Nach Ausfall der Fichte

Wolfhager Stadtwald wird aufgeforstet – Verluste von mehreren Millionen Euro

Auf einer großen Waldfläche stehen vereinzelte Bäume, die restliche Fläche ist kahl.
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Die Fichte ist weg, Kiefern und Lärchen bleiben: Die vereinzelten Nadelbäume wirken zwar etwas verloren auf der gerodeten Fläche im Südwesten Ippinghausens. Allerdings können die Kiefern und Lärchen zur Naturverjüngung beitragen. Daneben wird es auch Anpflanzungen geben.

Wo bis vor wenigen Jahren riesige Fichten in den Himmel über Wolfhagens Stadtwald wuchsen, klaffen nun Lücken. Dort soll in den nächsten zehn Jahren ein neuer Mischwald entstehen.

Wolfhagen – Für die kommenden Jahre braucht es einen langen Atem. Gut 17 Prozent seines Bestandes hat der Wolfhager Stadtwald durch Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer seit 2018 verloren.

Wo noch vor zwei, drei Jahren dichte Fichtenwälder standen, dominieren kahle Flächen das Bild. Auf ihnen soll nun artenreicher, klimarobuster Wald entstehen.

In zehn Jahren will Revierförster Friedrich Vollbracht 70 Hektar bepflanzen. Auf weiteren 230 Hektar will er zunächst die Natur machen lassen und abwarten, welche Baumarten Nachkommen produzieren und erst später, im Sinne einer gesunden Durchmischung, regulierend eingreifen.

300 Hektar Stadtwald müssen neu aufgebaut werden

Platz für 6500 junge Bäume: Friedrich Vollbracht, Revierförster im Wolfhager Stadtwald, will ab Januar auf einer Fläche, auf der vor drei Jahren noch Fichten wuchsen, Eichen und Eiben pflanzen lassen. Der Boden wurde gemulcht und ein vor Schäden durch Wild schützendes Gatter vor wenigen Tagen errichtet.

Wie vielen seiner Kollegen hatten auch ihm die Schäden am Wald und der annähernde Totalausfall der Fichte zugesetzt. „Das Tal ist durchschritten“, sagt der 58-Jährige. Inzwischen sieht er in der Situation eine Chance. „Noch nie hatte ich so viel Gestaltungsfreiheit.“

Von den knapp 1800 Hektar Stadtwald müssen 300 neu aufgebaut werden. Neben heimischen Bäumen wie Stiel- und Traubeneiche, Eibe, Berg- und Spitzahorn sowie Kirsche will er auch weniger verbreitete Arten in den Boden bringen.

So werden zwölf Prozent der Fläche mit Douglasie, Großer Küstentanne und Baumhasel, verwandt mit dem Haselnussstrauch, bestückt. Birke, Lärche und Buche vermehren sich selbst.

Ungefähr 30 000 Jungpflanzen kommen in den Boden

Mit den Pflanzungen soll in der zweiten Januarwoche begonnen werden. Zehn Jahre lang wird jährlich eine Fläche von sechs bis sieben Hektar bearbeitet. Um die 30 000 Jungpflanzen werden in den Boden gebracht – doch damit ist es nicht getan.

Die Setzlinge streben die ersten Jahre in einer Hülle dem Licht entgegen. Die Eiche wiederum wird gegen Verbiss durch Schalenwild mit Gattern geschützt. Ob diese unversehrt sind, muss alle vier Wochen überprüft werden.

Mögliche Ursachen für Schäden gibt es mehrere: Wildschweine könnten sich auf der Suche nach tierischem Eiweiß unter dem Gehege durchwühlen, Bäume könnten aufs Gatter fallen, Menschen könnten hineinklettern, Holzlatten abtreten und so Schlupflöcher schaffen. Dann hätte es das Rehwild leicht, würde sich über die Knospen hermachen, die Pflänzchen wären verloren.

Pflege der Kulturen bringt hohe Kosten mit sich

Etwa zwei Mal im Jahr müssen die Aufforstungsflächen von konkurrierendem Bewuchs wie Holunder, Himbeeren und Brombeeren befreit werden.

Der Aufwand beim Waldaufbau ist hoch, die Arbeiten sind teuer. Bund und Land zahlen für das Pflanzmaterial zwar einen Zuschuss von 85 Prozent.

Die hohen Kosten entstehen deshalb nicht bei der Anschaffung, sondern bei der Pflege der Kulturen. Junge Pflanzen machen mehr Arbeit als ältere. Letztere sind auf dem Markt aber kaum erhältlich.

Für die Pflanzung einer einen Hektar großen Fläche mit Eiche und deren Pflege fallen in den nächsten zehn bis zwölf Jahren Kosten von 16 000 Euro an.

Holzvorrat weggebrochen: mehr als 5 Millionen Euro Verlust

Vollbracht geht während dieses Zeitraums bei der Anpflanzung von 70 Hektar Wald von Investitionskosten von etwa einer Million Euro aus. Hinzu kommen Aufwendungen für Pflege in der Naturverjüngung.

Gleichzeitig hat der Wald auf den Kahlflächen an Wert verloren. Von 2018 bis heute, so der Revierförster, sei ein Holzvorrat von fünf Millionen Euro weggebrochen.

Und schließlich müsse man berücksichtigen, dass auf der 300 Hektar großen Fläche, auf der sich die Fichte verabschiedet hat, in den kommenden Jahren auch kein Holzzuwachs stattfindet, was mit einem Verlust von einer weiteren Million Euro zu Buche schlägt.

Zwölf Mal mehr Fichten geerntet als in normalen Jahren

Gut 70 Prozent aller Fichten im Wolfhager Stadtwald sind in den vergangenen Jahren weggebrochen. Diese Bestandsklasse verteilte sich auf einer 430 Hektar großen Fläche, mindestens 300 Hektar davon hat der Borkenkäfer vernichtet.

Allein 55 000 Festmeter Fichte mussten in diesem Jahr geerntet werden – das ist der zwölffache Hiebsatz normaler Jahre. Ein Teil des Holzes geht als Exportware nach China, einiges wird in der heimischen Sägeindustrie verarbeitet.

Doch der Markt ist übersättigt, die Preise sind am Boden. Die maschinenbasierte Ernte kostet mehr Geld, als der Verkauf des Holzes einbringt. Das führt dazu, dass mit jedem Festmeter, der geerntet wird, das Defizit steigt.

Der Wolfhager Stadtwald hat eine Gesamtfläche von 1788 Hektar. Vor den Käferjahren waren 37 Prozent seines Bestandes Buchen, 24 Prozent Fichte, 20 Prozent Kiefer und 17 Prozent waren Eiche.

Experiment mit der Trockenheit mögenden Baumhasel

Mit Blick auf die Klimaerwärmung traut Friedrich Vollbracht der Baumhasel, die mit Trockenheit und verschiedenen Böden gut zurechtkommt, gleichzeitig aber keinen invasiven Charakter hat, einiges zu.

Ihr Anbau ist ein Experiment, da es kaum Erfahrungswerte gibt. Der Ippinghäuser dürfte zu den Ersten zählen, der die Rolle der Baumhasel in einem möglichst klimarobusten Wald erprobt.

Sie verfügt über ein wertvolles Holz und wird um die 30 Meter hoch. Walnuss oder Schwarznuss eigneten sich laut Vollbracht für den Wald nicht, sie seien zu anspruchsvoll.

Ursprünglich verbreitet war die Baumhasel auf dem Balkan und in der Türkei. Dort gilt die Art aber als übernutzt, in der Natur ist sie fast ausgerottet. (Antje Thon)

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