„Draußen toben war gestern“

Tag des Purzelbaums: Medien und Leistungsstress machen Kinder zu Bewegungsmuffeln

Ihr liegt der Sport im Blut, der Purzelbaum ist somit für sie ein Klacks: die dreijährige Sophie Franz, Enkeltochter von Dörnbergs TSV-Vize Martin Feldmann.
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Ihr liegt der Sport im Blut, der Purzelbaum ist somit für sie ein Klacks: die dreijährige Sophie Franz, Enkeltochter von Dörnbergs TSV-Vize Martin Feldmann.

Generation Bewegungsmuffel: Nur noch vier von zehn Kindern können bei ihrer Einschulung einen Purzelbaum schlagen.

Wolfhager Land – Das besagt eine Erhebung von fit4future Kids, der Gesundheits- und Präventionsinitiative der Cleven-Stiftung und der DAK-Gesundheit. Wie es im Wolfhager Land um die Fitness der Jüngsten bestellt ist und wie Trendsportarten das Vereinsleben verändern, darüber berichten Nadine Krekel und Sohn Justin vom TSV Dörnberg zum Tag des Purzelbaums im Gespräch mit unserer Zeitung.

Sind unsere Kinder wirklich Bewegungsmuffel geworden?
Justin Krekel: Ja, das beobachte ich schon länger und sehe den Grund im zunehmenden Umgang mit digitalen Medien, aber auch dem immensen Lern- und Leistungsstress. Statt sich Sport und Bewegung zu widmen, sitzen die Kinder mittlerweile mehr vor ihren Hausaufgaben, dem PC oder Fernseher.
Nadine Krekel: Kinder werden immer mehr vollgestopft mit irgendwelchen Fernsehsendungen, Spielekonsolen und Tablets, auch Smartphones spielen natürlich eine große Rolle. Draußen rumzutoben war gestern, heute sitzen die Kids lieber rum und zeigen sich gegenseitig irgendwelche Videos oder Bilder. Auch die Schulsituation hat sich verändert, hier wird den Kindern viel zu viel abverlangt, da bleibt kaum noch Zeit für Sport.
Reicht denn der Schulsport nicht mehr aus, um für einen adäquaten Ausgleich zu sorgen?
Justin Krekel: In der Schule wird ja nicht einmal mehr Schwimmunterricht angeboten. Das liegt nicht nur am Lehrermangel, sondern auch an der Tatsache, dass nicht jeder Sportlehrer auch die Zusatzqualifikation hat, Schwimmunterricht zu geben.
Nadine Krekel: Dass die Sportlehrer heutzutage nicht jeden Sport ausüben dürfen, weil Ihnen für gewisse Dinge einfach der nötige Schein fehlt, ist tatsächlich ein Problem. In der alten Schule meines Sohnes gab es beispielsweise ein professionelles Trampolin, das der Sportlehrer aber nicht nutzen durfte.
Und in den vergangenen Monaten hat die Fitness dank Corona noch zusätzlich gelitten?
Nadine Krekel: Definitiv. Der Schulsport ist in der Zeit komplett weggefallen, sodass Kinder, die sich ohnehin nicht gerne bewegen, am Ende gar keinen Sport mehr getrieben haben. És fehlte einfach an Möglichkeiten. Fitnessstudios waren geschlossen, und auch bei uns in den Vereinen waren die Möglichkeiten sehr begrenzt. Sich alleine zum Sport zu motivieren, fällt den meisten einfach schwer, in der Gruppe ist das etwas anderes, erst recht, wenn der Sport fest in den Wochenablauf eingeplant ist.
Wie sieht es derzeit in den Turnvereinen aus? Ist eine Kinder- und Jugendarbeit wieder möglich?
