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Versorgung mit eigenem Strom

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Von: Bea Ricken

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Die Bürgerenergiegenossenschaft ist an mehreren Windparks in der Region beteiligt.
Die Bürgerenergiegenossenschaft ist an mehreren Windparks in der Region beteiligt. © Oliver Berg/dpa

Die BEG wurde vor zehn Jahren gegründet und das Vorstandsmitglied Iris Degenhardt-Meister gibt Auskunft über die Versorgung mit dem eigenen Strom

Wolfhagen – Die Bürger-Energie-Genossenschaft Wolfhagen (BEG) wurde vor zehn Jahren gegründet. Bis heute ist dieses Bürgerbeteiligungsmodell in Nordhessen etwas Besonderes. Wir sprachen mit Iris Degenhardt-Meister.

Frau Degenhardt-Meister, wo gibt es ähnliche Modelle in Deutschland?

Meines Wissens gibt es deutschlandweit nur in Wolfhagen und Jena ein Modell, dass sich eine BEG an einem kommunalen Stadtwerk als Gesellschafterin beteiligt und über Sitze im Aufsichtsrat des Stadtwerks verfügt.

Wo liegen Ihre Hauptaktivitäten?

Inhaltlich steht die Wahrnehmung der Gesellschafterrechte im Aufsichtsrat der Stadtwerke und bei den anderen Windpark-Beteiligungsgesellschaften im Vordergrund. In Zusammenarbeit mit unserem Fachbeirat Energieeffizienz entwickeln wir Förderprogramme zur Steigerung der Energieeffizienz in den Haushalten unserer Mitglieder und unterstützen die Bildungsarbeit in Schulen und Kindergärten im Bereich „Erneuerbare Energien und Klimaschutz“. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Sichtung von regionalen Energieprojekten, in denen weitere Mitgliedergelder wirtschaftlich eingesetzt werden können.

War die Gründung vor zehn Jahren aus heutiger Sicht sinnvoll ?

In jedem Fall. Es machte die Stadtwerke zukunftsfähig, indem eigene Anlagen wie Windpark Rödeser Berg und Fotovoltaikparks hinzukamen. Nun können die Stadtwerke eigene Stromprodukte anbieten und den Strompreis relativ stabil halten. Über die Genossenschaftsform ließ sich eine niedrigschwellige Beteiligung vieler Bürger organisieren. Teilhabe mit eigenem Beitrag zum Klimaschutz schafft Akzeptanz für die Erneuerbaren Energieerzeugung vor Ort. Das war gerade im Konflikt über den Bau des Windparks Rödeser Berg wichtig und gut zu beobachten. Entgegen aller Kritik aus den Reihen der Windparkgegner hat die Gesellschafterin Stadt keine Einbußen bei der jährlichen Gewinnausschüttung verzeichnen müssen, seither eher Mehreinnahmen für den städtischen Haushalt generieren können. Damit stehen der Stadt regelmäßig Geldmittel für freiwillige Leistungen zur Verfügung, die allen Wolfhager Bürgern zugutekommen.

...und was war der Auslöser für die Gründung?

Die Weitsicht und Initiative des damaligen Stadtwerke-Geschäftsführers Martin Rühl. Er erkannte früh die Notwendigkeit und die Chancen der Neuausrichtung der Stadtwerke im Energiesektor, hin zur Versorgung mit Erneuerbaren Energien. Nachdem zuvor die Stromnetze wieder erfolgreich übernommen worden waren, rief er die Klimaoffensive ins Leben und setzte damit die Initialzündung zum Grundsatzbeschluss des Stadtparlaments in 2008. Er entwickelte, beauftragt vom Stadtparlament, das Energiekonzept der Stadt maßgeblich mit, in dem die Stadtwerke beim Klimaschutz vor Ort eine große Rolle spielen sollten.

Haben sich Ihre Schwerpunkte in den vergangenen Jahren verändert?

Zu Beginn im Jahr 2012 hieß es, vielerorts präsent sein, um Mitglieder zu werben, damit wir innerhalb eines Jahres die Summe von 2,3 Millionen Euro für die Übernahme des Gesellschaftsanteils an den Stadtwerken zusammen bekamen. Eher als erwartet war das Kapital aufgebraucht, das Interesse an einer Mitgliedschaft jedoch ungebrochen. Seither gilt es, neue regionale Projekte zu prüfen und einzugehen, in die wir weitere Mitgliedergelder investieren können.

Mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie kämpfen?

Bei Gründung der BEG war nicht sicher, ob der geplante Windpark Rödeser Berg durch die Stadtwerke errichtet werden würde, für den die Stadtwerke mit einer mehrstelligen Summe für Kosten der Planung, Gutachten und Genehmigung des Windparks in Vorlage gegangen war. Die Baugenehmigung wurde erst 2014 erteilt. Für die Mitglieder der ersten Jahre stand nicht fest, ob das Energiekonzept der Stadt aufgehen und die Mitgliedschaft in der BEG eine befriedigende Dividende abwerfen würde. Die Bundespolitik der vergangenen zehn Jahre war für Erneuerbare-Energien-Projekte, insbesondere im Wege der Bürgerbeteiligung, nicht förderlich. Zudem hat das Interesse der Kommunalpolitik an der energiepolitischen Weiterentwicklung der Stadt Wolfhagen nachgelassen. Außerdem werden die persönlichen Grenzen der ehrenamtlichen und unentgeltlichen Tätigkeit der Ehrenamtlichen nach zehn Jahren spürbar. Es fehlt der Nachwuchs in unseren Gremien.

Was waren die Highlights der vergangenen zehn Jahre?

Ein Höhepunkt war die Einweihungsfeier des Windparks Rödeser Berg. Mit der Inbetriebnahme zeichnete sich ab, dass sich die Erwartungen der Gesellschafter Stadt und BEG an den neuen Geschäftsbereich der Stadtwerke mit einem Mehrertrag in Form von Windstrom, aber auch von Gewinn erfüllen könnten. Das Beteiligungsmodell stößt nach wie vor national und international auf großes Interesse. Wir haben zahlreiche Interviews gegeben, Vorträge auf Fachkongressen gehalten, Besuchergruppen empfangen. Das Beteiligungsmodell erhielt Auszeichnungen wie den 2. Platz beim „Stadtwerke Award“ in 2013 und war Gewinner des „Energy Awards“ des Handelsblatts in 2015. Meine persönlichen Höhepunkte waren Vorträge in Japan und bei der Energiegenossenschaft „Hepburn Winds“ in Australien (im Rahmen einer privaten Reise). Sowie die Interviews für „The GUARDIAN“ und die „China Times“.

Macht es Sinn, das mehr ihrem Beispiel folgen?

Wenn Bürger teilhaben am wirtschaftlichen Erfolg der sauberen Energieerzeugung, mitgestalten können und Verantwortung für ihren Energiekonsum vor Ort übernehmen, schafft es mehr Akzeptanz und Identifikation mit Erneuerbaren-Energie-Anlagen. Erfolgreiche dezentrale Energiekonzepte erhöhen die lokale Wertschöpfung. Dezentrale Strukturen sind weniger störanfällig gegen Angriffe und der überregionale Netzausbau braucht nicht so hohe Kapazitäten. Allein die Kombination von PV- und Windstrom führt zu einem hohen Energieversorgungsgrad aus eigenem Strom vor Ort. Der erzeugte Strom sollte dort verbraucht werden, wo er erzeugt wird. (Bea Ricken)

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