Wieder vor Ort einkaufen

Region Kassel-Land will Nahversorgung in ländlichen Regionen verbessern

Wollen die Versorgung auf dem Land verbessern: Projektleiterin Ribana Bergmann und Caspar Schumacher, Student an der Universität Witzenhausen.
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Wollen die Versorgung auf dem Land verbessern: Projektleiterin Ribana Bergmann und Caspar Schumacher, Student an der Universität Witzenhausen.

Sieben Kommunen in den Landkreisen Kassel, Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg möchten bei der Nahversorgung auf dem Land neue Wege gehen.

Wolfhagen – Ziel ist es, in Orten ohne Lebensmittelgeschäft die Versorgung mit Produkten des täglichen Bedarfs zu verbessern. Das Vorhaben ist eines von 15 in der Bundesrepublik und das einzige in Hessen, das vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördert wird (wir berichteten).

Der Verein Region Kassel-Land, der nun eine Machbarkeitsstudie erarbeitet, hat sieben Modelldörfer ausgewählt – aus jede der Kommunen Wolfhagen, Zierenberg, Bad Emstal, Niedenstein, Gudensberg, Fritzlar und Volkmarsen jeweils einen Ort. Die Dörfer werden Ende Juni bei einem Treffen mit Bürgermeistern und Ortsvorstehern vorgestellt. In ihnen wird es im Sommer eine Bürgerbefragung geben, deren Ergebnisse im Herbst präsentiert werden. Was alle Dörfer eint: „In ihnen gibt es keinen Vollversorger“, sagt Projektleiterin Ribana Bergmann. Dafür unterscheiden sich die Orte aber in anderen Kriterien. Darauf habe man bei der Auswahl ganz bewusst geachtet.

Carsten Petry: Regionalmanager

So verfüge das eine Dorf über einen größeren Arbeitgeber, in einem anderen gebe es vielleicht eine Schule, das nächste punkte mit einer guten Verkehrsanbindung, und wieder ein anderes profitiere von einem Direktvermarkter. Die Unterschiede in der sozio-demografischen Situation sollen bei der Auswertung der Fragebögen berücksichtigt werden. Möglicherweise kristallisierten sich bestimmte Dorftypen heraus, die sich in ihren Ansprüchen beim Aufbau einer Nahversorgung unterscheiden. Und das wiederum sei wichtig für die spätere Übertragbarkeit des Konzepts auf andere Kommunen, so Bergmann.

Mit dem Projekt sollen Angebote regionaler Erzeuger und lokaler Lebensmitteleinzelhändler miteinander kombiniert werden. Eine ganz zentrale Rolle komme dabei dem E-Commerce zu, sagt Carsten Petry, Regionalmanager bei Region Kassel-Land. Er könne sich vorstellen, dass in einer späteren Umsetzungsphase, die ab Mitte 2023 beginnen könnte, die Produktbestellungen übers Internet abgewickelt und die Ware binnen 24 Stunden an einem Abholort deponiert wird. Diese dezentralen Depots sollen angepasst werden an die bestehende Infrastruktur des jeweiligen Dorfes. Und sie könnten um zusätzliche Angebote wie Bürgerbus oder einen Mittagstisch erweitert werden.

Der Erhalt von Dorfläden ist oftmals ein Kraftakt. So zumindest sieht es Carsten Petry, Regionalmanager beim Verein Region Kassel-Land in Wolfhagen. Die Mitarbeiter sind gering bezahlt, mitunter arbeiten sie ehrenamtlich. Steigende Energiepreise treiben die Betriebskosten der Geschäfte in die Höhe. Läden, die sich über Wasser halten können, werden in den meisten Fällen von einer Genossenschaft getragen, deren Mitglieder Anteile gekauft haben.

Alternativ zu den Dorfläden kamen vor einigen Jahren die Hofläden auf. Aber auch deren Konzepte haben aus Sicht Petrys Schwachstellen. So verfügen sie oft nur über ein sehr begrenztes Sortiment – Produkte aus der eigenen Herstellung und eine kleine Auswahl an Waren von Landwirten aus der Nachbarschaft. Petry: „Sie sind jedenfalls keine Vollversorger.“

Mit der Pandemie hat nun ein weiterer Trend die Verbraucher erreicht. Der E-Commerce wächst, auch im Bereich der Versorgung mit Lebensmitteln. Allerdings gibt es auch dort Probleme. Das fängt an bei der Kühlkette, die bei einigen Produkten nicht unterbrochen werden sollte. Kunden, die das verhindern möchten, müssen daheim sein, wenn die Ware geliefert wird. Und dann ist da noch die Sache mit dem Müll. „Ökologisch ist es ein Supergau, wenn ich alles online bestelle“, sagt Petry.

