Hier werden Räder flottgemacht

Wolfhager Fahrradwerkstatt wurde mit dem Hessischen Präventionspreis ausgezeichnet

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Ausgezeichnet mit dem Hessischen Präventionspreis: Die Wolfhager Fahrradwerkstatt in der Gemeinschaftsunterkunft Pommernanlage richtet sich an Asylsuchende und Menschen mit geringem Einkommen.

Wolfhagen. Kaum hat Frank Mahlich in der Gemeinschaftsunterkunft Pommernanlage die Tür zur Fahrradwerkstatt aufgeschlossen, herrscht auch schon reges Treiben im kleinen Erdgeschossraum von Haus acht.

Eigentlich wollte der Stadtjugendarbeiter, der die Werkstatt 2016 zusammen mit Max Günther, Henning Riedel und Klaus Wilhelm als Integrationsprojekt für Flüchtlinge initiiert hat, die gerade gekauften neuen Werkzeuge einsortieren, doch dafür bleibt keine Zeit. Mit Alo Roya, einem Iraker, der seit einigen Monaten in Gasterfeld lebt, begutachtet er einen platten Reifen mit riesigem Loch. „Das kommt häufig vor“, sagt Mahlich, versorgt Roya mit den nötigen Arbeitsutensilien, und schon ist für ihn der Fall gelöst.

Machen Montag für Montag alte Räder fit für die Wolfhager Straßen: Frank Mahlich (von links), Max Günther und Henning Riedel.

„So haben wir uns das immer vorgestellt“, sagt Wilhelm, der überzeugt ist von der Grundidee einer Selbsthilfewerkstatt, auch wenn der Alltag häufig anders aussieht. „Es gibt durchaus Jugendliche, die mit ihren kaputten Rädern kommen und sie von uns reparieren lassen, als seien wir Angestellte“, so der ehrenamtliche Schrauber, der dabei ausdrücklich keinen Unterschied zwischen deutschen und ausländischen Jugendlichen macht.

Dass auch Einheimische die Fahrradwerkstatt nutzen, ist ausdrücklich gewünscht. „Jeder Wolfhager kann mit seinem Fahrrad zu uns kommen, leider wird das noch weniger genutzt“, sagt Mahlich, der den Grund weniger in Berührungsängsten mit den Asylsuchenden und vielmehr im Standort sieht.

Den aber hätten er und seine Kollegen ganz bewusst gewählt, als es vor rund zwei Jahren losgegangen sei. „Wir wussten nicht so richtig, wie wir mit den Flüchtlingen in Kontakt kommen sollten“, erinnert sich der 46-Jährige. Wenig hätten sie gewusst über die Menschen in der ehemaligen Kaserne, nur soviel, dass zwei Dinge besonders wichtig für sie sind: ihr Fahrrad und ihr Handy. „Mit dem Mobiltelefon halten sie Kontakt zur Heimat, mit dem Rad kommen sie zumindest mal nach Wolfhagen.“ Fast zeitgleich hätte auch der Landkreis ein vergleichbares Projekt im Auge gehabt, und so sei die Idee entstanden, das Ganze in der Gemeinschaftsunterkunft anzusiedeln. „Alles andere hätte auch keinen Sinn gemacht“, sagt Henning Riedel. „Die Flüchtlinge hätten es mit ihren kaputten Rädern niemals von der Pommernanlage bis nach Wolfhagen geschafft, Wolfhager haben meist ein Auto, sind in wenigen Minuten hier.“

Auch wenn sich für die vier Werkstattmacher zumindest montags für zwei Stunden alles um Schrauben, Felgen und Ketten dreht, sind die Drahtesel in ihrem Projekt doch nur ein Vehikel zur Integrationsarbeit, und dafür gab es nun sogar den Hessischen Präventionspreis, der alle zwei Jahre an kriminalpräventive Projekte mit Vorbildfunktion geht. „Das war für uns eine schöne Bestätigung“, sagt Mahlich, während er an einem Kinderfahrrad schraubt, das der kleine Iraker Zaelh vorbeigebracht hat. „Irgendwas stimmt mit den Pedalen nicht“, sagt er. 

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