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19-Jähriger kapert im Bürgermeisterwahlkampf Web-Adresse

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Von: Antje Thon

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Das Rathaus von Wolfhagen.
Am 12. März entscheidet sich, wer Wolfhagens neuer Bürgermeister wird und künftig im Rathaus arbeiten wird. © Antje Thon

Ein Student hat sich im Bürgermeisterwahlkampf in Wolfhagen eine Web-Adresse mit dem Namen eines Kandidaten gesichert und Besucher der Domain auf die Seite des SPD-Bewerbers geleitet.

Wolfhagen – Wer sich in den vergangenen Wochen im Internet über Dr. Dirk Scharrer, einen von vier Bürgermeisterkandidaten in Wolfhagen, informieren wollte, landete mit großer Wahrscheinlichkeit auf der Homepage des Mitbewerbers Jens Vial. Verantwortlich dafür ist ein junger Mann aus Wolfhagen, der sich die Domain dirkscharrer.de gesichert hatte. Jeder, der unter dieser Adresse im Netz nach Dirk Scharrer suchte, wurde auf die Seite von SPD-Kandidat Jens Vial umgeleitet.

Scharrer, der als parteiunabhängiger Kandidat antritt, aber von der CDU unterstützt wird, hat über Denic, die in Deutschland zuständige Domain-Verwaltungsstelle, die Identität des jungen Mannes ermittelt. Als Anwalt und zudem mit Nachweis eines berechtigten Interesses in Zusammenhang mit seinem Namen habe er von Denic Auskunft erhalten. Gegen Androhung einer Strafe von bis zu 5000 Euro habe er den 19-Jährigen aufgefordert, eine Verpflichtungs- und Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Dies sei gestern erfolgt, so der Kandidat. Laut Scharrer handelt es sich bei dem Vorfall um ein zivilrechtliches Vergehen, bei dem sein Recht am eigenen Namen verletzt wurde. Eine strafrechtliche Relevanz besitzt der Vorfall nicht. Scharrer hat den Studenten aufgefordert, künftig derartige Handlungen im Zusammenhang mit seiner Person zu unterlassen.

Dr. Dirk Scharrer
Dr. Dirk Scharrer, parteiunabhängiger Bürgermeisterkandidat in Wolfhagen. © Privat
Jens Vial
Jens Vial, Bürgermeisterkandidat der SPD in Wolfhagen. © Privat

Wie der junge Sozialdemokrat auf HNA-Anfrage sagt, habe er sich mittlerweile bei Scharrer entschuldigt. Er habe festgestellt, dass sein Vorgehen, das als Scherz gedacht und auf das er zuvor im Bundestagswahlkampf aufmerksam geworden war, zu einem Konflikt geführt habe. Er habe nicht nur Dirk Scharrer verärgert, sondern auch Jens Vial, dem er ohne dessen Wissen mit seiner Aktion habe helfen wollen. „Ich wollte eine möglichst große Reichweite für uns erzielen“, so der Wolfhager, der in diesem Jahr sein Abitur an der Walter-Lübcke-Schule gemacht hat. Wie viele Klicks er über die Verknüpfung beider Internetadressen zugunsten des SPD-Bewerbers erreicht hat, könne er nicht sagen, da es sich bei dirkscharrer.de um eine Internetadresse, nicht aber um eine Homepage gehandelt habe.

Es sei schon einige Zeit her, als er sich die Domain dirk-scharrer.de habe schützen lassen, sagt der 55-Jährige, der sich im März nächsten Jahres zum Bürgermeister Wolfhagens wählen lassen möchte. Umso überraschter war er, als er vor wenigen Wochen hörte, dass Personen, die sich im Internet über ihn schlaumachen wollten, auf der Homepage seines Mitbewerbers von der SPD, Jens Vial, landeten.