Darum erarbeitet der Verein unter Federführung der Stadt Wolfhagen derzeit für sieben Kommunen – neben Wolfhagen beteiligt sind Bad Emstal, Zierenberg, Volkmarsen, Gudensberg, Niedenstein und Fritzlar – ein Konzept, das die Vorteile aller Versorgungsvarianten zusammenführt. Das Produkt, das dabei in unterschiedlichen Spielarten entstehen soll, trägt den Namen Lebens.Mittel.Punkte.

Projektleiterin Ribana Bergmann geht es nicht nur um die Kombination aus Lebensmittelversorgung, Hofladen und E-Commerce. So tüftelt sie an einer tragfähigen Letzte-Meile-Logistik und sucht dabei nach Antworten auf die Frage, wie Kunden an die von ihnen übers Internet bestellten Waren gelangen. Wichtig sei eine barrierefreie digitale Bestellung. Wer sich mit dem Online-Einkauf schwertue, den könne man vielleicht über Schulungen an das neue Versorgungsangebot heranführen, sagt die 33-jährige Umweltplanerin. Das erhöhe insbesondere bei älteren Personen die Akzeptanz. Das bestellbare Sortiment soll um regionale Produkte erweitert und Verpackungen sollen auf das Nötigste reduziert werden. Bei der Etablierung solcher Lebens.Mittel.Punkte soll die bestehende Infrastruktur genutzt werden. Dabei könnten auch Begegnungsorte geschaffen werden.

Zwei große Zielgruppen haben Ribana Bergmann und Caspar Schumacher ausgemacht. Schumacher befasst sich in seiner Bachelorarbeit an der Universität Witzenhausen mit dem Thema und hat den Fragebogen entwickelt. Die einen seien die älteren Menschen, die im Dorf verwurzelt und möglicherweise in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Zur zweiten Gruppe zählen jüngere Personen, denen die Zeit fürs Einkaufen fehlt und die stark eingespannt sind zwischen Beruf und Familie. Im Fragebogen, der im Sommer verteilt wird, werden das Einkaufsverhalten und die Bedarfe der Einwohner in den Modelldörfern erhoben. Parallel ist eine Sekundäranalyse vorhandener Konzepte und Erfolgsfaktoren von dezentralen Liefer- und Logistikkonzepten sowie eine Ermittlung der E-Commerce-Situation im Lebensmitteleinzelhandel vorgesehen.

Die Ergebnisse werden unter Einbindung lokaler Einzelhändler, Erzeuger und Direktvermarkter im Hinblick auf ihre wirtschaftliche Tragfähigkeit bewertet und in den Modelldörfern präsentiert. Im Februar 2022 soll das Konzept für die Lebens.Mittel.Punkte vorliegen. Region Kassel-Land wird sich dann beim Bund für eine Förderung der Umsetzung bewerben. Dabei konkurriert der Verein mit den übrigen bundesweiten Projekten. Sollte der Verein vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nicht ausgewählt werden, will er andere Fördertöpfe anzapfen. So gehören die beteiligten Kommunen zu vier Leader-Regionen und könnten als solche Zuschüsse bei der EU beantragen. Regionalmanager Carsten Petry geht davon aus, dass die derzeit entwickelten Ideen frühestens ab dem Jahr 2023 umgesetzt werden können. Dann beginnt die neue Leader-Förderperiode, von der die ländliche Regionalentwicklung profitiert. (Antje Thon)

Projektphase endet im Februar 2022

Die Stadt Wolfhagen hatte sich an einem Bundeswettbewerb beteiligt, wurde ausgewählt und wird nun für die Erarbeitung der Konzeption vom Bund gefördert. Von der Finanzierung profitieren noch sechs weitere Kommunen. Im Herbst, wenn dann die Fragebögen ausgewertet sind, wird es in den Modelldörfern Workshops geben. Die Konzeptphase endet im Februar 2022. Im Anschluss wird eins der bundesweit 15 Projekte bei der Umsetzung vom Bund gefördert.

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