Naturfreunde Bad Emstal bestehen seit 100 Jahren

Mit der Waldeslust ging’s im Wolfhager Land los

Musikalisch: Auch in den 1960er-Jahren begeisterten sich die Naturfreunde noch für das Mandolinen- und Gitarrenspiel.
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Musikalisch: Auch in den 1960er-Jahren begeisterten sich die Naturfreunde noch für das Mandolinen- und Gitarrenspiel.

Es war eine Gruppe von Musikanten, die vor genau 100 Jahren den Grundstein legte für die touristische Entwicklung des Dörfchens Sand, das Anfang der 70er-Jahre in der Gemeinde Emstal aufgehen sollte. Das Thermalbad gab dem Tourismus dann noch einmal eine ganz neue Dynamik, die letztlich dazu führte, dass Emstal mit dem Titel „Bad“ geadelt wurde.

Bad Emstal – Aber von solchen Entwicklungen war man im Dezember 1921 weit entfernt. Da nämlich entschlossen sich die Mitglieder des kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Mandolinenklubs mit dem programmatischen Namen „Waldeslust“ sich dem Tourismusverband „Die Naturfreunde“ anzuschließen und einen eigenen Ortsverein zu gründen.

Künftig war nicht mehr nur das Musizieren und Singen von Volksliedern angesagt, man ging verstärkt raus in die Natur: Es wurde viel in der näheren Umgebung gewandert und in Heuschobern und Scheunen übernachtet, erzählt Barbara Huske-Böttchers, Wanderwartin der Bad Emstaler Naturfreunde und auch zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Der unbeschwerte gemeinsame Genuss im Grünen war den Sander Naturfreunden allerdings nicht all zu lange vergönnt. Für die Nazis waren die Naturbegeisterten jenseits der braunen Parteiorganisationen suspekt, und so wurden die Naturfreunde bald nach der Machtübernahme Hitlers und seiner Helfer als staatsfeindlich eingestuft, wie Barbara Huske-Böttchers erklärt, verboten und aufgelöst. Die Vereinsunterlagen, so die Wanderwartin mussten vernichtet werden.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde es den früheren Mitgliedern der Naturfreunde wieder möglich, sich frei und offen zu treffen. „Als antifaschistische Organisation war es den Naturfreunden vielerorts schnell möglich, die Erlaubnis zur Neugründung zu erhalten“, so Huske-Böttchers weiter.

Die erste Versammlung der Naturfreunde in Sand fand im August 1947 statt. Dabei wurde der Verein dann auch erfolgreich wiederbelebt. Und die Mitglieder sprühten vor Elan. Nachdem keine zwei Jahre nach der Wiederaufnahme der Vereinsarbeit die Naturfreunde beschlossen, ein eigenes Vereinsheim am Emserberg zu errichten, ging es auch schon an die Arbeit.

Die Gemeinde unterstützte das Projekt, spendierte das Grundstück und auch das Material für den Bau. Den Rest besorgten die Vereinsmitglieder selbst: Innerhalb von zwei Jahren zogen sie in kompletter Eigenleistung das Haus hoch und weihten es im Rahmen der Feier zum 30-jährigen Vereinsbestehen im September 1951 ein. Das Naturfreundehaus mauserte sich schnell zum Mittelpunkt der Vereinsarbeit in Sand.

Die Naturfreunde pflegten ein lebendiges Vereinsleben, unternahmen Wanderungen und Fahrten, auch Touren ins europäische Ausland. Dia-Vorträge gehörten ebenso zu den Aktivitäten wie die Teilnahme an großen Versammlungen des Gesamtvereins.

Das Haus in Sand wurde schnell zum beliebten Ziel von Reisefreudigen aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland. „Durchschnittlich“, so Wanderwartin Barbara Huske-Böttchers, verzeichnete man 4000 Übernachtungen pro Jahr.

Zu den regelmäßigen Gästen gehörte auch die Arbeiterwohlfahrt, die mit 80 Kindern anreiste, auch Kindergruppen aus Berlin verbrachten ihre Ferien in der gesunden Luft rund um den Emserberg und hatten ihr Quartier im Haus, das bald zu klein war und erweitert wurde. Über die Jahre wurde angebaut, modernisiert, das Haus auf einem zeitgemäßen Stand gehalten.

Bei Touristen beliebt: das Naturfreundehaus in Sand kurz nach der Einweihung im Jahr 1952.

Aber nicht nur mit dem eigenen Domizil beschäftigten sich die Naturfreunde. Vorstandsmitglied Barbara Huske-Böttchers berichtet von der „Gruppe Falkenstein“, die sich 1977 mit dem Ziel gründete, die Ruine Falkenstein nahe Sand zu sanieren und zu erhalten, heute ein beliebtes Wanderziel.

Ein angrenzendes Grundstück wurde angekauft, das nicht nur als Spiel- und Zeltplatz dienen sollte, sondern auch um ein Biotop bereichert wurde. Zu den vielen großen und kleinen Projekten, die nach der Jahrtausendwende folgten, zählen auch der Bau eines Backhauses und nach Gründung einer Vereinsgemeinschaft mit den „Freien Kanu-Sportlern“ im Jahr 2004 der Bau eines Bootshauses. Jüngste Maßnahme ist der Bau eines Umweltlabors, in dem ab dem kommenden Jahr verschiedene Aktivitäten im Bereich der Naturerforschung angeboten werden.

Seit zwei Jahren leben auch Vierbeiner auf dem Gelände am Naturfreundehaus: Mutterziegen mit ihrem Nachwuchs, „die durch den Verbiss eine Renaturierung des Geländes unterhalb des Naturfreundehauses erreichen sollen“, erklärte Wanderwartin Huske-Böttchers.

Bei all den Aktivitäten könnte man meinen, bei den Naturfreunden stehen Bauprojekte im Mittelpunkt. Das täusche, so Huske-Böttchers. „Neben all den Maßnahmen zur Erhaltung und attraktiven Gestaltung des Naturfreundehauses wurden natürlich auch die Hauptanliegen der Naturfreunde gepflegt: sozialpolitische Belange wie die Teilnahme an Oster- und Friedensmärschen, Integration zum Beispiel der Migranten, Gemeinschaftspflege wie Seniorentreffen, Wandern, Sonnenwendfeuer.“

Getragen werden die Angebote für alle Jahrgänge von Gruppen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Die reichen vom Wandern und Kanufahren, übers Kochen, Backen und Spielen, über Literatur, Filmabende und lokale Entwicklung bis zum Bierbrauen.

Unterm Strich jede Menge Gründe, das 100-jährige Bestehen der Naturfreunde in Bad Emstal ausgiebig zu feiern. Coronabedingt musste das große Fest aber im Jubiläumsjahr ausfallen. Sobald es die Pandemielage zulässt, soll die Feier nachgeholt werden. (Norbert Müller)

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