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Pflegefachkräfte erhalten mehr Geld und mehr Freizeit

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Von: Antje Thon

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Das Seniorenzentrum Wolfhagen deckt die Bereiche stationäre und ambulante Pflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Betreutes Wohnen und Betreuung bei Demenz ab.
Im Seniorenzentrum Wolfhagen gilt ab 1. April ein neuer Tarif: Bindend ist er für neue alle Neueinstellungen, Bestandsmitarbeiter erhalten ein Überleitungsangebot. Das Seniorenzentrum deckt die Bereiche stationäre und ambulante Pflege, Kurzzeitpflege, Tagespflege, Betreutes Wohnen und Betreuung bei Demenz ab. © Antje Thon

Die Seniorenzentrum Wolfhagen gGmbH führt zum 1. April ein neues Tarifwerk für seine Beschäftigten ein. Es gibt mehr Geld und mehr Freizeit.

Wolfhagen - Der Fachkräftemangel in der Altenpflege kam nicht erst mit der Pandemie. Stress, Wochenendarbeit, geringes Gehalt sind die häufig genannten Gründe, die gegen die Berufswahl in der Pflege und eine dauerhafte Tätigkeit dort sprechen. Dem hat Martin Mittelbach, Geschäftsführer der Seniorenzentrum Wolfhagen gGmbH – einem der größten Anbieter in der Region, nun etwas entgegenzusetzen.

Überall werde gefordert, Altenpfleger besser zu bezahlen, ihnen bessere Arbeitsbedingungen zu bieten. „Das setzen wir jetzt bei uns um“, sagt Mittelbach und kündigt für die 175 Beschäftigten ein neues Tarifwerk an. Vom 1. April an werde nicht nur die wöchentliche Arbeitszeit auf 38,5 Stunden gesenkt, die Arbeitnehmer hätten auch Anspruch auf ein freies Wochenende in jeder zweiten Woche. Das sei keineswegs selbstverständlich in der Pflege. „Außerdem sind wir mit unserer Ausbildungsvergütung und unseren Einstiegsgehältern in Hessen nun im Spitzenbereich“, so der Geschäftsführer.

Für das Tarifwerk „brauchten wir einen langen Atem: Fast zwei Jahre lang haben wir mit der Gewerkschaft Verdi verhandelt.“ Letztlich mit Erfolg. Der Fach- und Arbeitskräftemangel, der zunehmend und dauerhaft in der Pflegebranche herrscht, könne einen Teufelskreis erzeugen: Die dünne Personaldecke führt zu hohem Leistungsdruck und damit wiederum zu krankheitsbedingten Ausfällen, die mal körperliche, mal seelische Ursachen haben. „Das setzt die verbleibenden Kräfte dann noch weiter unter Druck“, bedauert Mittelbach und hofft nun, auch für neue Arbeitskräfte attraktiver zu werden.

Das Tarifwerk, das das Seniorenzentrum als Mitglied des „Dienstgeberverbandes Diakonische Altenhilfe Hessen“ abgeschlossen hat und das auch in der Altenpflege der DiaCom in Eschwege und den Häusern der Diako Waldeck-Frankenberg in Bad Arolsen und Frankenberg zum Einsatz kommt, sei ein Novum für die Branche und die Diakonie als Träger. „Wir haben nicht einfach einen anderen Tarifvertrag angepasst oder anerkannt, sondern etwas Eigenes entwickelt.“ Für Mittelbach ist es ein „facettenreiches Werk“, das die Interessen der Mitarbeiter stärkt und gleichzeitig eine gewisse Strahlkraft auf Pflegefachkräfte ausübt, die bislang noch nicht beim Seniorenzentrum unter Vertrag sind.

„Ohne Probleme könnten wir acht bis zehn Personen einstellen“, sagt Mittelbach. Das Problem: Der Markt ist leer gefegt, und die Branche ist nicht unbedingt für ihre hohen Gehälter und komfortablen Arbeitsbedingungen bekannt. Umso mehr freut sich der Geschäftsführer, dass ihnen nun ein wirklich großer Wurf gelungen sei. Mittelbach macht ein Beispiel: Nach dem alten Regelwerk liegt das Einstiegsgehalt für eine Pflegefachkraft bei 3044 Euro, künftig wird sie mit 3300 Euro nach Hause gehen. Hinzu kämen eine reduzierte Wochenarbeitszeit und mehr freie Wochenenden. Letzteres gelinge umso besser, je mehr Bestandsbeschäftigte sich für den neuen Tarifvertrag entscheiden.

Inka Fuchs, Vorsitzende der Mitarbeitervertretung der Wolfhager Diakonieeinrichtung, jedenfalls zeigt sich sehr zufrieden. Aus Sicht der Mitarbeitenden hätten sich die Rahmenbedingungen deutlich verbessert. „Schön, dass es mal nicht nur beim Applaus für Mitarbeitende von Pflegeeinrichtungen geblieben ist. Die Attraktivität unserer Arbeitsplätze wird dadurch deutlich gewinnen, und diese werden dadurch auch für Neueinsteiger und Auszubildende sehr interessant“, sagt Fuchs.

Positiv auch die Reaktion der Gewerkschaft Verdi. Den etwa 1500 Beschäftigten, die bei den Mitgliedern des „Dienstgeberverbandes Diakonische Altenhilfe Hessen“ beschäftigt sind, bringe der Tarifvertrag im Vergleich zu den bislang geltenden kirchlichen Arbeitsvertragsrichtlinien deutliche Verbesserungen, sagt Verdi-Verhandlungsführer Georg Schulze. Und weiter: „Nach über zwei Jahren intensiver Verhandlungen ist uns ein historischer Durchbruch gelungen. Der Tarifvertrag bedeutet nicht nur eine bessere Bezahlung und kürzere Arbeitszeiten, sondern auch einen Kulturwandel für die Einrichtungen und ihre Beschäftigten.“ Jetzt könnten die Beschäftigten selbst unmittelbaren Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen nehmen, indem sie sich zusammen mit ihrer Gewerkschaft für gute Ergebnisse einsetzten.

Bislang seien in den stationären und ambulanten Altenpflegeeinrichtungen kircheninterne Arbeitsvertragsrichtlinien zur Anwendung gekommen, die weitgehend ohne Beteiligung der betroffenen Beschäftigten in arbeitsrechtlichen Kommissionen festgelegt worden seien. Bei den Tarifverhandlungen würden dagegen die gewerkschaftlich organisierten Beschäftigten über Forderungen und Kompromisse entscheiden.

Im Zuge der Verhandlungen hätten sich mehrere hundert Diakonie-Beschäftigte bei Verdi organisiert, was die Grundlage und demokratische Legitimation des Tarifvertrags sichere.

„Uns ist der Einstieg in die überfällige finanzielle Aufwertung der Altenpflege gelungen“, bilanziert Schulze. Der Tarifabschluss erhöhe die Attraktivität der Einrichtungen im Wettbewerb um die dringend benötigten Arbeitskräfte. Der Gewerkschafter fordert andere Betreiber aus dem diakonischen Bereich auf, dem Beispiel zu folgen und ebenfalls Tarifverhandlungen mit Verdi aufzunehmen. Er verwies darauf, dass sich die Bezahlung in Pflegeeinrichtungen ab dem 1. September nach Tarifverträgen richten muss. (Antje Thon)

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