Interview zur Zukunft des Krankenhauses

Notarzt Matthias Hughes: „Zuletzt war die Wolfhager Klinik rappelvoll“

+
Eigentlich sollte die Wolfhager Klinik im Sommer geschlossen werden. Wegen eines Rechtsstreits zwischen der GNH und dem Landkreis Kassel wird dieser Termin aber wohl nicht einz uhalten sein. Wie es am kleinen Ofenberg weitergeht, ist offen. 

Dr. Matthias Hughes fährt als Notarzt oft Patienten in die Wolfhager Klinik. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Bedeutung das Krankenhaus für die Versorgung im Wolfhager Land hat.

Herr Hughes, muss Wolfhagen büßen, weil in Kassel Fehler gemacht wurden?

Ich denke ja. Es ist sicherlich eine Priorisierung erfolgt. Wolfhagen hätte in den letzten Jahren mit mehr Engagement besser gefördert werden können. Da ist wenig passiert. Etwa bei der Chirurgie. Und auch bei der Chefarztbesetzung hatte die GNH gleich zweimal hintereinander Probleme und ist in den Fettnapf getreten. Nun funktioniert das besser, aber das Kind ist erst mal in den Brunnen gefallen und die negativen Ergebnisse sind da.

Sie haben also auch Verständnis für GNH?

Natürlich. Es ist ja was gemacht worden. Die Lösung mit der Zusammenarbeit Chirurgie Kassel und Wolfhagen ist beispielsweise gut gelaufen.

Die Bertelsmann-Studie zur Kliniksituation in Deutschland empfiehlt eine Verringerung von Klinikstandorten zugunsten einer zentralen Versorgung in Häusern der Maximalversorgung. Was sagen Sie den Befürworten dieser Studie?

Dr. Matthias Hughes, Internist und der leitende Arzt des Notfallstandortes Wolfhagen

Diese Simulation geht von Voraussetzungen aus, die mittlerweile widerlegt sind. Sie sagt, dass bestimmte Krankheitsbilder ambulant behandelt werden können. Allerdings haben wir nicht die Strukturen, um das zu machen. Die Hausärzte sind jetzt schon ausgelastet, und in den Heimen geht es nicht, weil eine pflegerische-medizinische Versorgung dort an personellen und rechtlichen Bedingungen scheitert. Um eine ambulante Behandlung in der gewünschten Form umzusetzen, müsste man viel Geld in die Hand nehmen.

Gleichzeitig wären die Patienten, die laut der Bertelsmann-Studie noch im Krankenhaus behandelt werden müssten, schwerer krank und lägen dementsprechend länger in den Kliniken. Der Bettenbedarf bleibt also fast unverändert. Die Studie sagt genau das: Kleine Kliniken werden geschlossen und deren Betten in größere Kliniken verlagert. Wir müssten dafür die Betten in den verbliebenen Kliniken neu schaffen und deren Zahl annähernd verdoppeln. Ein solcher Ausbau würde auf Deutschland hochgerechnet 80 Milliarden Euro kosten.

Viele Befürworter der Bertelsmann-Studie ziehen das dänische Modell als Positivbeispiel heran. Was ist der Unterschied zu Deutschland?

Dänemark ist ein Flächenland mit kleinen Orten und völlig zersiedelt. Selbst Städte in der Größe von Wolfhagen muss man suchen. Es ist also nicht mit unserer Situation vergleichbar. Dort kommt man auch nur ins System, wenn man sich anmeldet. Einfach in ein Krankenhaus fahren geht dort nicht. Auch in Dänemark sagt der Rettungsdienst übrigens, dass er nun länger braucht. In diesem System muss man wissen, dass es zeitsensitive Behandlungen gibt, die eine höhere Sterblichkeit haben.

Welche Behandlungen sind das?

Dazu gehören schwere Blutungen und Sepsen. Die sind zeitkritisch. Sepsen, also Blutvergiftungen, treten ungefähr 20 Mal so häufig auf wie akute Herzinfarkte. Bei einer Sepsis können 30 Minuten Transportverzögerung über Leben und Tod entscheiden. Auch Blutungen kann ich unterwegs nicht stillen. Diese kommen ebenfalls immer häufiger vor, weil es immer mehr Patienten gibt, die Blutverdünner nehmen. Für solche Patienten ist eine sofortige Behandlung lebensentscheidend. Dafür brauchen wir die Klinik in Wolfhagen.

Wie kann sich das Wolfhager Krankenhaus nur mit einer Grundversorgung rechnen?

Indem die Fallpauschalen für die Grundversorgung angepasst werden. Patienten mit stationär behandlungsbedürftigen Allgemeinerkrankungen müssen kostendeckend behandelt werden können. Es gibt nicht wenige Krankheitsbilder, für deren Behandlung eine Klinik weniger vergütet bekommt, als ein Heim im gleichen Zeitraum für die Pflege erhält. Da ist die Politik gefragt.

Was kann die Politik tun?

Sie müsste das Geld umverteilen. Wir haben zum Beispiel eine Luxussituation, was die Kardiologie angeht. Da könnte man locker vier Milliarden Euro einsparen. Ein Beispiel: In der Schweiz werden pro Jahr 44 000 Herzkatheteruntersuchungen bei acht Millionen Einwohnern durchgeführt, davon sind etwa die Hälfte Gefäßerweiterungen. In Deutschland gibt es 1,2 Millionen Herzkatheter, und es werden 400 000 Stents eingesetzt. Auf die Bevölkerung umgerechnet sind das doppelt so viele Stents und dreimal so viele Herzkatheter. Dabei sind wir nicht kränker als die Schweizer. Würden wir die Eingriffe auf deren Maß reduzieren, hätten wir genügend Geld für die Grundversorgung.

