„Es verändert das Gehirn“

Psychologin warnt: Smartphones zerstören Bindung zum Kind

+
Sinnvoller Umgang mit dem Smartphone: Die Referentin beim Fachtag, Theresia Maria Wuttke, appelliert an Eltern, sich bewusst mit dem Thema Smartphonenutzung auseinanderzusetzen.

Wolfhagen. Wie verändert die Smartphonenutzung das Gehirn von Kindern? Darüber spricht Theresia Maria Wuttke am heutigen Freitag ab 19.30 Uhr in der Wolfhager Stadthalle. Wir sprachen vorab mit ihr.

Frau Wuttke, wann haben Sie zuletzt auf Ihr Smartphone geschaut?

Theresia Maria Wuttke: Ich schaue grundsätzlich einmal morgens und am Abend auf mein Handy, um meine E-Mails zu lesen, die mich erreichen, am Wochenende ist es aus, im Urlaub grundsätzlich. Es ist für mich eine Informationsmöglichkeit, wie Telefonieren und Briefe schreiben.

Was macht aus Ihrer Sicht das Smartphone mit dem Gehirn von Kindern?

Wuttke: Das Gehirn wird durch den Gebrauch eines Smartphones in seinen vielfältigen Möglichkeiten, sich über seine Beziehungen zu anderen Menschen, seine Sinne, seine Bewegungsabläufe zu entwickeln, deutlich auf wenige Abläufe reduziert, der Fokus liegt auf der visuellen Wahrnehmung und auf dem Streichen oder Drücken der Smartphone-Oberfläche. Wie es die aufgenommenen Eindrücke verarbeitet, wissen wir noch nicht vollumfänglich, weil hier völlig andere Verschaltungen innerhalb der Synapsen stattfinden und die neuronalen Verbindungen andere Verschaltungen vornehmen, die sich auf die kindliche Entwicklung auswirken.

Was wir mit Sicherheit sagen können: So, wie wir unser Gehirn nutzen, so wird es, wir prägen es mit jeder Handlung, mit all dem, was und wie wir etwas tun. Stellt sich die Frage: Will ich als Vater und Mutter, dass mein Kind sich auf diese Weise entwickelt? Was geschieht, wenn so vielfältige Erfahrungen gar nicht ausreichend angeregt werden, nicht in Erfahrung gebracht werden? Kann ich soziale und emotionale Kompetenz mit meinem Smartphone lernen? Wie lerne ich Empathie? Welche Intelligenzen werden gefördert? Was bewirken die vom Handy ausgehenden Strahlungen?

Gefährden handyfixierte Eltern die Entwicklung und Gesundheit ihrer Kinder?

Wuttke: Wenn einem Kind der soziale Kontakt und die sich entwickelnde Bindung zwischen ihm und seinen Eltern fehlt, kann es sich aus meiner Sicht nicht zu einem gesunden Menschen in Körper, Geist und Seele entwickeln. Auf eine Befragung von Erzieherinnen in unserem Landkreis, wie es um die Bindung der Kinder zu ihren Eltern steht, war die Antwort: Ein Drittel aller Kinder in den Kindergärten hat durch die Nutzung des Smartphones durch die Eltern keinen ausreichenden Kontakt zu den Eltern.

Wie sollen Eltern einen sinnvolleren Umgang mit dem Smartphone vermitteln, wenn sie es selbst nicht hinbekommen?

Wuttke:Jede Veränderung beginnt bei mir.

Sind Sie dafür, Kindern das Smartphone grundsätzlich zu verbieten?

Wuttke: Ich halte nichts von Verboten, aber eine Menge davon, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, das Für und Wider abzuwägen, einen sinnvollen Gebrauch zu definieren und es dann umzusetzen.

Welche Alternativen zur Handynutzung schlagen Sie vor?

