Lautstarker Abgang am steilen Hang

THW fällt Bäume bei Niederelsungen mit Sprengstoff

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Bohren unter abgestorbenem Geäst: 15 Löcher zur Aufnahme des Sprengstoffs wurden in die dickste, gut 200 Jahre alte Buche getrieben.

Weil die klassischen Methoden zum Fällen ausgereizt waren, wurden abgestorbene Buchen bei Niederelsungen gesprengt.

Wie Forstleute sehen sie nun wirklich nicht aus mit ihren blauen Schutzklamotten und den gelben Helmen. Das Vorhaben der uniformierten Truppe an diesem Samstag unterscheidet sich aber im Grundsatz nicht von dem normaler Forstleute. Es gilt, hinter der Niederelsunger Waldbühne, am Knechtenberg, sieben alte Buchen zu fällen. Aber statt mit der Kettensäge kommen die Blaukittel mit hochexplosivem Sprengstoff.

Förster Friedrich Vollbracht setzt seine ganze Hoffnung in die Uniformierten, die dem Technischen Hilfswerk (THW) angehören. Mit herkömmlicher Forsttechnik, sagt Vollbracht, komme man bei diesen Buchen, die durch die extrem trockenen Sommer der vergangenen beiden Jahre abgestorben sind, nicht weiter. Ein Forstarbeiter mit Motorsäge dürfe wegen der Gefahr herabstürzender Äste nicht an den Stamm. Und mit Harvester oder Teleskopmaschine erreiche man die Bäume nicht.

Kein Durchkommen: Während der Arbeiten galt ein Sicherheitsradius von 300 Metern.

Vier der Buchen sind besonders kritisch. Sie müssen als Erstes weg. Und so nahm man Kontakt mit dem Technischen Hilfswerk auf, das in Hessen zwei Ortsverbände mit dem Fachgebiet Sprengen in seinen Reihen hat – einer davon in Wächtersbach.

Aus Wächtersbach rücken sechs Spezialisten an, zu ihrer Unterstützung am Samstag ein Dutzend THW-Mitglieder des Ortsverbandes Wolfhagen. Das Kommando hat Ortrud Blatt, die Ortsbeauftragte der Gruppe aus dem Main-Kinzig-Kreis. Eine Sicherheitszone wird eingerichtet mit einem Radius von 300 Metern um den Einsatzort. Während der Wolfhager Zugtrupp sich um die Absperrung kümmert, erkunden die Wächtersbacher die Lage am Steilhang.

Kurz vor der Detonation: Der Sprengberechtigte Bernd Kolb (rechts) zündet den Sprengstoff elektrisch per Knopfdruck. Links im Bild Julian Höhn.

Schnell ist klar, mehr als die vier Buchen oberhalb des Weges wird man an diesem Tag nicht schaffen. Jeweils zwei sollen gemeinsam gesprengt werden. Die Stämme sind zwischen 50 und 70 Zentimeter dick, für jeden Baum muss eine individuelle Sprengstoffmenge errechnet werden. Mit einkalkuliert wird auch der Zustand des Stamms: Ist er noch stabil, im inneren schon faul oder gar hohl? Um das herauszufinden, werden Löcher in die Buchen gebohrt, drei Zentimeter im Durchmesser. Darin wird später auch der Sprengstoff platziert.

Bei der dicksten Buche werden 15 Löcher 20 Zentimeter tief in den Stamm getrieben. „Die Vibration der Bohrmaschine“, sagt Blatt, „ist nicht so stark wie bei einer Säge.“ Und damit ist die Gefahr deutlich geringer, dass durch die Arbeit am Stamm ein Ast- oder gar Kronenbruch ausgelöst werden könnte.

Unten am Spezialfahrzeug aus Wächtersbach wird die jeweilige Sprengladung vorbereitet. Der steile Weg nach oben zum Baum sei übrigens unproblematisch. „Der Sprengstoff allein ist extrem handhabungssicher und erst in Verbindung mit einem Zünder extrem gefährlich“, sagt Wolfgang Blatt, Ehemann der Einsatzleiterin. Die beiden Komponenten werden darum immer getrennt zum Baum getragen.

Nach der Explosion: Nur noch ein ausgefranster Stumpf steht von der Buche.

Gegen 15.30 Uhr ist das erste Baumpaar explosiv bestückt und verkabelt. Die THW-Mitarbeiter haben sich aus der Gefahrenzone zurückgezogen. Die Posten an der Sicherheitslinie geben per Funk durch, dass sich keine Menschen innerhalb der Sperrzone befinden. Bernd Kolb gibt ein erstes akustisches Warnsignal mit dem Horn, kurz vor der Sprengung ein zweites. Dann zählt er von fünf rückwärts und löst bei null die Detonation aus. Es rummst heftig, der eine Baum schlägt seitlich am Hang auf, Teile des zweiten krachen auf den Weg. Anders als mit der Säge lässt sich beim Sprengen die Fallrichtung eines Baums nicht bestimmen, sagt Ortrud Blatt, die aber mit dem Ergebnis sichtlich zufrieden ist.

Jetzt gilt es zu überprüfen, ob auch die komplette Ladung durchgezündet hat. Als Entwarnung gegeben wird, geht es wieder ran an den Hang. Zum nächsten Paar gehört auch die dickste Buche. Die Abläufe zum Vorbereiten der zweiten Sprengung wiederholen sich, nur dass die Detonation angesichts der höheren Ladung im Stamm des wuchtigen Baums heftiger ausfällt. Den Baum zerlegt es auf engstem Raum, ein unterhalb am Weg stehender Schuppen trifft nicht mal ein Splitter. Dann wird aufgeräumt und die Heimreise nach Wächtersbach vorbereitet.

Bei Gelegenheit wird die Truppe mit den gelben Helmen wiederkommen. Oben am Knechtenberg warten noch drei abgestorbene Buchen auf ihren lautstarken Abgang.

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