Wirrwarr um Klinik-Zukunft

Streit um das Krankenhaus in Wolfhagen spitzt sich zu

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Wird sie geschlossen oder nicht? Die Klinik in Wolfhagen.

Aus dem Streit um die Schließung die Klinik in Wolfhagen ist nun ein großes Wirrwarr entstanden.

Für den gestrigen Mittwoch war eine Pressemitteilung angekündigt worden von Stadt und Landkreis Kassel – und damit von den beiden Gesellschaftern der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH), zu der die Klinik in Wolfhagen gehört. Nach Informationen unserer Zeitung sollte darin eine Einigung über die Zukunft des Krankenhauses in Wolfhagen verkündet werden, nachdem es zu einem Spitzengespräch zwischen Landrat Uwe Schmidt und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (beide SPD) gekommen war.

Eine Pressemitteilung wurde dann auch veröffentlicht – allerdings ohne wesentlich neuen Inhalt. Geselle, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender der GNH ist, kündigte an, an der Neuausrichtung der Holding festhalten zu wollen. Das heißt: Gesundheitszentrum ohne stationäres Angebot statt Klinik in Wolfhagen. Schmidt erklärte, sich an den Kreistagsbeschluss halten zu wollen. Priorität hat demnach der Erhalt eines stationären Angebots. Falls es niemanden gäbe, der ein Krankenhaus in Wolfhagen betreiben wolle, sei das GNH-Konzept ein Angebot, mit dem sich der Landkreis sehr ernsthaft beschäftige, erklärte Schmidt.

Das konkrete Konzept der Holding für Wolfhagen wollte GNH-Chef Dr. Michael Knapp eigentlich gestern in einer nicht-öffentlichen Sitzung Mitgliedern des Kreistags vorstellen. Nicht einmal eine Stunde vor Beginn der Sitzung habe er allerdings abgesagt. Er habe zur Bedingung gemacht, dass der Landkreis die einstweilige Verfügung zurückziehe, der das Landgericht Kassel im Oktober stattgegeben hatte, sagte Kreissprecher Harald Kühlborn. Die Verfügung verbietet es der GNH derzeit, die Schließung der Klinik in Wolfhagen voranzutreiben. Eine Zuwiderhandlung würde GNH-Chef Knapp laut Gerichtsurteil 250 000 Euro kosten. Deshalb kam er nicht.

Bei den anwesenden 40 Kreistagsmitgliedern habe die Absage wegen der Kurzfristigkeit für Unverständnis gesorgt, da die Sitzung extra für die Vorstellung des Konzeptes anberaumt worden war. „Wir hatten das Gefühl, es bewegt sich was. Nun kommt so was“, sagte Kühlborn.

Wolfhagen ist kein Einzelfall

Kliniken der Grundversorgung unter 150 Betten sind überall in Deutschland akut gefährdet. Das sagt der Medizinökonom Prof. Boris Augurzky vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung gegenüber der HNA. Insofern sind die Probleme der Klinik in Wolfhagen mit ihren 84 Betten kein Einzelfall. Die Zukunft kleiner Krankenhäuser werde landauf, landab diskutiert – meistens sind sie nicht zu retten. „Zumindest nicht in der heutigen Form“, sagt Augurzky.

Denn: Die Kliniken würden in der Mehrzahl ja nicht einfach plattgemacht, sondern es entstünden andere medizinische Angebote an deren Stelle – zum Beispiel Tageskliniken oder Gesundheitszentren. „Es wird nur nicht stationäre Betten geben wie bisher“, sagt der Experte.

Medizinökonom Prof. Boris Augurzky

Auch Fachkliniken statt Grundversorger könnten eine Lösung sein. Sie würden sich wirtschaftlich meist tragen. Aber: Eine auf ein Krankheitsbild spezialisierte Klinik helfe der Bevölkerung wenig. „Die Allgemeinheit hat wenig davon“, so Augurzky.

Zudem müsse eine solche Fachklinik auch einen anerkannten Chefarzt gewinnen, der Patienten überregional überzeugt, das Krankenhaus aufzusuchen.

Oft, so der Professor, gelte: Je mehr Fallzahlen ein Krankenhaus hat, umso besser sei die medizinische Qualität der Klinik. Rein medizinisch gebe es also keine Argumente für den Erhalt von kleinen Grundversorgern. Bei den Menschen existiere dagegen eine „gefühlte Qualität“, die mit der örtlichen Nähe zu tun hat. Prof. Augurzky: „Viele denken eben: Hauptsache, ich habe überhaupt einen Arzt in der Nähe.“

Kleine Kliniken hätten jedoch auch Probleme, weil medizinische Pflegekräfte und zum Teil auch Ärzte Mangelware seien. „Die werden überall mit Handkuss empfangen.“ Die Folge: Das heiß begehrte Personal wechsele an große Krankenhäuser und verlasse die kleinen Kliniken.

HNA-Lesertreff in der Stadthalle

Der HNA-Lesertreff findet nicht wie geplant in der Wolfhager Kulturhalle statt. Grund ist, dass die Heizung dort defekt ist. Die Stadt Wolfhagen stellt daher die Stadthalle, Kurfürstenstraße 20, zur Verfügung. Los geht es wie geplant um 19 Uhr. Auf dem Podium dabei sein werden GNH-Chef Michael Knapp, Landrat Uwe Schmidt, Wolfhagens Bürgermeister Reinhard Schaake, der Wolfhager Arzt Dr. Matthias Hughes und der Kasseler Kardiologe Prof. Dr. Rainer Gradaus.

Update am 15.11.2019 - Die geplante Schließung der Kreisklinik in Wolfhagen erhitzt die Gemüter, wie sehr, wurde beim Lesertreff in der Wolfhager Stadthalle deutlich: Es gab eine hitzige Debatte und ein Redeverbot für den GNH-Chef.

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