am 27. Oktober festgestellt worden.

Wenn Martina Umbach, wie sie moniert, nach dem Umzug von der Stationsleitung nicht mehr auf dem Laufenden gehalten worden sei, lasse sich das auch erklären: „Unsere Hauptansprechpartner in allen Belangen sind die Betreuer der Bewohner.“ Martina Umbach war nicht die gesetzliche Betreuerin der Mutter. Die Betreuer, so Wefing, „werden über alle Vorgänge stets umgehend informiert, so auch in diesem Fall“. Auf Wunsch der Bewohner und Betreuer gebe man auch „weiteren Angehörigen auf Nachfrage Auskunft“.

Beim Besuchskonzept gebe es Möglichkeiten für Berufstätige: „Besuche können nach vorheriger Anmeldung stattfinden. In Einzelfällen sind Besuche am Wochenende möglich“, erklärt Rita Wefing. Grundsätzlich gelte, dass man das Besuchskonzept „individuell an die jeweilige Situation und die gesetzlichen Regelungen“ anpasse.

Auf gesundheitliche Klagen von Umbachs Mutter Regina Steinmetz sei man im Haus eingegangen: „Auch in diesem Fall wurde der behandelnde Arzt hinzugezogen.“

Und warum erfuhr Martina Umbach nicht von der Pflegeeinrichtung von der notfallmäßigen Verlegung der Mutter in die Kasseler Klinik? Auch hier, so Leiterin Wefing, habe man sich nichts vorzuwerfen: „Wie vorgeschrieben haben wir die gesetzliche Betreuerin umgehend über die Krankenhauseinweisung informiert. Zusätzlich haben wir einer Tochter eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.“

Dass die persönlichen Dinge von Regina Steinmetz in Plastiksäcke und nicht wie üblich in Karton gepackt wurden, dafür habe man sich in einem persönlichen Gespräch mit Martina Umbach entschuldigt. Wegen der Corona-Problematik sei es den Hinterbliebenen aber nicht möglich, die persönlichen Gegenstände selbst auszuräumen.“ Das übernehme dann Phönix. (Norbert Müller)

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