Schattenspiel am Grabmal

Vor Restaurierung alter Inschriften vom Schützeberg stand detektivisches Arbeiten

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Vor der Fertigstellung: Mit dem Druckluft-Meißel arbeitet Steinmetz-Meister Uwe Bächt die Schriftzüge auf den alten Grabsteinen der Wolfhager Familie Scheuermann nach. 

Elbenberg. So lange sollten die alten Grabsteine vom Schützeberg bei Wolfhagen eigentlich nicht in Uwe Bächts Lager in Elbenberg schlummern. Nach fast drei Jahren kehren sie wieder auf den kleinen Friedhof zurück.

Im Oktober 2015 hatte der Steinmetzmeister die tonnenschweren Grabmale der Familie Scheuermann (nach alter Schreibweise auch Scheurmann) vom Wolfhager Schützeberg abgeholt, um sie zu reinigen und die Schrift entsprechend dem Auftrag eines Nachfahren der einst unterhalb des Schützebergs als Papiermacher zu erheblichem Wohlstand gekommenen Familie aufzuarbeiten.

Der Auftraggeber aus Berlin starb zwischenzeitlich, familiäre Unstimmigkeiten bei den Erben brachten laut Uwe Bächt eine deutliche Verzögerung für das Projekt, das ursprünglich schon im Frühjahr 2016 mit dem Rücktransport der barocken Sandsteinplatten auf den Friedhof des Schützebergs abgeschlossen sein sollte.

Mittlerweile kam es zu einer Einigung bei den Scheuermann’schen Erben, die Finanzierung der Restaurierung von zumindest fünf der sieben Grabmale aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist gesichert, ein weiterer wird dank der finanziellen Unterstützung des Wolfhager Heimat- und Geschichtsvereins, bei dem vor Ort die Fäden für das gesamte Projekt zusammenlaufen, und des Sponsorings durch Meister Bächt überarbeitet.

Für den letzten Stein werden noch Finanzierungsmöglichkeiten gesucht. Dieses Exemplar wird wohl noch etwas länger in Elbenberg ausharren müssen, die übrigen sollen in einer knappen Woche wieder auf ihre angestammten Plätze auf dem Schützeberg gehoben werden.

In der Zwischenzeit hat Steinmetzmeister Uwe Bächt immer wieder an den historischen Kunstwerken gearbeitet. Am Anfang stand jeweils das Reinigen mit Wurzelbürste und Wasser, um Moos und Flechten zu beseitigen. An den Ornamenten – dazu zählt das Familienwappen mit einem Anker, darüber hinaus Kronen, Engel, Sanduhren und Totenköpfe – wurde nichts verändert. Allein in den zentral angeordneten ovalen Spiegeln mit dem Textfeld sollte nachgearbeitet werden: Dort galt es, die stark verwitterten Buchstaben herauszuarbeiten und zu ergänzen. Als Vorlage dienten dabei Aufzeichnungen aus den 1980er-Jahren, als die Inschriften noch etwas besser zu lesen waren. Allerdings stellte Bächt schnell fest, dass sich beim Aufzeichnen immer wieder Lesefehler eingeschlichen hatten.

Der 54-jährige Steinmetz machte sich deshalb selbst daran, Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort in zum Teil detektivischer Kleinarbeit zusammenzupuzzeln. Und zwar nach Einbruch der Dunkelheit in der finsteren Werkstatt. Die kleine Leuchte seines Handys hielt er dabei knapp über der Oberfläche des Steins, und selbst stark verwitterte Zeichen verrieten sich dann über den Schattenwurf.

Bibelzitate, die unter kurzen Daten der verstorbenen Person stehen, wurden mithilfe von Elbenberg Pfarrer Oliver Jussek und dessen Frau identifiziert. Erst dann wurde der komplette Schriftzug mit Bleistift markiert und mit scharfem Meißel eingeschlagen. Nun geben die Steine ihre Botschaft wieder gut lesbar weiter. Meister Bächt zu seiner Arbeit an den alten Grabsteinen: „Das hält jetzt wieder 100 Jahre.“

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