Missbrauch: 53-Jähriger aus Wolfhagen erneut vor Gericht

Kassel/Wolfhagen. Es ist ein hartes Stück Erinnerungsarbeit, dem sich ein 29-Jähriger am Dienstag vor dem Landgericht Kassel stellen musste.

Vor 17 Jahren, so sah es das Amtsgericht in seinem Urteil vom August 2014 als erwiesen an, wurde er von seinem Stiefvater in der Wohnung in Wolfhagen sexuell missbraucht. Dafür verurteilte ihn die Vorinstanz zu drei Jahren Gefängnis.

Gegen dieses Strafmaß haben sowohl Angeklagter als auch Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt, so dass sich jetzt die 9. Strafkammer des Landgerichtes mit den Ereignissen zwischen Herbst 1998 und dem Jahr 2000 befassen muss. Der 53-jährige Angeklagte, der die ihm vorgeworfenen Taten bestreitet, ist inzwischen von der Mutter des Zeugen geschieden.

Mit meist unbewegtem Gesicht verfolgt der seriös wirkende Mann in buntem Freizeithemd den Aussagen seines früheren Stiefsohnes, der heute in Kassel lebt und arbeitet. Mit behutsamen Fragen tastet sich Richter Liebermann an die so weit zurückliegenden Ereignisse heran. 1997 hatte der Angeklagte die Frau mit ihren drei Kindern geheiratet – alle kamen aus Thüringen nach Wolfhagen.

Aktualisiert um 17.30 Uhr

Als mittleres Kind zwischen älterem Bruder und jüngerer Schwester habe er sich in der Familie ausgegrenzt gefühlt, berichtet der 29-Jährige stockend, aber mit klarer Stimme, ruhig und gefasst. Als der Stiefvater sich ihm freundlich zuwandte, sei er glücklich über die Zuneigung gewesen. „Ich war auf einmal präsent, es war super, ich bekam Geschenke und schöne Klamotten.“

Doch aus dem väterlichen Gute-Nacht-Kuss sei bald mehr geworden. Als der Stiefvater dem Zwölfjährigen erstmals in die Hose griff, sei er perplex gewesen: „Ich habe das damals nicht verstanden.“ Es wurde immer schlimmer, sagt der Zeuge, der zwischen dem zwölften und dem 16. Lebensjahr von ungezählten Übergriffen berichtet.

Angeklagt sind vier Fälle vor dem 14. Geburtstag des Zeugen. Erst habe der Vater ihn, dann beide sich gegenseitig befriedigt. Schließlich habe der Angeklagte sich auf ihn gelegt und bis zum Erguss an ihm gerieben. „Er kam jede Nacht, es wurde immer intensiver.“

Mit 15 schrieb er in sein im Prozess zitiertes „Gedankenbuch“: „In mir ist nur noch Hass und Wut. Da legt sich Nacht für Nacht ein alter Mann auf mich und jede Nacht sterbe ich ein Stück.“ Therapien in Merxhausen, fehlendes Selbstwertgefühl, Schuldkomplexe – erst 2012 rang sich der junge Mann zur Anzeige durch.

Verteidiger Knuth Pfeiffer versucht, Widersprüche in den Aussagen und zeitlichen Abläufen herauszuarbeiten. Es ist lange her und der Zeuge kann sich nicht mehr genau erinnern, wann sich was wo abgespielt hat. Mutter, Bruder, Schwester und die Therapeutin des Zeugen wurden am Dienstagnachmittag befragt.

Der Prozess wird am kommenden Dienstag, 1. September, um 10 Uhr im Saal E 119 fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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