Nadine Krekel: Wir geben aktuell in einigen Kursen Online-Unterricht, aber das ist definitiv nicht das Gleiche wie richtiges Training. In meinen Tanzgruppen ist es etwa viel schwerer, den Kindern etwa Schritte zu erklären. Entsprechend haben die Teilnehmer am Online-Unterricht längst nicht den Spaß wie am Präsenztraining. Jetzt, bei Inzidenzwerten unter 100, dürfen wir mit den Kinder-Gruppen zumindest wieder draußen unterrichten. Hoffen wir, dass das Wetter mitspielt.
Was kann man tun, um Kindern Sport wieder schmackhaft zu machen?
Justin Krekel: Man muss Sport aktiv an die Kinder herantragen. Fußball wird nach wie vor gern gespielt, das sehen die Kids aber auch immer wieder im Fernsehen. Vor ein paar Jahren war Parkour in aller Munde, entsprechend boomte auch die Nachfrage in den Vereinen, was mittlerweile wieder nachgelassen hat, zumindest bundesweit. Bei uns in Dörnberg war Parkour vor Corona noch recht groß, warten wir ab, wie sich das entwickeln wird.
Nadine Krekel: Ich denke, Eltern und Großeltern können hier Vorbilder sein. Wenn man sich mit den Kindern draußen sportlich betätigt, mit Ihnen im Garten herumtollt, beispielsweise auch den guten alten Purzelbaum übt, dann bekommen sie von ganz allein einen Bezug zum Sport. Sie früh an Bewegung heranzuführen, kann sehr hilfreich sein, und das geht bei uns im TSV beispielsweise schon mit MamaFit los, danach können die Kinder mit ihren Eltern zum Eltern-Kind-Turnen wechseln, bis sie dann in das Alter kommen, allein zum Turnen zu gehen.
Was wird beim TSV in Dörnberg sonst noch getan, um die junge Generation in Bewegung zu bringen? Sind Trendsportarten wie Hula-Hoop ein Thema?
Nadine Krekel: Wir versuchen, immer aktuell zu bleiben und Trendsportarten anzubieten, legen aber auch großen Wert darauf, die klassischen Sportarten nicht zu vergessen. Tatsächlich ist zu beobachten, dass unsere aktuellen Trendsportarten wie Hula-Hoop oder Jumping-Fitness mehr von den Erwachsenen genutzt werden und Kinder lieber zum Kinderturnen oder zur Leichtathletik gehen, zu meinen Tanzgruppen kommen und die älteren beim Parkour zu finden sind.
Wie wichtig ist Vereinssport neben der körperlichen auch für die mentale Gesundheit?
Justin Krekel: Es steht fest, dass sich Sport positiv auf unser Gehirn auswirkt. Sport sorgt für Glückshormone, und die wiederum helfen dabei, Stress und Angstgefühle abzubauen. Sport hebt die Stimmung, bessert die geistige Leistung und hemmt dazu die Schmerzwahrnehmung.
Heute ist Tag des Purzelbaums. Ist der in Zeiten von Corona noch ein Thema, schließlich kann man ihn ja überall schlagen?
Justin Krekel: Auf jeden Fall. Ein Purzelbaum stärkt unter anderem Bauchmuskeln und Rücken, wirkt sich außerdem positiv auf Gleichgewicht und Orientierung aus. Beim Parkour etwa sind die Purzelbäume ausgesprochen wichtig, um sich richtig abzurollen und dadurch Stürze besser abfedern zu können. (Sascha Hoffmann)
Nadine Krekel

Zur Person

Nadine Krekel (43) lebt mit ihrem Mann und Sohn in Ehlen. Sie arbeitet als Sekretärin und engagiert sich seit vielen Jahren im TSV Dörnberg. Seit 2015 ist sie Übungsleiterin der Tanzgruppe „Black Pearls“ und seit 2017 Vorsitzende des Vereins.

Justin Krekel

Zur Person

Justin Krekel (19) unterstützt sie seit 2019 als Jugendwart und trainiert außerdem die Parkour-Gruppe im TSV seit 2019. Seine Hobbys sind Parkour, Videos, Fotografie, Fahrradfahren und Drohnefliegen.  tsv-doernberg.de 

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