Inzwischen hat Dirk Scharrer denjenigen, der sich die sehr ähnlich lautende Internetadresse dirkscharrer.de hat schützen lassen, ausfindig gemacht, zur Rede gestellt und aufgefordert, die Domain zu löschen und Handlungen dieser Art zu unterlassen. „Ich will die Geschichte nicht so hoch hängen. Dennoch bin ich enttäuscht“, sagt Scharrer, der sich erst nach HNA-Anfrage zu dem Vorfall geäußert hat. Scharrer kennt den 19-Jährigen gut, beide sind im gleichen Verein.

Dem jungen Mann habe beim Sichern der Domain mit den Inhalten Dirk und Scharrer auffallen müssen, dass ähnlich lautende Internetadressen bereits existieren. Wer sich als Urheber um eine Domain bemühe, müsse beim Anbieter prüfen, ob diese noch frei sei – das geschieht beim Kauf oft automatisch. Einfach einen Bindestrich wegzulassen oder hinzuzufügen reiche aus Sicht Scharrers nicht aus, um auf der sicheren Seite zu sein. Er betrachtet den Vorfall als eine Verletzung des Rechts am eigenen Namen. Dabei spiele vor allem der Kontext eine Rolle, so der Jurist, der davon überzeugt ist, dass der 19-Jährige nicht allein gehandelt hat und es zumindest Mitwisser gibt. Wer ihn im Netz google, werde relativ zügig fündig. Als Regisseur, Film- und Fernsehproduzent, Jurist und Unternehmer habe er im Internet die eine oder andere Spur hinterlassen.

Wie der junge SPD-Mann gegenüber der HNA sagte, habe er sich im August überlegt, wer bei der Bürgermeisterwahl für die CDU ins Rennen gehen könnte. Daraufhin habe er sich mehrere Domains, die alle frei waren, gesichert. Als die Kandidatur festgestanden habe, habe er die übrigen Adressen mit Namen der nicht infrage kommenden Personen wieder gelöscht. Über dirkscharrer.de habe er schließlich sämtliche Besucher zur Homepage von Jens Vial, den SPD-Kandidaten, geleitet. „Es sollte ein Scherz sein“, sagt er. Er habe humorvoll auf Scharrers Fehler hinweisen wollen, dass dieser es versäumt habe, die entsprechende Web-Adresse zu registrieren. Im Bundestagswahlkampf habe es ähnliche Fälle gegeben, bei denen Parteien düpiert wurden, die es verpasst hatten, ihnen wichtige Domains zu sichern.

So hatte im Wahlkampf 2021 die SPD den Grünen eine Internetadresse weggeschnappt und ihnen angeboten, die Domain gegen Spende von zwölf Euro an die Hans-Böckler-Stiftung zu übertragen. In einem anderen Fall war es die CDU, die von der Hilfsorganisation Sea-Eye bloßgestellt wurde, weil diese sich eine Internetadresse gesichert hatte, die gut in den Wahlkampf der Union gepasst hätte. „Es war ein doofer Scherz, ich habe daraus gelernt“, so der Student.

SPD-Kandidat Jens Vial zeigte sich ob der Aktion seines jungen Parteikollegen stinksauer. Am Freitagnachmittag habe er erfahren, wer hinter der Geschichte steckt. Er habe mit der Person ein sehr ernstes Gespräch geführt. Seit wenigen Tagen ist die Adresse dirkscharrer.de abgeschaltet. Vial beteuert, nichts vom Vorgehen des 19-Jährigen gewusst zu haben. Am 3. Oktober habe er festgestellt, dass im Netz „etwas merkwürdig läuft“. Er habe mit Vertrauten gesprochen, die sich darauf keinen Reim machen konnten. In seinem Wahlkampfteam und innerhalb der SPD habe er sich erkundigt, ob jemand aus den eigenen Reihen dahinterstecken könnte. Ende vergangener Woche habe er die betreffende Person ausfindig gemacht und diese aufgefordert, die Domain sofort zu löschen. „Mich ärgert das Ganze unheimlich. Das ist überhaupt nicht mein Stil“, sagt Jens Vial. (Antje Thon)

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