Wir operieren also zu viel?

Unbedingt. Denn das ist ein Wirtschaftsfaktor, mit dem man richtig Geld verdienen kann. Das nutzen private Investoren, die an den medizinischen Versorgungszentren beteiligt sind. Ein Hausarzt will wirtschaftlich überleben. Ein MVZ, das von einem Unternehmen betrieben wird, will Gewinne erwirtschaften. Das geht in unserem System nur auf Kosten der allgemeinen Versorgung, denn der Topf ist begrenzt. Wenn da eine Gruppe mehr abschöpft, bleibt weniger für den Rest.

Also für Krankenhäuser wie das in Wolfhagen. Wie ist denn die Auslastung dort derzeit?

Als ich zuletzt als Notarzt unterwegs war, war die Klinik rappelvoll. Auch in den anderen Häusern war Halligalli. Und das vor der Grippewelle. Und vor Corona. Bei Letzterem bin ich noch relativ relaxt, aber wenn es mal so kommt wie in China, würde die medizinische Versorgung mangels verfügbarer Kapazitäten überwältigt, vielleicht sogar zusammenbrechen. Und ein weiteres Problem: Mit der Schließung der Wolfhager Klinik würden neun Betten für Intensiv- und Überwachungspatienten wegbrechen. Die Patienten müssten dann in Kassel versorgt werden, sodass für die Kasseler Patienten Betten fehlen. Wie man sieht, hängen Stadt und Kreis eng aneinander.

Sie haben gesagt, Sie rechnen bei einer Schließung der Wolfhager Klinik mit mehr Todesfällen. Wieso?

Bei allen zeitkritischen Erkrankungen wird die Sterblichkeit auf jeden Fall hochgehen. So auch bei Schlaganfällen und Herzinfarkten. Eine Studie aus den USA hat gezeigt, dass die verbliebenen Krankenhäuser nach Schließungen überbeansprucht werden. Dort ist die Sterblichkeit der Landbevölkerung um sechs Prozent gestiegen. Und da sind noch nicht einmal diejenigen eingerechnet, die auf dem Weg ins Krankenhaus sterben.

Der Landkreis Kassel prüft derzeit, ob er die Klinik übernehmen soll. Wo liegen für ihn die Schwierigkeiten beim Erhalt?

Der Landkreis hat keine Erfahrung mehr beim Betrieb einer Klinik. Er muss also eine komplette Infrastruktur aufbauen. Oder er muss einen Träger finden, der das Krankenhaus betreibt. Der medizinische Betrieb wäre dagegen das kleinere Problem, der dürfte annähernd normal weiterlaufen können.

Eigentlich wollte die GNH die Klinik im Juni schließen. Wegen des Rechtsstreits mit dem Kreis wird das wohl nicht einzuhalten sein. Trotzdem gibt es für das Personal viele Unsicherheit.

Das Problem aus deren Sicht ist: Ehe ich mich irgendwohin versetzen lasse, suche ich mir lieber den Arbeitsplatz, der mir gefällt. Die, die bisher gekündigt haben, sind allerdings nicht innerhalb der GNH gewechselt. Und da schadet sich die GNH selber. Denn alle Krankenhäuser suchen intensiv nach Personal. Dabei hatten wir in Wolfhagen sehr zufriedene Mitarbeiter, die lange geblieben sind. Auch, weil sie hier wohnen und kurze Wege haben.

Die GNH plant in Wolfhagen ein regionales Gesundheitszentrum. Wieso reicht das nicht aus?

Die wenigen Fälle, die derzeit in der Klinik ambulant behandelt werden, kann man locker in einer Praxis machen. Das ist nicht viel. Damit kann man kein regionales Versorgungszentrum kostendeckend betreiben. Auch, weil es in den Nachbarschaftsorten schon jetzt zu viele Optionen gibt, wo man hingehen kann. Was fehlen würde, ist der stationäre Bereich. Die Frage ist: Wo bringe ich 5000 Fälle, die in Wolfhagen in einem Jahr behandelt werden, unter – wo es jetzt schon an allen Ecken und Enden hängt?

Was würden Sie sich persönlich für die Klinik wünschen?

Es wäre schön, sie bliebe und würde besser gefördert. Man darf sich allerdings nicht davor verschließen, dass der Investitionsbedarf groß ist. Ebenso wie in Bad Arolsen. Beide Häuser sind alt. Ich plädiere daher für einen Neubau. Dafür könnten sich die beiden Landkreise zusammentun. Sie könnten an einem vernünftigen Standort zwischen beiden Orten eine Klinik mit gynäkologisch-geburtshilflicher Hauptabteilung bauen. Etwa in Landau oder in der Pommernanlage. In Letzterer wäre sogar alles da: die Infrastruktur, die Nähe zur B450, genügend Parkplätze. Man könnte ökologisch bauen, mit klimatisierten Räumen. Denn wir wissen, dass die Sterblichkeit bei kritisch Kranken ab 23 Grad Raumtemperatur deutlich zunimmt. Die meisten Krankenhäuser sind mit Blick auf die Klimaerwärmung nicht zukunftssicher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.