Wolfhagen

Hausarzt kritisiert Corona-Impfung: „Die Vorgaben erfüllt in unserer Region keine Praxis“

Corona-Impfung in der Arztpraxis: Im Rahmen eines Modellprojekts haben erste Arztpraxen in Brandenburg mit Impfungen gegen das Coronavirus begonnen, hier in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz).
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Corona-Impfung in der Arztpraxis: Im Rahmen eines Modellprojekts haben erste Arztpraxen in Brandenburg mit Impfungen gegen das Coronavirus begonnen, hier in Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz).

In Hessen sollen in einem Pilotprojekt 50 Arztpraxen mit dem Impfen gegen das Coronavirus beginnen. Ein Hausarzt aus dem Kreis Kassel kritisiert dieses Vorgehen aus vielen Gründen.

Wolfhagen – Hessens Hausärzte sollen nun ebenfalls an die Impfungen gegen das Coronavirus herangeführt werden. Aus einem Rundschreiben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen geht hervor, dass dies zunächst über ein Pilotprojekt mit 50 Praxen bewerkstelligt werden soll. Die Fäden laufen beim Sozialministerium, dem Innenministerium und den Gesundheitsämtern zusammen.

Der Wolfhager Internist Dr. Matthias Hughes kritisiert dieses Vorgehen. „Was will man da pilotisieren?“, fragt Hughes, der in einer Hausarztpraxis arbeitet und derzeit auch im Impfzentrum Calden tätig ist. Oberstes Ziel sollte es doch sein, die Vakzine so zügig wie möglich zu verabreichen. Seine Befürchtung: Bewerbung, Auswahl der Praxen, Vorbereitungen vor Ort – all das seien Zeitfresser, die den Impfstart in den Hausarztpraxen weiter nach hinten schöben.

Impfen gegen Corona: Hausarzt aus Wolfhagen kritisiert geplantes Vorgehen

Kritik übt Hughes auch an den Voraussetzungen, die die niedergelassenen Ärzte zu erbringen haben, wenn sie Pilotpraxis werden wollen. „Die Vorgaben erfüllt in unserer Region keine Praxis.“ So sollen die Praxisräume bevorzugt barrierefrei erreichbar sein, ausreichend Parkplätze sollen fußläufig und am besten in einer Entfernung von weniger als einhundert Metern verfügbar sein.

In der Praxis sollen die technischen, räumlichen und apparativen Voraussetzungen zur sachgerechten Lagerung des Impfstoffs und zum aseptischen Vorbereiten der Impfung gegeben sein. Insbesondere das letztgenannte Kriterium der Keimfreiheit lasse sich nur unter Reinraumbedingungen erreichen – also in kaum einer Praxis.

Corona-Impfung: Hausarzt im Kreis Kassel hat anderen Vorschlag für Strategie

Statt Zeit mit der Suche nach Pilotpraxen zu verplempern, hält es Hughes für sinnvoller, beispielsweise die Wolfhager Stadthalle fürs Impfen zu nutzen und dort Mediziner aus allen niedergelassenen Praxen im Altkreis Wolfhagen zusammenzutrommeln. Dies jedoch würde als Eröffnung einer weiteren Betriebsstätte interpretiert, was wiederum zu einem bürokratischen Hemmnis führe. Für ihn steht fest: Die Kapazität des Impfzentrums wird nicht reichen, um alle Interessierten in diesem Jahr zu impfen.

Zumut- und umsetzbar für Praxen?

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen hinterfragt auf ihrer Homepage selbst, ob es für das Ausweiten des Impfens ein Pilotprojekt braucht. Sie gibt aber zu bedenken, dass das Impfen zunächst auf Basis der Impfverordnung und damit nach Priorisierung erfolge. Es gelte nun zu klären, ob das damit verbundene Procedere für die Praxen zumut- und umsetzbar sei. In einem ersten Schritt sollen zunächst 10 000 Dosen Astrazeneca den Praxen zur Verfügung gestellt werden.

Impfen gegen Corona: Kassenärztliche Vereinigung spricht sich für Pilotpraxen aus

In 50 hessischen Pilotpraxen soll das Impfen gegen das Coronavirus zunächst getestet werden. Das sei nötig, so die offizielle Stellungnahme von Karl Matthias Roth, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen, um die Prozesse mit den neuen, ungewohnten Vakzinen zu erproben. Gleichzeitig sei ihm natürlich klar, dass das Impfen zum Tagesgeschäft niedergelassener Ärzte gehöre.

Die Suche nach Testpraxen drossele das Tempo bei den Bestrebungen, möglichst schnell möglichst viele Menschen zu impfen. Auf Initiative von Sozial- und Innenministerium habe man die niedergelassenen Ärzte angeschrieben und aufgefordert, sich für die Teilnahme am Pilotprojekt zu bewerben. Der Rücklauf sei enorm, das Interesse riesig, sagt Roth. Der KV-Sprecher geht davon aus, dass im April flächendeckend und nicht nur in Pilotpraxen geimpft wird, ob schon am Anfang oder erst gegen Ende könne er nicht sagen.

