Zu wenig Betreuungsplätze

Nachmittagsbetreuung: Mutter ist auf Platz für ihre Tochter angewiesen 

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Hausaufgaben und Spiele: In der Nachmittagsbetreuung der Grundschule werden den Kindern verschiedene Dinge angeboten. Vielerorts, auch in Wolfhagen, sind die Plätze allerdings stark begrenzt. (Symbolbild)

Der Bedarf nach Nachmittagsbetreuung von Grundschulkindern steigt im Wolfhager Land. Doch was passiert, wenn das Kind keinen Platz bekommt? Eine Mutter aus Wolfhagen hat diese Erfahrung gemacht. 

Wenn die Tochter eingeschult wird, dann ist das normalerweise ein Grund zur Freude. Nicht für eine 38-jährige Mutter aus Wolfhagen: Sie hat Angst, ihren Job als Reinigungskraft aufgeben zu müssen. Denn Sarah K.*, die anonym bleiben möchte, hat zum Schulstart keinen Platz für die Betreuung ihrer sechsjährigen Tochter. „Da ist ein Fehler im System“, sagt die dreifache Mutter und ergänzt: „Arbeitenden Eltern muss doch eine Betreuung garantiert werden. Das kann doch nicht sein.“ Sie schüttelt mit dem Kopf.

Mehrfach hat sie die Schule kontaktiert. Die Farce für Sarah K. begann im April. Die 38-Jährige konnte nicht an einem Elternabend teilnehmen, weil sie für die Spätschicht in ihren Putzbetrieb in Ahnatal eingeteilt war. „Wie ich später durch eine Bekannte erfahren habe, wurden dort Anmeldeformulare für die Kinderbetreuung der Schule verteilt.“ Ein Schreiben oder eine Information außerhalb des Elternabends? Fehlanzeige.

Wenig später sei sie zur Schule gegangen und habe erklärt, dass sie dringend einen Platz für ihr Kind bräuchte, weil sie berufstätig sei. „Man hat mich abgewimmelt und gesagt, die Plätze sind alle belegt.“ Sie ließ sich auf die Warteliste schreiben. „Es hat sich nie wieder jemand bei mir gemeldet.“

„Mit dem Problem, dass Sarah K. keinen Betreuungsplatz findet, ist sie nicht alleine. Platz ist für rund 130 Kinder, sagt Jutta Wiebke, Betreuerin an der Grundschule Wolfhagen. Der Bedarf ist aber deutlich größer. „Ich habe mit einigen Müttern gesprochen, denen es ähnlich geht“, erzählt die Mutter. Wiebke bestätigt das: „Wir haben in diesem Jahr eine riesige Nachfrage.“ Sie betont, dass nicht zwischen berufstätigen und nicht berufstätigen Eltern unterschieden werde. „Wir versuchen, alle aufzunehmen, aber wir sind sehr voll“, so Wiebke weiter. Ein Grund: Es haben weniger Kinder die Betreuung verlassen, weshalb weniger Plätze frei wurden. „Noch jetzt zu Schulbeginn bekommen wir Anfragen“, schildert die Betreuerin. „Aber wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Sie verweist auf die Warteliste. „Es kommt immer wieder vor, dass bei Stundenplanänderungen Eltern ihre Kinder abmelden und Plätze frei werden.“ Dies ist in Absprache mit dem Fachdienst Schulorganisation beim Landkreis bis zwei Wochen nach Unterrichtsbeginn, also bis 23. August, möglich. Die frei werdenden Plätze können dann von Nachrückern besetzt werden.“

Für die auf eine Betreuung hoffende Mutter ist das die letzte Hoffnung. „Ich kann mein Kind nicht alleine lassen, wenn um 11 Uhr die Schule fertig ist“, sagt sie. Auch als ihre ersten beiden Kinder die Grundschule besuchten, ging sie arbeiten. Da übernahm ihre mittlerweile verstorbene Mutter oft die Betreuung. Ihr Mann arbeitet täglich von 8 bis 16 Uhr. „Ich bin auf eine Betreuung angewiesen“, sagt die 38-Jährige. Andernfalls bliebe für die Wolfhagerin nur der Schritt, ihren Job zu kündigen. Sarah K. lebte bereits von 2012 bis 2017 von Hartz IV– und will auf keinen Fall wieder abhängig vom Arbeitsamt sein. „Mir bliebe aber keine andere Wahl.“ Im Notfall könne sie sich vorstellen, sich eine Stelle zu suchen, bei der sie abends arbeitet. „Das kann es auch nicht sein.“

Am Dienstag wurde ihre Tochter eingeschult. „Noch habe ich zwei Wochen Urlaub.“ In dieser Zeit wird sie jeden Tag hoffen, über die Warteliste doch noch einen Platz zu ergattern.

Bedarf steigt seit zehn Jahren

Im Altkreis Wolfhagen werden im Schuljahr 2018/19 383 Kinder nachmittags betreut. Im Schuljahr 2009/10 waren dies noch 274. In Bad Emstal werden 48 Kinder bereut, in Balhorn 37. In Naumburg nehmen 32 Kinder die Betreuung in Anspruch, in Breuna 31 und in Wolfhagen 139. In den Wolfhager Stadtteilen Ippinghausen sind sieben Kinder angemeldet, Wenigenhasungen 57. In Zierenberg werden nach dem Unterricht 36 Kinder betreut.

*Name von der Redaktion geändert.

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