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Vom Ruhm eines Wolfhagers

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Von: Antje Thon

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Museumsleiterin Beate Bickel und Wolfgang Schiffner bereiten die neue Ausstellung vor – „Wen interessiert denn sowas?“ - Hans Stadens Brasilienreisen im 16. Jahrhundert.
Museumsleiterin Beate Bickel und Wolfgang Schiffner bereiten die neue Ausstellung vor – „Wen interessiert denn sowas?“ - Hans Stadens Brasilienreisen im 16. Jahrhundert. © Antje Thon

Hans Staden und das von ihm verfasste Buch, die Warhaftige Historia, sind Dreh- und Angelpunkt einer neuen Ausstellung, die vom 15. September bis zum 30. Oktober im Regionalmuseum zu sehen ist.

Wolfhagen – Die Bücher sind 465 Jahre alt und stammen aus einer Zeit, in der ihr Verfasser, der Brasilienreisende Hans Staden, noch lebte. Die beiden Originale von Stadens Warhaftiger Historia aus dem Jahr 1557 sind das Herzstück der Ausstellung im Regionalmuseum Wolfhager Land, die am Donnerstag, 15. September, eröffnet wird.

„Wie kaum ein anderes Werk hat Stadens Warhaftige Historia unser Wissen über die Frühzeit Brasiliens bereichert“, sagt Beate Bickel, die in diesen Tagen zusammen mit ihrem Team der Sammlung den letzten Schliff verleiht und die Exponate in den beiden Räumen arrangiert. Das Buch verbinde einen packenden Reisebericht mit der detaillierten Schilderung des Lebens der indigenen Bevölkerung, wie es in Europa bis dahin nicht bekannt war. Das erkläre die große Nachfrage nach dem Werk und die vielen Auflagen in der damaligen Zeit.

Staden sei durch seine Warhaftige Historia weltweit bekannt geworden. Da er seinen Reisebericht als Bürger Wolfhagens geschrieben habe, sei sein Wirken eng mit der Geschichte der Stadt verknüpft. Verknüpft mit der Ausstellung hingegen ist die Arbeit eines anderen Wolfhagers. „Diese Ausstellung gehört Wolfgang Schiffner“, sagt Bickel und betont dabei den wesentlichen Beitrag des Historikers am Gelingen der Präsentation. Seit Mai beschäftigt sich der Wolfhager, dessen Interesse an Hans Staden vor knapp 20 Jahren erwachte, mit der Schau.

In der Sonderausstellung werden schlaglichtartig bedeutende Ereignisse der Zeit beleuchtet. Hans Stadens Werk wird vorgestellt, es wird aufgezeigt, wer sich bereits in der Anfangszeit für den Reisebericht interessierte und welchen Einfluss das Werk auf andere Werke hatte. Die Ausstellung beginnt mit einer kurzen Einführung zur Stadt Wolfhagen im 16. Jahrhundert. „Wer war eigentlich Hans Staden?“ ist die Frage, die als nächstes interessiert. Zehn Acrylbilder nach den Holzschnitten des Originals von Ilse-Lore Bezzenberger aus Kaufungen mit erläuternden Texten in Ich-Form erzählen die Geschichte Hans Stadens nach. So werden die Besucher mit dem Inhalt der Warhaftigen Historia vertraut gemacht. „Mit Texten, Karten und Bildern soll vermittelt werden, was man um 1550 über Amerika wusste“, sagt Museumsleiterin Bickel.

Ausgehend von dem erstaunlichen Erfolg der Erstauflage im Jahre 1557 erfährt der Besucher etwas über zwei Leser dieses Buches aus dieser frühen Zeit: Professor Martin Crusius aus Tübingen und Kanzler Lamprecht Distelmeyer am Hof des brandenburgischen Kurfürsten in Berlin. Die Originale aus dem Besitz der beiden Gelehrten werden während der Ausstellung im Regionalmuseum gezeigt. Die Universitätsbibliothek Tübingen und die Marienbibliothek in Halle/Saale haben dem Regionalmuseum die wertvollen Erstausgaben leihweise zur Verfügung gestellt.

Besonders spannend: Während es sich bei dem 1557 in Marburg gedruckten Buch um ein „echtes“ Original handele, sei das andere Original eher eine Raubkopie, die parallel zur damaligen Buchmesse in Frankfurt gedruckt wurde, sagt Bickel. Heute lässt der Unterschied zwischen beiden Werken seinen Betrachter schmunzeln. Während das Marburger Buch die originalen Illustration enthält, finden sich in der Frankfurter Lektüre andere Holzschnitte, auf denen unter anderem Elefanten zu sehen sind, die es in Brasilien gar nicht gibt. Ein Fauxpas, wie er nur einem gewieften Geschäftsmann vor mehr als 450 Jahren passieren konnte, der mit allerlei Fremdheit und Exotik seine unwissende Leserschaft beeindrucken wollte.

Die Übertragungen ins Niederländische (1558) und Niederdeutsche (1561) lassen das wachsende Interesse an Stadens Werk erkennen. Die Aufnahme der Warhaftigen Historia in Sebastian Francks Anderer Teil des Weltbuchs trug zur weiteren Verbreitung bei. Schließlich wurden die lateinische Übersetzung und die deutsche Version des Buches in der großen Reisebuchsammlung von Theodor de Bry 1592/93 herausgegeben. Sie steht für die Aufnahme der Warhaftigen Historia durch die Leser in Europa. Als Beispiel für den Einfluss des Werkes wird das von einem Anonymus herausgegebene Wagnerbuch von 1593 vorgestellt. Es enthält bei Wagners fiktivem Besuch in Amerika erkennbare Bezüge zu Stadens Reisebericht. Und nicht zuletzt werden moderne Umarbeitungen, auch in Form von Comics eine Rolle spielen. (Antje Thon)

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