Letzter Brief des Wolfhagers Karl Becker, der im 1. Weltkrieg fiel

Vor der Hörstation im Regionalmuseum, wo der Brief des Wolfhager Soldaten Karl Becker gespeichert ist: Museumsleiterin Beate Bickel mit Pickelhaube und Tornister, der Grundausstattung jedes Soldaten im Ersten Weltkrieg. Später wurde die unbrauchbare, wenig schützende Haube durch einen Stahlhelm ersetzt. Foto: Thon

Wolfhagen. Am Volkstrauertag, zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag, wird der Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft aller Nationen gedacht.

Wir erinnern mit einem Brief an zwei Brüder aus Wolfhagen, die im Ersten Weltkrieg starben. Besonders im Fokus stehen die Opfer beider Weltkriege. Es ist der letzte Brief, den der Wolfhager Karl Becker in die Heimat schickt. Er ist vom 25. Oktober 1914 und beginnt ganz lapidar mit „Meine Lieben!“. Der Erste Weltkrieg ist kaum zwei Monate alt. Karl Becker und sein Bruder Fritz sind Infanteristen, sie gehören der 4. Kompanie aus Arolsen an, und ihre Einheit ist in heftige Kämpfe bei Saint Quentin, Frankreich, verwickelt - 25 Kilometer nördlich von Wolfhagens heutiger Partnerstadt Tergnier.

Das Paket mit Schokolade, Zigarren und Hosenträgern hätten sie erhalten, schreibt Karl Becker. Zwei Sätze später berichtet er übergangslos vom Krieg. Er schreibt von einem großen Gefecht mit den Engländern am 21. Oktober. „...von unseren deutschen Brüdern waren viele gefallen. Hier konntet Ihr was sehen, da macht Ihr euch keinen Begriff von.“ Am 22. Oktober hätten sie erneut angegriffen, seien aber von ungeheuerem Granatfeuer empfangen worden. „Hier fielen zwei von unseren Kollegen, einer aus Wettesingen, ein Freund von Fritz, er hieß Hildebrand und einer aus Twiste. Sie waren vollständig zerschmettert.“

Fritz habe neben den beiden gefallenen Männern gelegen und bei seiner Rückkehr selbst ausgesehen wie ein Toter. Später in der Nacht hätten er und Fritz Schützengräben ausgehoben - es war das letzte Mal, dass Karl Becker seinen Bruder lebend sah.

Hinterlistig erschossen 

Es geschah auf einer Patrouille: „Ich war kaum 50 Meter vom Schützengraben entfernt, da bekamen wir heftiges Gewehrfeuer. Und nun ging es Marsch, Marsch hinter einen Strohhaufen, das wir in Deckung kamen. Kaum waren wir dahinter, da schrie eine Stimme um Hilfe. Es war mein lieber Bruder Fritz (...) Ich erkannte sofort seine Stimme.“ Er habe seine Notdurft verrichten wollen. „Hier hatten sie ihn hinterlistiger Weise erschossen“, schreibt der Soldat.

Brief an die Schwester 

Als das Bataillon in Arolsen ausrückte, sei es 1000 Mann stark gewesen, nun sei es zusammengeschmolzen auf 340 Soldaten. „Was wir durchgemacht haben, das stellt ihr euch gar nicht vor“, heißt es weiter unten im Text. Des Morgens habe Fritz noch einen Brief nach Hause und eine Karte an seine jüngste Schwester Emma geschrieben. „Als ich von ihm fortging, lag er und schlief, und als ich zurückkam, fand ich ihn tot.“ Gegen Ende des Briefes macht Karl Becker eine Andeutung hinsichtlich seiner eigenen Überlebenschancen. „Ich glaube bald, es ist der letzte Brief auch, den ich Euch schreibe.“ Mit seiner Einschätzung sollte er recht behalten. Danach hat die Familie in Wolfhagen nichts mehr von ihm gehört. Karl Beckers letzte Worte: „...rasch tritt der Tod den Menschen an, er reißt ihn fort aus vollem Leben, bereitet oder nicht zu gehen, er muss vor seinem Richter stehen.“

Der Brief ist Bestandteil der Ausstellung im Regionalmuseum Wolfhager Land „1914 - 1918, Vom Kriegsrausch zur Kriegsqual, die noch bis Sonntag, 6. Dezember zu sehen ist. Besucher können sich den Brief an einer der Hörstationen vorlesen lassen.

 

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