Wolfhagerin will Studie mit auf den Weg bringen

Forscherin kämpft für Methadon-Einsatz in der Krebstheraphie - Unterschriften-Aktion läuft

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Sammelt noch bis Freitag Unterschriften in Wolfhagen: Melanie Döhne unterstützt eine Petition zur Studie für Methadon bei Krebserkrankungen. Ursel Zaborsky unterschreibt.

Wolfhagen. Melanie Döhne (47) aus Wolfhagen kämpft um jede Unterschrift für eine Petition zur klinischen Studie von Methadon in der Krebstherapie. 

Eigentlich wollte sie damit nur dem Sohn ihrer Cousine, Alexander Schaible, helfen. Er ist derjenige, der die Petition gestartet hat. Dann hat sie sich aber so intensiv mit dem Thema befasst, dass sie nun völlig überzeugt dafür eintritt, Methadon in der Krebstherapie einzusetzen und endlich eine Studie auf den Weg zu bringen. „Viele Menschen warten offenbar darauf“, sagte Döhne.

Sie läuft von Haus zu Haus, geht in Geschäfte, spricht Menschen auf der Straße an. „Ich denke, so eine Chance muss genutzt werden. Alles hat doch einen Ursprung. Und Methadon gibt es schon so lange. Und wenn es nur ein paar wenigen Patienten Linderung verschafft“, sagte Döhne. Sie hat aber auch Verständnis für Menschen, die nicht unterschreiben wollen. „Man muss über das Thema reden. Das erklärt sich nicht von selbst“, sagte Döhne. Und schon ist sie mit Menschen im Eiscafé in Wolfhagen in ein Gespräch vertieft, bittet um deren Unterschrift und bekommt sie auch. 

Direkt von Krebs betroffen ist der Mann ihrer Cousine. Der bekommt nun bei der zweiten Chemotherapie auch Methadon und spricht aus der Sicht seines Sohnes Alexander Schaible gut darauf an. Schaible hat Kontakt zu Dr. Claudia Friesen aufgenommen. Sie ist die Leiterin des Molekularbiologischen Forschungslabors mit Schwerpunkt Onkologie im Institut für Rechtsmedizin in Ulm.

Vor einigen Jahren hat sie ihre Forschungsergebnisse veröffentlicht, nach denen es Anzeichen dafür gibt, dass der als Heroin-Ersatzstoff bekannte Wirkstoff Methadon zur Unterstützung und Verstärkung in der konventionellen Chemotherapie eingesetzt werden kann, also eine bessere Bekämpfung von Krebserkrankungen ermöglichen könnte. Ihre Publikation hat hohe Wellen geschlagen und ist nicht unumstritten. 

Dr. Claudia Friesen über die Wirkung von Methadon

Über den Einsatz von Methadon in der Krebstherapie gibt es bisher keine klinischen Studien. Alexander Schaible aus Ulm hat eine Petition auf den Weg gebracht. Darin wird der Einsatz von Forschungsgeld für eine Studie gefordert. Unterstützt wird Schaible unter anderem von seiner Familie in Wolfhagen. Über den Wirkstoff Methadon in der Krebstherapie sprachen wir mit Dr. rer. nat. Diplom-Chemikerin Claudia Friesen, Leiterin des Molekularbiologischen Forschungslabors mit dem Schwerpunkt Onkologie und Institut für Rechtsmedizin in Ulm. Ihre Publikationen über Methadon und seine Wirkung auf Krebszellen haben in der Fachwelt und auch in Patientenkreisen Aufmerksamkeit erregt. 

Sie ist für den Einsatz von Methadon in der Krebstherapie: Dr. Claudia Friesen, Leiterin des Forschungslabors Onkologie am Institut für Rechtsmedizin in Ulm.

Der als Heroin-Ersatzstoff bekannte Wirkstoff Methadon galt ja in der ersten Zeit als das Mittel der Wahl für die Drogentherapie. Nun aber - in Bezug auf Krebserkrankungen - wird Methadon beinahe schon verteufelt. Wie ist das zu verstehen? 

Dr. Claudia Friesen: Methadon kennt man seit über 80 Jahren. Es kann sowohl in der Drogensubstitution als auch als Schmerzmittel bei Krebspatienten eingesetzt werden. Methadon wurde im Jahr 2017 von WHO in die Liste der essenziellen Medikamente (EML) zur Schmerzbehandlung bei Krebspatienten aufgenommen. Es ist schade, dass, seitdem Methadon als Wirkverstärker in der Krebstherapie von sich reden gemacht hat, dieses alt bekannte Medikament so viel Gegenwind erfahren musste und auch noch erfährt.

Bei welchen Krebserkrankungen könnte Methadon eingesetzt werden? 

Friesen: Krebszellen besitzen auf der Oberfläche viele Opioidrezeptoren, sogenannte Andockstellen, an die Methadon binden kann. Wir haben sehr viele Krebsarten im Labor untersucht. Bei all diesen Krebsarten konnten wir mit Methadon eine Wirkverstärkung der Chemotherapien beobachten.

Sollte Methadon denn nur in Verbindung mit Strahlen- oder Chemotherapie verabreicht werden?

