Hirsche im Wolfhager Land

Wild-Experte im Interview: „Wo soll das Rotwild denn noch hin?“

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Anerkannter Experte: Arnold Weiß ist seit zwölf Jahren Vorsitzender der Rotwildhegegemeinschaft Wattenberg-Weidelsburg. 

Sie sind die größten Wildtiere in unserer Region: die Rothirsche. Auch im Wolfhager Land gibt es einen kleinen Bestand, der nicht nur Freunde hat.

Rotwild bereichert aber nicht nur das Ökosystem, wertet nicht nur Jagdreviere auf und erfreut Naturliebhaber, es verursacht auch Schäden durch Verbiss und das Schälen von Bäumen. Das ärgert die Forstleute. Das Klimwald-Projekt, das aktuell im Wolfhager Land läuft und Lösungsansätze für einen zukunftsfähigen, robusten Wald liefern soll, sieht einen verstärkten Abschuss der Tiere vor. Wir sprachen darüber mit dem Vorsitzenden der Rotwildhegegemeinschaft Wattenberg-Weidelsburg, Arnold Weiß.

Herr Weiß, wie groß ist die Chance, dass man als Spaziergänger in den Wäldern des Wolfhager Landes einem Hirsch begegnet?

Arnold Weiß: Die ist sehr gering. Das Rotwild, ursprünglich ein Tier der offenen Landschaft, ist bei uns durch die dauernde Präsenz von uns Menschen in Wald und Feld zum heimlichen Waldbewohner geworden. Mit der dauernden Präsenz meine ich wirtschaftliche Tätigkeiten, Freizeitaktivitäten und die Jagd. Im übrigen gibt es in unserem Rotwildgebiet auch nicht sehr viele Tiere.

Wie groß ist die Population?

Weiß: Wir gehen von einer Population von 50 bis 80 Stück Rotwild aus. Das ist eine Schätzung. Ich neige eher zu 50 als zu 80 Tieren.

Wie hat sie sich über die zurückliegenden Jahre entwickelt?

Weiß: Die Statistik des erlegten Rotwildes seit dem Jahr 1970 zeigt ein dauerndes Auf und Ab – von keinem oder nur einem erlegten Stück Rotwild bis zur höchsten Strecke von 34 Stück in zwei Jagdjahren. Interessant ist: Wenn zwei bis drei Jahre mehr Rotwild erlegt wurde, kam es in den darauffolgenden Jahren immer zu niedrigeren Abschusszahlen. Einen solchen Einbruch erleben wir zurzeit, was auf einen Bestandsrückgang hinweist. Die Beobachtungen in den Revieren deuten ebenfalls in diese Richtung.

Wie geeignet ist der Lebensraum im Rotwildgebiet zwischen Oberelsungen, Wolfhagen und Naumburg?

Weiß: Die Gewichte des bei uns erlegten Rotwildes sind recht hoch, auch im hessenweiten Vergleich. Nimmt man das als Bezugsgröße – und eine andere haben wir nicht – ist der hiesige Lebensraum für das Rotwild gut.

Förster sehen das Vorkommen von Rotwild in ihrem Revier mit gemischten Gefühlen. Woran liegt das?

Weiß: Mit gemischten Gefühlen – das ist bei manchen Förstern recht vorsichtig ausgedrückt. So mancher möchte überhaupt keinen Hirsch und Co. in seinem Wald haben. Der Grund: Die Ansprüche des Rotwildes an seinen Lebensraum kollidieren mit den wirtschaftlichen Interessen von uns Menschen.

Wie groß waren Ihnen gegenüber als Vorsitzendem der Rotwildhegegemeinschaft bislang die Klagen der Forstleute über Schäden im Wald durch das Rotwild?

Weiss: Solange ich der Vorsitzende bin, das ist seit 2004, begleiten mich die Klagen der Forstleute über Schäden durch Rotwild. Auch der Rückgang der sogenannten Schälschäden auf 0,1 Prozent bei Buche und Fichte hat daran nichts geändert. Seit dem Beginn des Klimwald-Projektes hat der Druck durch dauerndes Klagen in der Öffentlichkeit zugenommen.

Das Klimwald-Projekt wurde ja ins Leben gerufen, um Antworten zu finden auf die Frage, wie sich der Wald angesichts des Klimawandels zukunftsfähig gestalten lässt. Dabei spielt das Wildtiermanagement eine große Rolle. Genauer gesagt: Dort, wo man die jungen Bäume vor Verbiss und Schälschäden bewahren will, soll verstärkt Reh- und Rotwild bejagt werden. Und es sollen auch mehr Äsungs- und Ruheflächen eingerichtet werden. Was bedeutet das aus Ihrer Sicht fürs Rotwild?

Weiß:Um die Belastung des Waldes durch sauren Regen ist es still geworden. Das war ja mal ein Riesenthema. Jetzt soll der Wald mit einer Klimaerwärmung nicht zurecht kommen. Nach Aussagen von Forstwissenschaftlern sind unsere Hauptbaumarten im Wirtschaftswald – Buche und Eiche, aber auch die Kiefer – durch den prognostizierten Temperaturanstieg nicht gefährdet. Die Fichte wird es an für sie ungünstigen Standorten schwerer haben. Es sieht also nicht so düster aus, wie es im Klimwald-Projekt dargestellt wird. Bevor darüber diskutiert wird, wo sensible Stellen im Wald sind, wo dann das Rotwild stärker bejagt wird, ist doch zu klären: Darf Rotwild auch in Zukunft bei uns leben? Gestehen wir ihm einen Lebensraum zu? Akzeptieren wir gewisse Einschränkungen für uns? Und wenn ich höre, verstärkt jagen: Wo soll der Hirsch oder die Hirschkuh mit ihrem Kalb denn hin? Überall, wo sie ihren Äser nach einem Bäumchen ausstrecken, müssen sie weg oder sollen totgeschossen werden.

Sie haben Ihre Zusammenarbeit mit der Klimwald-Projektgruppe eingestellt. Wäre es nicht sinnvoller, dabei zu bleiben, Einfluss zu nehmen und zu versuchen, das Beste fürs Wild herauszuholen?

Weiß: Von Beginn des Klimwald-Projektes an, ja schon während der Projektantrag erarbeitet wurde, haben wir versucht, eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu erreichen. Leider ohne Erfolg. Die Hoffnung, dort etwas Entscheidendes fürs Wild heraus zu holen, habe ich aufgegeben. Egal, was an kleinen Maßnahmen nun diskutiert wird – Wildwiesen im Wald, Wildruhezonen oder sonstiges – die Grundeinstellung von Klimwald können wir nicht ändern. Zu den Grundeinstellungen gehören: Der Klimawandel ist dramatisch für unsere Wälder; Schalenwild verhindert den Umbau der Wälder, Schalenwild ist Verursacher wirtschaftlicher Schäden und diese zu tragen, akzeptieren wir nicht. Es gilt also ganz klar: Wald vor Wild.

Aus Ihrer Sicht: Ist Rotwild in unseren Breiten eher Belastung oder Bereicherung?

Weiß: Wir haben kein Wald-Wild-Problem, sondern ein Mensch-Wild-Problem. Wenn es uns gelingt, dies zu lösen, ist Rotwild wie jedes andere freilebende Tier eine Bereicherung.

Wo sehen Sie die Rotwildpopulation im Bereich der Hegegemeinschaft Wattenberg-Weidelsburg in 25 Jahren?

Weiß: Ich bin optimistisch, dass wir auch in 25 Jahren hier in unserer Heimat Rotwild haben und stolz darauf sind.

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