Ärztenetz will keine Poliklinik

Mediziner im Altkreis lehnen neue ambulante Angebote ab

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Um sie geht es: die Kreisklinik auf dem Ofenberg. Die Mitglieder des Ärztenetzes setzen sich für ihren Erhalt ein.

Die Klinik Wolfhagen muss bleiben. Daran führt für das Ärztenetz Wolfhager Land kein Weg vorbei. Die Ärzte sind überzeugt, dass das Krankenhaus mit dem richtigen Angebot eine Überlebenschance hätte.

Das sagt Dr. Jörg Emmel vom Ärztenetz. Mit diesem Plädoyer wendet sich der Verein, dem zahlreiche Ärzte aus dem Altkreis angehören, gegen den Vorschlag von Jörg Feldmann, Geschäftsführer der Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land, der eine Poliklinik mit ambulantem Angebot bauen möchte.

Inhaltlich biete die Idee kaum Neues, nur dass ein Medizinisches Versorgungszentrum aus dem drohenden Verlust der Wolfhager Klinik Kapital schlagen wolle, so das Ärztenetz. Auch die GNH will als Ersatz für das Krankenhaus ein Ärztehaus betreiben mit den Fachgebieten Gynäkologie, HNO und Urologie. „Damit das alles schöner, größer und moderner klingt, soll es nicht Ärztehaus, sondern regionales Versorgungszentrum heißen“, sagt Dr. Matthias Hughes. Noch sei unklar, ob die Pläne mit den Vorgaben der Kassenärztlichen Vereinigung korrespondieren.

Dies gelte auch für den neuen Anbieter. Manche Punkte in dessen Konzept ließen einen ratlos zurück. So sei Altersmedizin keine Qualität eines Zentrums, sondern Realität aller Hausärzte, die die 22 regionalen Pflegeeinrichtungen und Pflegebedürftigen zu Hause seit Jahren gut versorgten. „Gerade diese Menschen brauchen die stationäre Versorgung in Wolfhagen“, sagt Hughes. Das Gedankenspiel, das irgendwann einmal eine Reha-Einrichtung im Wolfhager Krankenhaus etabliert werden könnte, helfe keinem Bürger im Notfall weiter.

Mit großer Sorge blickt das Ärztenetz auf die Folgen der nächsten Grippewelle für den Fall, dass es keine Krankenhausbetten mehr gibt. Ohne Klinik falle auch das Spektrum an belegärztlichen Operationen mit anschließender stationärer Überwachung durch die ansässigen operierenden Fachärzte weg.

Hughes: „Es gibt keine sinnvolle ambulante Alternative, um die gesundheitliche Versorgung der Region auf dem aktuellen Niveau zu sichern und die stationären Betten zu ersetzen.“ Diese Lücke könnten weder eine Ambulanz noch die verbleibenden Krankenhäuser füllen.

„Ambulanz ist Anfang vom Ende“

Von einer Neuorganisation der ambulanten Versorgung, wie sie sowohl die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) und nun auch Jörg Feldmann von der Hausarztgemeinschaft Waldeck-Wolfhager Land vorgeschlagen haben, halten die niedergelassenen Ärzte im Altkreis gar nichts. Das hat der Verein Ärztenetz Wolfhager Land nun deutlich gemacht.

Die verschiedenen ambulanten Konzepte – egal, ob Ärztehaus, regionales Versorgungszentrum oder Poliklinik, hätten alle dieselben Inhalte: „Man fasst die in Wolfhagen sowieso vorhandenen ambulanten Versorgungsstrukturen Gynäkologie, Urologie und HNO zusammen und versucht, sie in einem Gebäude zu bündeln. Man schmückt dies aus mit vagen Zukunftsvorstellungen, was eventuell einmal noch zusätzlich sein könnte, und damit soll nun beim Bürger der Anschein erweckt werden, dass er etwas völlig Neues erhält, was ihn für den Verlust des Wolfhager Krankenhauses entschädigen soll“, heißt es in einer E-Mail des Ärztenetzes an die Redaktion.

Das aber sei mitnichten so. Denn eine gynäkologische, HNO-ärztliche und urologische Praxis sowie eine gute hausärztlich-allgemeinmedizinische wie hausärztlich-internistische Versorgung mit verschiedenen Schwerpunkten habe der Bürger jetzt auch schon.

„Ganz gleich, welch wohlklingenden Namen man solch einer Idee auch gibt, letztendlich ist es einfach nur eine Praxis, die tagsüber Patienten behandelt und abends das Licht löscht und ihre Türen schließt“, sagt Hausarzt und Internist Dr. Matthias Hughes. Eine Poliklinik könne notfallmäßig keine Blinddarm-Operation vornehmen, bei einer Schenkelhalsfraktur keine neue Hüfte einsetzen und bei Lungenentzündung weder die intravenöse Antibiose noch die eventuell notwendige Beatmung durchführen.

Es graue einem beim Gedanken an die nächste Grippewelle, an gehäufte Durchfallerkrankungen in den zahlreichen Pflegeeinrichtungen oder an den eigenen Notfall zu Hause, wenn zu befürchten sei, dass keine ausreichenden Krankenhausbetten zur Verfügung stehen oder lange Anfahrtswege den Beginn der Behandlung hinauszögern würden. Selbst in Zeiten ohne akute Häufung bestimmter Erkrankungen werde es mit den 84 Betten im Wolfhager Krankenhaus knapp, sagt Hughes. In anderen Kliniken sähe es nicht besser aus. Aus Bad Arolsen und Kassel würden dem Krankenhaus Am kleinen Ofenberg mehrfach täglich Patienten zugewiesen.

Die Ärzteschaft in und um Wolfhagen hat sich in den vergangenen Monaten intensiv mit der Problematik der Krankenhausschließung auseinandergesetzt. Es wurden im Hintergrund zahlreiche Gespräche zum Erhalt des Wolfhager Krankenhauses geführt. „Alle ambulanten Versorgungskonzepte untergraben unsere Bemühungen, die des Fördervereins der Kreisklinik sowie aller Bürger, die sich für den Erhalt der Klinik bislang eingesetzt und dies mit ihrer Unterschrift quittiert haben“, heißt es weiter.

Kein einziges Bett könne mit irgendeinem ambulanten Konzept ersetzt werden. „Der Anfang vom Ende des Wolfhager Krankenhauses wird dann besiegelt sein, wenn wir – Politiker, Ärzte, Bürger und Patienten – uns mit einer ambulanten Lösung zufriedengeben werden“, so Matthias Hughes abschließend.

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