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20-jährige Ukrainerin erlebt Albtraum, der nicht enden will

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Von: Bea Ricken

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Angekommen in Wolfhagen (Kreis Kassel): Nach der Flucht aus der Ukraine wünscht sich Amina Tyshchenko endlich Frieden und Stabilität für ihr Land.

Wolfhagen – Es ist ein ganz normaler Tag im Leben von Amina Tyshchenko. Sie trifft sich am 23. Februar nach der Uni mit einer Freundin im Café in Irpin. Fotos zeigen zwei ausgelassene junge Mädchen. Es gibt noch mehr Schlaglichter von diesem Tag: Kyrill, Aminas Bruder, grinst frech in die Kamera, den Fußball im Arm. Kater Jymik liegt entspannt im Bücherregal.

Dann geschieht das Unbegreifliche, was Amina bis heute traumatisiert und wie ein nie endender Albtraum Tag und Nacht verfolgt: „In der Nacht zum 24. Februar hat sich mein Leben von einem Moment auf den anderen verändert.“ Ihr großer Bruder weckt sie um fünf Uhr, als die ersten Kriegsflugzeuge über den Vorort von Kiew donnern, der vier Wochen später in Trümmern liegen wird. Amina, ihre drei jüngeren Geschwister Sofia, Margarita und Kyrill hören Sirenen, sie stehen unter Schock. Wie damals, vor drei Jahren, als die Mutter an Krebs starb.

Starke junge Frau: Amina Tyshchenko ist mit ihren jüngeren Geschwistern, Hund und Katze vor dem Krieg geflohen. Sie ist Deutschland für die Hilfe sehr dankbar.
Starke junge Frau: Amina Tyshchenko ist mit ihren jüngeren Geschwistern, Hund und Katze vor dem Krieg geflohen. Sie ist Deutschland für die Hilfe sehr dankbar. © Bea Ricken

Kreis Kassel: Amina aus der Ukraine hat den Angriff Russlands miterlebt

Die Kinder sehen im Morgengrauen Autoschlangen vor ihrem Fenster, die Menschen flüchten in Panik aus Irpin. Es heißt, die russischen Bodentruppen sind im Anmarsch.

Aminas Vater und der große Bruder sind unterwegs, sie müssen sich als kriegsfähige Männer melden. Amina ist mit der Situation ganz allein. „Ich habe am Tag noch Medikamente und Lebensmittel gekauft“, erinnert sich die damals 19-Jährige. Sie packt mit ihren Geschwistern nur das Nötigste zusammen, eine Jeans, einen Pullover, Dokumente, mehr geht nicht. Denn auch July, der Hund, und Kater Jymik dürfen nicht zurückbleiben. Die Kinder haben sie einst von der Straße gerettet. Die kleine Familie bringt sich im Keller von Aminas Uni in Sicherheit und verbringt die Nacht schlafend auf ihren Jacken.

Angst im Keller der Uni: Die erste Nacht nach Kriegsausbruch haben die Tyshchenkos noch in Irpin verbracht.
Angst im Keller der Uni: Die erste Nacht nach Kriegsausbruch haben die Tyshchenkos noch in Irpin verbracht. © Amina Tyshchenko

Flucht aus Irpin in den Kreis Kassel: Angst vor sexueller Gewalt

Am nächsten Morgen sehen sie überall in Irpin russische Soldaten mit Gewehren patrouillieren. Amina wächst über sich hinaus. „Ich wusste nur, ich muss meine Schwestern schützen.“ Die ersten Nachrichten von sexueller Gewalt gegen Frauen machen die Runde. Amina entschließt sich, zu gehen. Ihr Vater unterstützt das Vorhaben. Er hat Angst um seine Kinder. Ein Freund der Familie hilft bei einer riskanten Flucht aus der Stadt und fährt die Kinder und die Tiere zum Zug. Sie werden ihn nie wieder sehen, er gehört zu den zahllosen Toten von Irpin und Butscha.

In der Hoffnung, doch im Land bleiben zu können, steigt Amina mit ihren Geschwistern in einen überfüllten Zug nach Lviv. Videos zeigen, wie die Menschen auf den Boden sitzen, am Zugfenster zieht die verschneite Landschaft vorbei. Doch auch in Lviv bleibt es nicht friedlich in diesen ersten Tagen des Krieges. Und erneut flüchtet die Familie in den Westen der Ukraine. In Mukaschewo hört Amina, dass eine kirchliche Hilfsorganisation aus Deutschland Kriegsflüchtlinge in Sicherheit bringt. Sie zögert keine Minute, im Ohr den Ratschlag des Vaters: „Gehe zur Kirche, da wird Dir geholfen.“ Die Familie war selbst in der Kirche von Irpin aktiv.

