Mit Wind und Sonne unabhängig

Philippinenburger produziert mit Kleinwindrad Strom im eigenen Garten

Schrauben für einen festen Stand: Dr. Matthias Hughes zieht die Stahlmuttern am Fuß des Windrades mit einem Elektroschrauber fest. Michael Kuropka sieht dabei im Hintergrund zu. Anlagen in diesem Format, sagt Hughes, gebe es im Wolfhager Land nach seiner Kenntnis höchstens drei Stück.
+
Schrauben für einen festen Stand: Dr. Matthias Hughes zieht die Stahlmuttern am Fuß des Windrades mit einem Elektroschrauber fest. Michael Kuropka sieht dabei im Hintergrund zu. Anlagen in diesem Format, sagt Hughes, gebe es im Wolfhager Land nach seiner Kenntnis höchstens drei Stück.

Der Philippinenburger Dr. Matthias Hughes hat sich einen jahrzehntealten Traum erfüllt und ein Kleinwindrad zur Stromversorgung hinters Haus gestellt.

Philippinenburg – Die Tauzieher aus dem Dorf wären ihm eigentlich noch lieber gewesen als der bullige Traktor von Michael Kuropka, sagt Dr. Matthias Hughes bestens gelaunt. Mit vereinten Kräften, so hätte seine Wunschvariante ausgesehen, hätten die den verzinkten Mast mit dem großen Propeller an der Spitze aufrichten sollen. Und vermutlich, sagt der Mediziner, hätten die Truppe es auch geschafft, schließlich haben die Tauzieher aus Philippinenburg, dem kleinen Wolfhager Stadtteil, in dem Hughes mit seiner Frau Helga wohnt, schon so manchen Weltmeistertitel errungen.

Auf die Tauzieher hat Hughes beim Aufstellen des Windrades im Garten hinter seinem Haus letztlich dann aber doch verzichtet und auf die Kräfte der von der Treckerhydraulik angetriebenen Winde gesetzt, die sonst die schwersten Holzstämme zu den Rückegassen zieht. Da mag sich dann am Ende auch die gesunde Sicht des Notarztes auf die Dinge durchgesetzt haben. Denn, so die Einschätzung des 63-Jährigen, anderthalb Tonnen hätten die Tauzieher schon am Haken gehabt. Angesichts des weichen Bodens hinterm Haus hätte dann die Aktion auch zur Rutschpartie mit anschließendem Totalschaden werden können.

Und genau das galt es ja nun zu vermeiden, denn schließlich hat sich Hughes mit dem Windrad einen alten Wunsch erfüllt. „So ein Ding will ich schon seit mehr als 30 Jahren haben.“ Vor fast zwei Jahren hat er begonnen, den Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Anfang 2020 ging es los mit einer Bauvoranfrage. Ungezählte Behördengänge folgten. „Der bürokratische Aufwand ist immens“, fasst er das Verfahren zusammen. Selbst eine Ausgleichsfläche musste er anlegen: eine kleine Parzelle gleich neben dem Fundament der Windkraftanlage. Hier sollen sich mal Büsche zur Freude von Vögeln, Insekten und anderem Getier breitmachen.

Auf seiner Suche nach dem passenden Gerät ist der angehende Windstromproduzent im Westerwald fündig geworden. Dort bestellte er die komplette Anlage: Die Gondel mit dem Rotor, der es auf einen Durchmesser von 5,60 Meter bringt, und den verzinkten Mast. Die Nabenhöhe liegt bei 13,50 Metern. Die Anlage ist ein Zwerg im Vergleich zu den großen Geschwistern in der Umgebung. Dennoch braucht es auch für die filigrane Windmühle am unteren Ende ein wertiges Gegengewicht, das sie auch bei Sturm stramm stehen lässt: Auf 30 Tonnen taxiert Matthias Hughes das Fundament aus Beton, in dem der Fuß des Masts verankert ist. Den Strom, den der Doktor im riesigen Garten mit üppigem Abstand zu den Nachbarn produzieren wird, „ist für den Eigenbedarf“. Genau genommen soll damit ausgeglichen werden, was die Fotovoltaikanlage auf dem Dach des Hauses in den Wintermonaten wegen der geringeren Sonneneinstrahlung weniger liefert.

„Von März bis Oktober sind wir mit unserer Anlage auf dem Dach in Sachen Strom Selbstversorger. Im Winter pfeift es hier, da haben wir viel Wind.“ Das soll nun in Kombination rund ums Jahr eine Stromversorgung von gut 90 Prozent des Bedarfs bringen. Im Sommer, sagt Matthias Hughes, „werden wir die Windmühle nur sporadisch nutzen. Dann stellen wir das Windrad aus, um Vögel und Fledermäuse nicht zu gefährden.“

Ein Grund für den Bau der Anlage sei auch zu zeigen, „dass man in kleinen Ortschaften in Sachen Energieversorgung annähernd autark sein kann, dass man sich selbst versorgen kann mit einer Kombination aus Fotovoltaik, Windrad und Batteriespeicher und damit einen Beitrag zur Energiewende leisten kann.“

Er habe zunächst auch daran gedacht, den Strom einzuspeisen, wie über viele Jahre den Saft aus der Fotovoltaikanlage, die er schon Ende der 90er-Jahre als einer der Ersten in der Gegend auf dem Dach installierte. Er speist nun nicht ein, „das war zu kompliziert“, deutet er ein Problem mit dem potenziellen Abnehmer an.

Inzwischen sind gut zwei Dutzend Dorfbewohner im Garten zusammengekommen, um das  Aufrichten mitzufeiern. Michael Kuropka lässt die Winde anlaufen. Langsam stellt sich der über ein kräftiges Scharnier geführte Mast auf. Matthias Hughes flitzt zum Fuß der Anlage, setzt die Stahlmuttern auf die freien Enden der tief im Beton verankerten Gewinde und schraubt sie fest. „Ihr habt Geschichte miterlebt. Das erste Windrad in Philippinenburg steht“, jubelt er seinen Gästen zu.

Jetzt muss sich noch der Hersteller aus dem Westerwald übers Internet auf die Anlage aufschalten, um sie per Fernwartung zu prüfen und die Feineinstellung zu erledigen. Gleich nach dem Aufstellen darf der Propeller im Garten deshalb noch keinen Strom produziert. Schade eigentlich, finden auch die Tauzieher unter den Gästen, wo doch der Wind an diesem Tag so schneidig über die Anlage fegt. (Norbert Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.