Leitstelle schickte keine Patienten in die Kreisklinik

Nach Amokfahrt in Volkmarsen: Wolfhagen musste nicht angefahren werden

Auch Rettungsdienste aus dem Landkreis Kassel waren am Montag in Volkmarsen im Einsatz. Allerdings brachten sie keine Verletzten in die Kreisklinik Wolfhagen.
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Auch Rettungsdienste aus dem Landkreis Kassel waren am Montag in Volkmarsen im Einsatz. Allerdings brachten sie keine Verletzten in die Kreisklinik Wolfhagen.

Mehr als 60 Menschen wurden bei der Amokfahrt in Volkmarsen verletzt. In der Wolfhager Klinik wollte man helfen, bekam aber keine Patienten zugewiesen.

Update vom 27.2.2020, 18.59 Uhr - Nachdem bekannt geworden war, dass ein Auto in den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen gerast ist, hatten sich auch die Mitarbeiter in der Kreisklinik Wolfhagen am Montag auf die Behandlung von Verletzten eingestellt. Mit Blick auf die Größe des Ereignisses meldete sich das Krankenhaus einsatz- und notaufnahmebereit.

Bis zu sieben Leute hätten in den beiden Operationssälen auf Patienten gewartet, weitere zwei Mitarbeiter seien in der Notaufnahme bereit gewesen, Verletzte zu empfangen und zu behandeln, sagte ein Klinikmitarbeiter gegenüber der HNA. „Doch die Rettungswagen kamen leer aus Volkmarsen zurück.“ Der Grund: Die Einsatzleitstelle, die die Verletzten auf die Krankenhäuser verteilte, ließ keine Patienten nach Wolfhagen bringen.

Das sorgt für Unverständnis in der ehemaligen Kreisstadt. Zwar wurde das Krankenhaus am Freitag als Notfallstandort abgemeldet. Als das Unglück in Volkmarsen passierte, war das Klinikpersonal aber an der Arbeit – und bereit zu helfen.

Über die Gründe, warum Patienten nach Kassel, Fritzlar, Paderborn, Göttingen und Bielefeld, aber nicht nach Wolfhagen gebracht wurden, gab es dann auch schnell Gerüchte. Demnach solle die Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) das Krankenhaus nicht angemeldet haben, sodass die Leitstelle Wolfhagen nicht auf dem Schirm gehabt haben soll.

Dem widerspricht GNH-Pressesprecherin Ulrike Meyer auf der Heide. „Alle Klinikstandorte der GNH haben aufgrund der Information über den Massenanfall von Verletzten ihre Notfallressourcen hochgefahren“, teilt sie mit. Auch Wolfhagen habe sich auf eine Versorgung von Verletzten vorbereitet und seine Aufnahmebereitschaft gemeldet. Allerdings seien weder nach Wolfhagen noch nach Hofgeismar Patienten gebracht worden. „Die Mehrzahl der Verletzten wurde auf Anweisung der Leitstelle in das nächstgelegene Krankenhaus Bad Arolsen gebracht. Mehrere Verletzte kamen zudem ins Klinikum nach Kassel.“

Die Entscheidung darüber, wohin Patienten bei einem Notfall gebracht werden, trifft die Einsatzleitung. Da das Unglück am Montag in Volkmarsen passierte, arbeitete diese von dort aus. Sie entschied, die Patienten in andere Krankenhäuser zu bringen, damit sie dort versorgt werden.

Bereit wären auch die Wolfhager gewesen. Wenige Minuten nach Bekanntwerden der Amokfahrt habe es für die Mitarbeiter in Wolfhagen ebenso wie für die in Bad Arolsen geheißen, dass sich beide Kliniken für die Aufnahme von Verletzten bereithalten sollten, so ein Mitarbeiter. Für ihn sei die Situation nur schwer zu ertragen gewesen, schildert der Mann. „Es war eine Katastrophe, nicht helfen zu können.“

Seinen Informationen zufolge sei die Notaufnahme im Rot-Kreuz-Krankenhaus in Kassel am Montag so überlaufen gewesen, dass Patienten hätten weggeschickt werden müssen. Und am Kassler Klinikum seien geplante operative Eingriffe wegen Volkmarsen und der Vielzahl an zu versorgenden Patienten ausgesetzt worden.

„Wir in Wolfhagen hätten operieren und Knochenbrüche versorgen können“, sagt der Klinikbeschäftigte und fügt hinzu: „Wir hätten die Menschen ja nicht stationär aufnehmen müssen.“

Er und seine Kollegen seien tief enttäuscht vom Verhalten des Klinikträgers GNH, der die stationäre Versorgung aussetzt. „Ich habe mich noch nie für meinen Arbeitgeber geschämt. Aber seit Montag ist das so.“

Landkreis: Wolfhagen war für Versorgung angemeldet

Bei einem sogenannten „Massenanfall von Verletzten“ – wie es am Rosenmontag in Volkmarsen der Fall war – handelt es sich um einen Rettungsdienst-Sonderfall außerhalb der Regelversorgung, erklärt Ann-Katrin Heimbuchner, Pressereferentin des Landkreises Waldeck-Frankenberg. In einer solchen Situation würden die lokalen Leitstellen bei den Nachbar-Leitstellen die Versorgungskapazitäten der benachbarten Krankenhäuser abfragen, um eine schnellst- und bestmögliche Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Das habe die Leitstelle des Landkreises am Montag getan. Die Leitstelle habe von der Leitstelle in Kassel die Information erhalten, dass das Krankenhaus Wolfhagen in der Lage sei, einen lebensbedrohlich verletzten Patienten und vier schwer verletzte Patienten erstzuversorgen. Notwendig wurde das laut Landkreis Waldeck-Frankenberg, dessen Leitstelle am Montag zuständig war, nicht.

„Grundsätzlich entscheidet die Einsatzleitung, in welche Klinik ein Patient eingeliefert wird – abhängig vom Grad und der Schwere der Verletzung“, erklärt Kreissprecherin Heimbuchner. Die Entscheidung werde nach medizinischen Gesichtspunkten getroffen. Lebensbedrohlich oder schwer Verletzte würden direkt in Fachkliniken oder Traumazentren gebracht, auch wenn diese weiter entfernt seien, aber eine spezifischere Versorgung gewährleisteten. Das erkläre auch, warum Patienten bis nach Göttingen, Paderborn, Bielefeld und Kassel gebracht worden seien.

Zudem, so Heimbuchner weiter, gelte es, die Patienten strategisch auf die Häuser zu verteilen. Bei einem Ereignis wie in Volkmarsen müsse man sich darauf einstellen, dass viele Menschen direkt in die nahe am Unfallort gelegenen Kliniken strömen. Um diese Häuser nicht zu überlasten, würden daher in die nahegelegenen Kliniken möglichst weniger Patienten eingeliefert, damit diese sich um die Menschen kümmern können, die unangemeldet in die Ambulanzen der Krankenhäuser kämen.

Bürgermeister aus Breuna war Augenzeuge: „Es war heftig“

Nach der Amokfahrt in Volkmarsen spricht sich ein Sicherheitsberater für stärkeren Schutz bei Veranstaltungen mit vielen Teilnehmern aus. Er sagt: "Eine freie Gesellschaft braucht Schutz". 

Diesen Rosenmontag wird Breunas Bürgermeister Jens Wiegand nicht vergessen. Er erlebte das Drama in Volkmarsen, als Maurice P. mit seinem Auto in die Zuschauermenge fuhr, aus nächster Nähe.

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