Betroffene werden stigmatisiert

Nicht wegschauen: Olaf Rothe wünscht anderen Umgang mit HIV-Infektion

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Wehrt sich gegen Ausgrenzung: Olaf Rothe von der Aids-Hilfe Kassel lebt seit 24 Jahren mit dem HI-Virus. Er kritisiert die in der Gesellschaft verbreitete Annahme, dass es den infizierten Menschen obliegt, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Sein Gegenentwurf: Jeder muss Verantwortung übernehmen. Das Bild zeigt Rothe mit einem Foto, mit dem die Aids-Hilfe in ihren Anfangsjahren für Toleranz warb.

Kreis Kassel. An der gesellschaftlichen Wahrnehmung hat sich in den vergangenen 35 Jahren kaum etwas geändert: Aids ist ein Randgruppen-Thema. Die Betroffenen werden stigmatisiert.

Olaf Rothe von der Aids-Hilfe Kassel ärgert sich darüber, weil viele Menschen die Augen verschließen und die Verantwortung abgeben. Schwule und Einwanderer, die das HI-Virus nach Deutschland bringen, die sollen sich schützen - so die Haltung, auf die der 54-Jährige öfter stößt.

Olaf Rothe selbst ist HIV-positiv, er wird erfolgreich gegen das HI-Virus therapiert und ist schon seit einigen Jahren nicht mehr infektiös. Doch die Botschaft von der Nicht-Infektiosität stoße in der Gesellschaft noch immer auf taube Ohren, sagt der Kasseler. Die Ausgrenzung ist wohl auch ein Grund, weshalb die HNA bei ihren Recherchen niemanden im Wolfhager Land gefunden hat, der bereit gewesen wäre, über seine Krankheit zu sprechen.

Rothe erfuhr von seiner Infektion, als er 30 Jahre alt war. „Ich fiel damals in ein tiefes Loch“, sagt er. In dieser Zeit gab es keine Medikamente, die Angst vor Ansteckung war enorm. „Regel dein Leben, zwei, drei Jahre haste noch“, fasst er seine Erinnerung an jene Momente zusammen, in denen er sich der Diagnose erstmals gegenüber sah.

Doch Rothe hatte Glück. Damals hatte er gerade seinen Partner kennengelernt, der ihm eine Stütze war. Er hatte sein Leben geändert und eine Ausbildung zum Waldorf-Erzieher begonnen. Rothe trat die Flucht nach vorn an. Er outete sich, behandelte das Thema Aids in einer Hausarbeit und sprach mit den Menschen in seinem Umfeld Klartext. Die Reaktionen waren unterschiedlich. Respekt war die Haltung, die ihm am häufigsten entgegen gebracht wurde. Das Virus hatte sich zwischenzeitlich so stark ausgebreitet, dass es bei ihm zu einer Immunschwäche führte. Doch Olaf Rothe profitierte von der antiretroviralen Therapie (ART), mit der vor knapp 20 Jahren begonnen wurde, Menschen mit einer HIV-Infektion zu behandeln.

„Heute fühle ich mich gesund und habe die Kraft, mein Leben zu gestalten.“ Noch immer ist er mit seinem Lebensgefährten zusammen, der das HI-Virus nicht in sich trägt. Wer sich heute infiziere und konsequent die ART befolge, habe gute Chancen, über viele Jahrzehnte mit HIV zu leben.

Dennoch müssen die Aktivisten von der Aids-Hilfe jede Menge Aufklärung leisten. Denn die Gesellschaft spart das Thema aus. Zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember rückt die Immunschwächekrankheit in den Fokus, um dann wieder für ein Jahr aus dem Blickwinkel zu treten. Rothe wünscht sich an Schulen eine stärkere Information zu den Bereichen sexuelle Orientierung und Prävention. Lehrer, die sich davor scheuten, das Thema anzupacken, könnten sich an die Aids-Hilfe wenden. Doch die Schulen in Kreis und Stadt Kassel nutzten das Angebot kaum. Kontakt: Aids-Hilfe Kassel, 0561/97975910, www.kassel.aidshilfe.de

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