Wuttke:In erster Linie Liebes- und Lernpartner für mein Kind zu sein, damit es seine Potenziale entfalten kann, sich mit seinen Begabungen und seiner Lebensfreude und Vitalität erfahren kann. Meine Beziehung zu mir selbst und anderen Menschen zu pflegen und zu gestalten, darin mein Kind anzuregen, es auch zu tun.Mutig zu sein, Neues auszuprobieren, mit Niederlagen umgehen lernen, die Fähigkeit zu entwickeln, Krisen zu bewältigen, mit meinem Kind die Natur zu entdecken, eine Beziehung zu allem, was lebt zu entwickeln und es zu achten und wertzuschätzen. Neugierig zu sein und jeden Tag mich an all den vielen Möglichkeiten zu erfreuen, die mir das Leben in jedem Moment in Fülle zur Verfügung stellt. 

Zur Person

Theresia Maria Wuttke

Theresia Maria Wuttke ist Bankkauffrau, Pädagogin, Tiefenpsychologin, Meditationslehrerin-Zen, Autorin, Business-Management Coach und Consulterin, Lehr-und Master-Coach. Sie bildet neben anderen Aufgaben seit 30 Jahren Führungskräfte in integraler Unternehmens-und Personalentwicklung aus und weiter. Sie war Vortragsrednerin des Jahres 2011 für wertebasierte und prozessorientierte Unternehmens-Personalentwicklung und wurde 2015 zur Unternehmerin des Jahres gekürt.

Immer mehr Eltern schauen aufs Handy statt zum Nachwuchs

Die Mitarbeiter des Wolfhager DRK-Familienzentrums erleben es immer häufiger, dass schon Babys das Smartphone ihrer Eltern in den Händen halten und auf die sich bewegenden Bilder starren. Und es geht noch schlimmer: Ein Drittel aller Kinder in den Kindergärten im Wolfhager Land hat keinen ausreichenden Kontakt mehr zu seinen Eltern, weil die zu oft mit ihrem Smartphone beschäftigt sind. Das habe eine Befragung der Erzieherinnen in den Kindergärten ergeben, sagt Theresia Maria Wuttke vom Familienzentrum Hofgeismar. Sie hat sich damit beschäftigt, was die Nutzung des Smartphones mit dem Gehirn der Kinder anstellt. Die drängenden Probleme exzessiver Smartphonenutzung alarmieren auch das Familienzentrum und den Landkreis Kassel. Um diese ins Bewusstsein der Familien zu rücken, bieten sie am 15. und 16. Juni die Fach- und Familientage für Eltern, Pädagogische Fachkräfte und Interessierte in Wolfhagen an. Dort referiert am heutigen Freitag ab 19.30 Uhr auch Maria Wuttke zu diesem Thema. „Dabei geht es uns nicht darum, die Eltern zu kritisieren oder die Handynutzung zu verteufeln“, betont Anne Fuchs-Hanske vom Familienzentrum. Vielmehr wolle man Informationen geben, wie eine sinnvolle Nutzung für Eltern und Kinder aussehen könne und Wissen über die Gefahren gedankenlosen Smartphone-Gebrauchs weitergeben. „Mittlerweile ist das Handy eine Art Schnullerersatz geworden“, hat auch Kollegin Vera Wenzel beobachtet. „Der Blickkontakt mit dem Kind kommt zu kurz, weil die Mutter aufs Handy starrt.“

Wolfhager Fachtage mit Trickfilmstudio

Die Fach- und Familientage für Eltern mit Kindern im Alter von drei bis zehn Jahren, pädagogischen Fachkräften und Interessierten finden am 15. und 16. Juni in der Wolfhager Stadthalle statt. Start ist am heutigen Freitag um 19.30 Uhr mit dem Vortrag von Theresia Maria Wuttke „Schau hin: Wie die Nutzung von Smartphones das Gehirn unserer Kinder verändert.“ Am Samstag, 16. Juni, begrüßt Jugendamtsleiterin des Kreises, Sabine Scherer, um 10 Uhr die Gäste. Am Vormittag gibt es einen Tablet-Parcours, bei dem Apps ausprobiert werden können, und es eröffnet ein mobiles Trickfilmstudio. Einen Fachvortrag mit Diskussion leitet ab 11.30 Uhr Christian Tuhacek vom Diakonischen Werk. Außerdem warten Angebote für alle Sinne wie ein Barfußpfad, Fühlstation, Bobbycar-Parcours, Experimente und ein Maltisch.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.