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Der letzte seiner Art verlässt Wolfhagen - und zieht nach Kassel

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Von: Norbert Müller

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Lieblingsplatz am Vormittag: Auf der Terrasse des Wolfhagers Eiscafé „Da Peppo“ nimmt sich Hans-Werner Osterberg gerne eine kleine Auszeit.
Lieblingsplatz am Vormittag: Auf der Terrasse des Wolfhagers Eiscafé „Da Peppo“ nimmt sich Hans-Werner Osterberg gerne eine kleine Auszeit. © Norbert Müller

Hans-Werner Osterberg gibt altersbedingt sein Notariat in Wolfhagen auf. Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin ist nicht in Sicht.

Wolfhagen – Wie der letzte Mohikaner fühlt sich Hans-Werner Osterberg schon seit einer ganzen Weile. Genauer: seit gut drei Jahren. Da nämlich setzte sich der letzte seiner einstmals vier Notarskollegen in Wolfhagen zur Ruhe. Niemand rückte nach, Osterberg ist seitdem der einzige Rechtsanwalt in Wolfhagen, der auch als Notar Beurkundungen vornehmen darf. Aber damit ist es seit heute auch vorbei.

Osterberg wurde am Dienstag 70, mit Ablauf des Monats endet dann offiziell das Notariat, das er bis zum Jahresende abwickeln darf. Da ist dann bis September auch noch das Bearbeiten neuer Fälle erlaubt.

Letzter Notar aus Wolfhagen: Er gibt altersbedingt sein Notariat auf

Zurück bleibt eine Stadt ohne Notar, was Hans-Werner Osterberg – die Wolfhager kennen ihn besser als Hannes – sehr bedauert. Er habe alles Mögliche versucht, um einen Nachfolger nach Wolfhagen zu locken. Es habe keine Reaktion gegeben. „Es gibt keine Bewerber für ländliche Notarstellen“, sagt Osterberg. Diese Erkenntnis habe er nicht exklusiv. Die gleiche Erfahrung mache man auch andernorts.

An geeigneten Juristen mangele es nicht. „Aber die glauben, in der Stadt würden sie schneller reich, weil die Werte dort höher sind“, schimpft er in seinem unverkennbar nordhessischen Tonfall. Auch bei seinen Anwaltskollegen in Wolfhagen gebe es offenbar kein Interesse, sich die notwendigen Kenntnisse neben dem Anwaltsjob drauf zu schaffen und sich dann einer Prüfung zu stellen, die nicht gerade einfach sei.

Da hatte es Osterberg doch 1991, als er seine anwaltlichen Aufgaben um die des Notars erweiterte, deutlich leichter: „Damals musste man nur einen Vorbereitungskurs erfolgreich absolvieren, eine gute Examensnote haben und schon ein paar Jahre als Anwalt gearbeitet haben.“ All das erfüllte der in Bettenhausen Aufgewachsene vollständig.

Letzter Notar in Wolfhagen: Jurastudium war Zufall

Dabei war er eher zufällig zu den Rechtswissenschaften gekommen. „Ursprünglich sollte ich Augenarzt werden“, während der Bruder das elterliche Optiker-Geschäft übernehmen sollte. Aber fürs Medizinstudium reichte die Abi-Note nicht. Der Vater habe dann gemeint, Juristen würden immer gebraucht. „So bin ich dann zur Juristerei gekommen.“ In Marburg hat Hannes Osterberg mit dem Studium begonnen, in Göttingen hat er es abgeschlossen – mit einem Prädikatsexamen.

Während seines Referendariats war aus dem Kasseläner bereits ein Wolfhager geworden – allerdings nicht gleich aus Überzeugung. Wieder spielten die Eltern die entscheidende Rolle. Die hatten auch in Wolfhagen einen Optiker-Laden und dann an der Burgstraße ein Haus gekauft. „Sie wollten, dass ich aufs Haus aufpasse“, erinnert sich Hannes Osterberg. Deswegen ist er in die frühere Kreisstadt gezogen. „Seitdem bin ich hier.“ Seit mittlerweile gut 46 Jahren. Es war eine weitsichtige Entscheidung, denn nach dem Referendariat bot man Osterberg eine Stelle als Richter am Amtsgericht in Wolfhagen an. Er sagte zu und genoss dann den kurzen Weg zur Arbeit. Haus und Gericht waren in derselben Straße, keine 100 Meter voneinander entfernt.

„Meine erste Ehefrau war auch aus Wolfhagen“, sagt Osterberg, 25 Jahre waren sie verheiratet, bis die Ehe auseinanderging. Vier Kinder haben die beiden und drei Enkel. Ein Jurist ist nicht darunter. Nach zweieinviertel Jahren gab Osterberg den Richter-Job auf, herausgelockt vom Angebot einer Wolfhager Kanzlei.

Wolfhagen ohne Notar: Letzter seiner Art zieht mit Frau nach Kassel

„Am meisten Spaß machte mir die Strafverteidigung. Da ist Action, da passiert was, da ist das Verfahren vor Gericht mündlich“, schwärmt Osterberg. „Da kann man sich dann so richtig als Advokat darstellen.“ Und das kam seinem Typus auch sehr entgegen: Hannes Osterberg war in seiner Zeit als Anwalt einer, der mit wuchtiger Präsenz und sonorer Stimme einen Raum einnehmen konnte „Meine Frau sagt immer, ich sei oft unfreundlich“, erzählt Osterberg. „Aber wer will denn einen freundlichen Anwalt? Ein Anwalt muss beißen.“ Und das habe er vorzugsweise auch getan, denn: „Ich verliere ungern. Und ich habe auch selten verloren.“

So hat er – bald in seiner eigenen Kanzlei – die unterschiedlichsten rechtlichen Felder beackert. Aber diese Phase seines Lebens ist eigentlich schon Geschichte. Anfang kommenden Jahres lassen er und seine Frau Wolfhagen hinter sich, es geht ab nach Kassel, „weil meine Frau das so will“. Vom großen Haus in eine kleine Wohnung, die er mal vor langer Zeit gekauft hatte, falls eines der Kinder in Kassel studiert.

Ende des letzten Notariats: Hannes Osterberg verlässt Wolfhagen

Was er dann als Rückkehrer in seiner Geburtsstadt anfangen werde mit seiner Zeit, das weiß er noch nicht so genau. So fit wie damals, als er in Wolfhager jede freie Minute, die er nicht mit der Familie unterwegs war, auf dem Tennisplatz zubrachte, sei er längst nicht mehr. „Ich werde sicher mit meinem E-Rädchen Touren machen“. Und die Wohnung sei nicht weit von der Therme entfernt.

In den letzten Jahren habe er Sudoku und Kreuzworträtsel für sich entdeckt. Die bearbeite er bei seinen täglichen Besuchen auf der Terrasse des Wolfhager Eiscafés. Gegen 11 Uhr gönnt er sich dort eine Auszeit. Im Eiscafé löse er nicht nur Rätsel oder halte ein Schwätzchen, „ich treffe mich dort auch mit meinem Informanten. Ich bin stark daran interessiert, was sich in Wolfhagen tut, weil ich ja derzeit wegen der Pandemie keine großen Kontakte pflege“. Thema in der Stadt ist aktuell zweifelsohne das Ende des letzten Notariats und der Wegzug von Hannes Osterberg. (Norbert Müller)

Die Notarin Annika Seebach aus Kassel wünscht sich mehr Frauen im Anwaltsberuf. Nur ein Drittel aller Anwälte sind Frauen und der Frauenanteil unter den Notaren beträgt sogar nur 15 Prozent.

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