Für Wettflüge per Transporter ins Ausland

Taubensport: Viele müssen entkräftet notlanden, wie jetzt in Wolfhagen

Lara (links) und Emelie Matthaei mit Brieftaubenzüchter Edgar Bertram
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Notlandung: Lara (links) und Emelie Matthaei päppelten die Taube auf. Brieftaubenzüchter Edgar Bertram aus Teistungen bei Duderstadt ersparte ihr den restlichen Weg nach Hause und holte sie jetzt per Auto ab. 

Rund 750 Kilometer Luftlinie hat sie hinter sich gebracht, dann versagten ihre Kräfte: Eine Brieftaube aus Thüringen landete jetzt bei Familie Matthaei aus Wolfhagen.

Wolfhagen – Lara und Emelie entdeckten die Brieftaube in ihrem Garten, als sie am Wachtelstall immer auf und ab lief. „Die Mädchen haben sie dann gefüttert und ihr Wasser angeboten. Sie war sehr zutraulich“, berichtet Daniel Matthaei, der mit seiner Familie auf dem Wolfhager Teichberg wohnt. Auf den Rat eines Taubenkenners hin, fingen sie das Tier mit einem Wäschekorb ein.

Der Ring an ihrem Fuß mit Telefonnummer führte zu Edgar Bertram aus Teistungen im thüringischen Eichsfeld, der schon seit Tagen auf seine Taube gewartet hatte. Tage vorher war sie mit dem Taubenexpress nach Saint-Étienne bei Lyon gebracht worden. Sie sei ein erfahrenes Tier und hätte schon früher am Tag bis zu 600 Kilometer zurückgelegt, sagt er. Diesmal klappte es nicht. Knapp 100 Kilometer Luftlinie vor ihrem heimatlichen Schlag musste die Taube erschöpft notlanden.

Glück im Unglück

Sie hatte Glück im Unglück: Die Mädchen päppelten sie auf und ein paar Tage später kam Edgar Bertram vorbei und holte seine Taube nach Hause.

Ein langer Weg: Zwischen Wolfhagen und Saint-Étienne in Südfrankreich liegen gute 750 Kilometer Luftlinie.

Die Geschichte mit Happy End lässt allerdings bei Tierfreunden wie Angie Schulz von der Wildvogelhilfe in Stadt und Landkreis Kassel keine Freudentränen fließen. Sie erhält derzeit fast täglich Anrufe von Privatleuten, auch aus dem Wolfhager Land, bei denen im Garten eine entkräftete Brieftaube gelandet ist.

Körperlicher und psychischer Stress

„Der sogenannte Taubensport bedeutet für die Tiere eine riesige Kraftanstrengung und leider schaffen es viele nicht nach Hause. Die Brieftauben sind es gewohnt täglich mit Körnern gefüttert und auch getränkt zu werden. Sie kennen kein Brot wie die Kasseler Stadttauben“, so Angie Schulz. Das Wetter mit Hitze und Regen, Strommasten, Windrädern, Antennen oder die Flucht vor Raubvögeln verzögerten oder verhinderten den Rückflug. Die Tiere würden immer schwächer, seien dehydriert und verhungerten beziehungsweise fielen am Boden Katzen oder Wildtieren zum Opfer. Auch der Transport über hunderte von Kilometern bedeute puren körperlichen und psychischen Stress für die Tiere.

Auch der Deutsche Tierschutzbund hat jetzt ausdrücklich davon abgeraten, das Brieftaubenwesen in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufzunehmen, wie vom Land Nordrhein-Westfalen schon zum zweiten Mal vorgeschlagen. Der Verband kritisierte die Nominierung mit einem Schreiben an die zuständige Unesco-Kommission.

Ausbeutung statt Sport

Von der Zucht über die Haltung, das intensive Training und den Transport bis hin zu den Strapazen der Wettflüge seien Stress, Leid und Tod gang und gäbe. Es handele sich nicht um Sport, sondern um Ausbeutung, so Katrin Pichl, Fachreferentin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund.

Noch schlechter geht es laut Angie Schulz den einst entflogenen Brief- und Zuchttauben in Städten wie Kassel. Sie führten einen brutalen Überlebenskampf. In Zeiten des Lockdowns hätte selbst die nicht artgerechte Ernährung mit von Passanten weggeworfenen Essensresten gefehlt. Sie würden gehasst und verfolgt, dabei seien sie gefiederte „Straßenhunde“, die einst vom Menschen aus ihrer natürlichen Umgebung geholt worden seien. (Bea Ricken)

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