Friesen: Wir haben bisher in Laborstudien gesehen, dass Methadon verschiedene Chemotherapien und auch die Strahlentherapie verstärken kann, ob es auch andere Therapien verstärken kann, können wir noch nicht sagen, da wir es noch nicht untersucht haben. 

Ihnen wurde vorgeworfen, falsche Hoffnungen bei an Krebs Erkrankten zu wecken. Aber ist es nicht legitim, sich an jeden Strohhalm zu klammern, wenn man ohnehin so schwer krank ist?

Friesen: Grundsätzlich braucht jede Therapie Hoffnung, auch die evidenzbasierte. Bei den Patienten, die ich dokumentiert habe, handelt es sich in der Regel um austherapierte Patienten, die von ihren Ärzten zum Teil mit Prognosen von wenigen Wochen oder Monaten konfrontiert wurden. Grundsätzlich sollte man bei einer Therapie keine Versprechen machen, dass ein Patient geheilt wird. Die von mir zahlreich dokumentierten Patientenfälle, sind Einzelfälle. In der öffentlichen Debatte wie auch den Patienten gegenüber, betone ich stets, dass es zwar klinische Studien zu Methadon in der Schmerztherapie gibt, dass aber zur Wirkverstärkung der Krebstherapien noch keine evidenzbasierten klinischen Studien vorliegen. Wenn ein Krebspatient mit Schmerzen auf der Grundlage dieser Information, den Wunsch hat, von einem anderen Opioid/Opiat auf D,LMethadon umzustellen, weil er die Hoffnung hat, dass er nicht nur an Lebensqualität gewinnt, sondern eventuell sogar der Tumor schrumpft, könnten sich Ärzte auch diesem Wunsch stellen und ihn mit dem Patienten individuell diskutieren, statt ihn pauschal als falsche Hoffnung abzutun. 

Und warum gibt es noch keine Studie zum Einsatz von Methadon bei Krebspatienten? 

Friesen: Studien kosten viel Geld und diese Gelder müssen bereitgestellt werden. 

Wir haben doch ein Bundesforschungsministerium. Die müssten doch jetzt mittlerweile hellhörig geworden sein, oder?

Friesen: Ich hoffe, dass wir durch die Petition hier etwas bewegen können. Denn es müssen klinische Studien für verschiedene Krebsarten durchgeführt werden. Es gibt viele Patientenfallbeispiele mit ungewöhnlich guten und unerwarteten guten Verläufen, aber es fehlt der evidenzbasierte (Anm. d. Red.: beweisgestützte) klinische Beweis, nämlich die klinischen prospektiven Studien, zu deren Durchführung wir dringend finanzielle Mittel benötigen. 

Wenn Methadon so gefährlich ist, wie es jetzt dargestellt wird, können Sie mir ein Beispiel für die Dosierung geben? 

Friesen: Drogensubstituierte bekommen ein Vielfaches mehr an Methadon im Vergleich zur Schmerztherapie. Die Patienten in der Schmerztherapie, von denen wir sprechen, bekommen zweimal zehn Milligramm (zweimal 20 Tropfen) bis zweimal 17,5 Milligramm (zweimal 35 Tropfen) D,L-Methadon pro Tag. Die häufigsten Nebenwirkungen, die bei diesen Dosen auftreten können, sind Übelkeit und Verstopfung. Diese Nebenwirkungen haben wir durch eine Verträglichkeitsstudie in Anticancer Research 2017 auch nachweisen können. Sie können aber durch Begleitmedikamente vermieden werden. Die Nebenwirkung des Methadons wurde auch durch klinische Studien ermittelt. Diese hängen wie jedes Medikament von der Dosis ab. Methadon sollte ein Arzt verordnen, der Erfahrung mit diesem Medikament hat, welches BTM-pflichtig ist und auch von einem Arzt verordnet werden muss. 

Und wer wird nun eine Studie in Auftrag geben und wie wird sie finanziert? 

Friesen: Die Deutsche Krebshilfe hat in einer neuen Stellungnahme im Juni beschrieben, dass eine Studie zu Hirntumoren aus Heidelberg und auch eine Studie zu Darmtumoren aus Ulm bei der Deutschen Krebshilfe eingereicht wurde. Ob diese Studien gefördert werden, kann man nicht voraussagen. Ich kann bei klinischen Studien keine Antragstellerin sein, weil ich Chemikerin und keine Ärztin bin. Da kann ich nur beratend tätig sein. Wir hoffen, dass die Petition dazu beiträgt, dass wir unabhängige Forschungsgelder für klinische Studien bekommen können.  

Dr. Claudia Friesen ist 53 Jahre alt, ledig, promovierte Chemikerin und leitet ein molekularbiologische Forschungslabor am Institut für Rechtsmedizin an der Universität Ulm. Sie ist fast 30 Jahre in der Krebsforschung tätig und hat dadurch langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet. Sie lebt in Ulm. Ihr Beruf ist auch ihr Hobby, nämlich die Forschung, der Einsatz von Methadon in der Krebstherapie.

https://zu.hna.de/methadon

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