Hausarzt aus dem Kreis Kassel: Voraussetzungen für Impf-Pilotpraxen schwer zu erfüllen

Allerdings gibt es unter der Ärzteschaft auch Personen, die die Einrichtung von Testpraxen kritisch sehen, da diese wertvolle Zeit bei der Verteilung des Impfstoffs kosten. Zu ihnen zählt der Wolfhager Internist Dr. Matthias Hughes, der nichts von der Vergabe des Impfstoffs an Testpraxen hält. In Mecklenburg-Vorpommern hätten Pilotpraxen Erfahrungen mit der Verabreichung verschiedener Vakzine gegen SARS-CoV-2 gesammelt. Diese könne man in Hessen nutzen.

Nicht alle Voraussetzungen für Praxen, die probehalber Impfungen vornehmen möchten, ließen sich erfüllen. Schwierig sehe es mit dem Angebot ausreichender Parkplätze aus. „Was ist ausreichend – zwei, fünf, 50? Und sind die frei“, fragt Hughes. Bei der Forderung nach sachgerechten Transportmöglichkeiten müsse definiert werden, was sachgerecht sei: Camping-Kühlschrank/Kühlbox wäre unproblematisch. Seines Wissens seien alle fraglichen Impfstoffe sogar bei Raumtemperatur mehrere Stunden lagerfähig.

Corona-Impfung in Hessen: Kritik an den geplanten Pilotpraxen

Beim barrierefreien Praxiszugang werde es schwierig. „Wir haben wie viele andere Praxen keinen ebenerdigen Zugang. Aber das war für unsere Patienten nie ein Problem, dafür gibt es Hausbesuche“, so der Internist. Problematisch seien die technischen, räumlichen, apparativen Voraussetzungen: „Was wird da erwartet?“ Kühlschrank mit Monitoring kriege man noch hin. Er kenne, von vereinzelten onkologischen Praxen abgesehen, keine, die über einen sterilen Arbeitsbereich (Cleanbench) verfüge. Aber nur so könne aseptisch gearbeitet werden.

„Die Erreichbarkeit bei Impfreaktionen wäre aus meiner Sicht ein viel wichtigeres Kriterium: Wenn diese im Anschluss nicht sichergestellt werden kann, sollte man es lassen“, sagt Matthias Hughes. Der Ärztliche Bereitschaftsdienst sei hierzu aus Gründen großer Entfernungen, fachlicher Kompetenzen und zeitlicher Organisation (bis man bei der 116117 durchkommt, kann es da zu spät sein) ungeeignet. Die Sicherstellung der notfallmedizinischen Kompetenz sei in den Impfzentren ein entscheidendes Eingangskriterium fürs Impfen. Ohne einen Notarzt vor Ort, werde nicht geimpft.

Dies werde im Anforderungsprofil nicht berücksichtigt. Relevante Impfreaktionen erforderten zeitnahes Eingreifen.

Corona-Impfung in Arztpraxen: Hessens Minister Kai Klose und Peter Beuth zu Modellvorhaben

Nach Zusage des Bundes sollen ab 1. April 2021 mehr Impfdosen bereitstehen. Daher sollen niedergelassene Ärzte beim Impfen eingebunden werden, heißt es in einer Stellungnahme von Sozialminister Kai Klose und Innenminister Peter Beuth. Das Pilotprojekt mit 50 Praxen soll den Eintritt in die Regelversorgung vorbereiten. Bislang habe es für eine Einbindung niedergelassener Ärzte zu wenig und keinen passenden Impfstoff gegeben. Zwei Wege sind vorgesehen:

  • Bis Ende März sollen 10.000 Dosen in den Testpraxen, die an die Impfzentren angebunden sind, verabreicht werden. Die niedergelassenen Ärzte wählen die Impflinge unter Beachtung der Priorisierungsreihenfolge aus. Bevor das Impfen weiter in die Fläche geht, werden die Erfahrungen der Testpraxen ausgewertet.
  • Hausärzte sollen zudem an der Impfung immobiler Personen, die älter als 80 Jahre sind, beteiligt werden. Die Ärzte werden von den Impfzentren beauftragt. Nach Absprache mit den Impfzentren können neben mobilen Impfteams also auch niedergelassene Ärzte häuslich impfen.

Das Modellprojekt dauert so lange, bis der Bund und die Kassenärztliche Bundesvereinigung die Voraussetzungen für Impfungen im Rahmen der Regelversorgung geschaffen haben. (Antje Thon)

Im Kreis Kassel haben derweil viele Menschen massive Schwierigkeiten, einen Impf-Termin zu bekommen.

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