Wolfhagen (Kreis Kassel): Familienzusammenführung nach Flucht aus der Ukraine

Im Bus der Ukrainehilfe Wolfhagen verlässt Amina über Nacht schließlich ihr Heimatland. Sie fühlt sich entwurzelt, verzweifelt aber auch erleichtert. Jeder Kilometer, den sich das Fahrzeug weiter von der Ukraine entfernt, bereitet ihr fast körperliche Schmerzen.

Weil Amina mit Minderjährigen eingereist ist, kommen die Kinder im Landkreis zunächst in einer Pflegefamilie unter. Die deutsche Kultur, die Essensgewohnheiten, alles ist ungewohnt. Das Heimweh ist groß. Die erste Zeit ist hart für Amina und die Geschwister, die sich auch in der deutschen Schule zurechtfinden müssen.

Dann verändert sich die Situation schlagartig, als einige Wochen später auch Aminas Großmutter flüchtet und ebenfalls nach Deutschland einreist. Das Jugendamt des Kreises kümmert sich schnell um eine Familienzusammenführung und die Großmutter, Amina und die Geschwister samt Hund und Katze dürfen bei einer Familie in Wolfhagen einziehen.

Großmutter aus der Ukraine kocht in Wolfhagen wie in der Heimat

Die Ukrainer sind überglücklich. Die Oma übernimmt sofort das Regiment in der Küche, seitdem stehen auch wieder Borschtsch und gefüllte Nudeltaschen auf dem Essensplan.

Familienzusammenführung: Sofia, Maria, Kyrill, Amina und hinten Margarita Tyshchenko sind wieder vereint.
Familienzusammenführung: Sofia, Maria, Kyrill, Amina und hinten Margarita Tyshchenko sind wieder vereint. © Bea Ricken

Die Geschwister Kyrill, Margarita und Sofia finden schnell Freunde. Kyrill ist im Verein aktiv. Amina hat in der Ukraine Jura studiert und erhält derzeit die Möglichkeit, ihr Studium in den kommenden Monaten online abzuschließen. Im Moment lernt sie fleißig Deutsch und wünscht sich, so schnell wie möglich arbeiten zu können. Parallel bildet sie sich im IT-Bereich fort.

Familie aus der Ukraine landet im Kreis Kassel: Flucht nach Deutschland ist kein Happy End

Kater Jymik, der Wochen braucht, um sich von dem Schock der Flucht zu erholen, darf jetzt sogar nach draußen und findet deutsche Mäuse nicht weniger spannend als ukrainische. Amina hat eine deutsche Freundin, mit der sie sich auf Englisch unterhält und Kontakt zu anderen Ukrainern. Oberflächlich betrachtet hat sich für Amina und ihre Familie vieles zum Guten gewendet. Doch als Happy End sieht es die 20-Jährige nicht.

„Als ich die Bilder nach der Besetzung von Irpin und Butscha gesehen habe, wollte ich nur noch sterben.“ Amina hat schreckliche Angst um ihre Familie in der Ukraine, darunter auch ihre pflegebedürftige 90-jährige Urgroßmutter. Eine Perspektive für eine Rückkehr in ihr Land sieht sie in den nächsten Jahren nicht: „Unser Haus ist zerstört, die Uni, die Schule der Kinder, die Infrastruktur.“ Viele Freunde aus der Uni sind nicht mehr am Leben.

Am Unabhängigkeitstag der Ukraine (24. August) wünscht sich Amina, dass ihre Familienangehörigen überleben, dass endlich Frieden und Stabilität einkehren und dass die Ukraine in die europäische Familie aufgenommen wird. „Ich habe mich in Deutschland und die Menschen verliebt. Aber mein Herz gehört der Ukraine.“ (Bea Ricken)

Für einen anderen Geflüchteten aus der Ukraine hatte die Flucht viel Gutes: Nachdem der 66-Jährige 10 Jahre im Rollstuhl gesessen hat, kann er nach einer Operation in Wolfhagen wieder laufen.

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